Porträt des WSG-Mitglieds Joachim Enders

Joachim Enders wurde 1956 bei Fulda geboren. Er hat in Köln von 1976 bis 1982 bei Wilhelm Salber studiert und zwischen 1984 und 1988 die Ausbildung in Analytischer Intensivberatung absolviert. Schon nach dem Studium kehrte er nach Fulda zurück und baute sich dort einen Wirkungskreis auf, der mit Dozenturen an Hoch-, Volkshoch- und Krankenpflegeschulen begann und in eine langjährige psychotherapeutische und beratende Tätigkeit sowohl im Erwachsenen, als auch im Kinder und Jugendlichen Bereich mündete. Heute ist er zudem in mehreren Arbeitskreisen und Qualitätszirkeln tätig und stellt fest, dass ihm das morphologische Konzept der Analytischen Intensivberatung eine Ausrüstung mitgegeben hat, die ihm dabei hilft, seine vielfältigen Aufgaben und Interessen zu strukturieren.

Das Kernkonzept der Intensivberatung musste im Rahmen der Tätigkeit als Kassenpsychotherapeut einige Kompromisse eingehen. Perspektivisch möchte sich Joachim Enders daher nun von den Regularien und Sachzwängen der Kassenpraxis unabhängiger machen. Er würde die Intensivberatung gerne Wirtschaftsunternehmen und Einzelpersonen bei der Behandlung von beruflicher Überlastung („Burnout“) im Rahmen einer Privatpraxis anbieten.

Joachim Enders ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler von afrikanischen, ethnografischen Objekten (Skulpturen und Masken) und interessiert sich für die Geschichte des amerikanischen Hiphop, Rap und Jazz. Museumsbesuche sind ihm wichtig und zur Entspannung spielt er Gitarre. Wanderungen und das Suchen von Pilzen machen ihm ebenfalls Spaß. Im letzten Jahr verstarben seine beiden Jack-Russel-Terrier, was ihn nun vor die Aufgabe stellt, aus eigenem Antrieb weiterhin sportlich zu bleiben. Wie zuvor zwei anderen Kollegen, legten wir auch Joachim Enders unseren Fragebogen vor:

Herr Enders, was wünschen sie sich für die Zukunft der WSG?
In erster Linie wünsche ich mir, dass es in der jetzt neu und anders präsentierten Form der WSG möglich ist, Morphologie lebendig und Morphologen im Austausch miteinander zu halten. Ich kann mir vorstellen, dass die Psychologische Morphologie auf diese Weise auch einem weiteren Kreis bekannt gemacht werden kann. Ich selbst verspreche mir gerade von der digitalen Form eine Erweiterung und Verlebendigung von Kontakten und einen größeren Spielraum in formaler wie inhaltlicher Hinsicht. So können Statements, Artikel und Berichte zu aktuellen oder relevanten Themen aus morphologischer Sicht, aber vielleicht auch von allgemeinem Interesse zugänglich gemacht werden. Auch die Möglichkeit, anderen Mitgliedern eine Nachricht zukommen zu lassen, fände ich sinnvoll und hilfreich, wozu bspw. eine aktualisierte Mitgliederliste mit Mailadressen in einem nicht-öffentlichen Bereich der Website veröffentlicht werden könnte. Bewährt hat sich aus meiner Sicht auch der Austausch in Blog-Form, zu dem interessierte Mitglieder Beiträge leisten, sog. Threads, mitverfolgen und –gestalten können. In dieser Hinsicht bin ich allerdings technischer Laie und kann Möglichkeiten und Aufwand nicht einschätzen.

Welches Gebiet oder Phänomen des menschlichen Lebens sollte morphologisch untersucht werden?
Zur Beantwortung dieser Frage fehlt mir die genaue Kenntnis dessen, was bereits untersucht wurde. Vorstellen könnte ich mir Untersuchungen zu aktuellen Themen wie die psychologischen Hintergründe der Anhänger von AFD oder Pegida. Oder den Zusammenhang von Formverlust auf der einen, verstärkter Moralisierung auf der anderen Seite als gesellschaftliches Phänomen. Interessant wäre auch die Untersuchung des Zustandekommens der im klinischen Bereich zunehmenden Burn-Out-Phänomene. Oder auch der Chancen und Begrenzungen neuer digitaler Informationsformate, die entsprechend auf die individuellen Interessen hin selektiert und zubereitet werden. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Frage, warum der Entzug des Handys für einen Jugendlichen oft die höchstmögliche Sanktion darstellt.

Über welche Berührungspunkte haben sie die psychologische Morphologie kennengelernt?
Zu Beginn meines Studiums in Köln hatte ich über ältere Kommilitonen von einem Hype um die Morphologie gehört. Begeistert und fast ehrfürchtig wurde davon erzählt, aber manchmal auch abschätzig. Ich denke Salbers Freud-Vorlesungen haben mich und meine früh gebildete Arbeitsgruppe dann sehr schnell und nachhaltig überzeugt. Man konnte ihm stundenlang zuhören und war fasziniert. Auch von dem umfangreichen Wissen, der Schlagfertigkeit und der Belesenheit, zu der das Bonmot umging: „Wohin sie auch reisen, Salber war schon da“. Die Vorlesungen zu Kunst, Psychologie, Behandlung bildeten dann den zweiten bedeutsamen Zugang und mein heute großes Interesse an der bildenden und sonstigen Kunst, vor allem auch der Literatur, wurde hier wesentlich geprägt.

Welches psychologische Buch nehmen Sie immer mal wieder zur Hand?
Ich lese sehr gerne in neueren und älteren Ausgaben der Zeitschrift anders, die sich auf meinem Praxisschreibtisch stapeln. Hier hat Salber über viele Jahre seine Sicht der Morphologie dargelegt und variierend – auch für mich – immer wieder aufgefrischt und erneuert. Bestellt hatte ich mir unlängst antiquarisch die großformatige Ausgabe von Wilhelm Salbers „Kunst, Psychologie, Behandlung“. Auch sie liegt auf dem Schreibtisch und ich schaue immer wieder rein. Die erste Auflage konnte ich mir 1977 nur als Kopie leisten. Ein anregendes und meine Arbeit prägendes Buch, spannend und vielfältig mit seinen „verrückten“ Kaleidoskopen und Collagen.

Welches Land würden Sie einmal gerne bereisen?
Ich würde gerne noch einmal wie dieses Jahr im Oktober für eine Woche, aber dann deutlich länger, Südspanien bereisen. Granada und Cordoba haben mich insbesondere in Gestalt der mythischen Mischwesen Alhambra und Moschee-Kathedrale nachhaltig beeindruckt und fasziniert. Hier gibt es noch mehr zu entdecken und das Erlebte zu vertiefen. Interessant die noch spürbaren Schnittstellen und Übergänge der Kulturkreise und die überall auffindbaren Vermittlungs- und Verständnismöglichkeiten über das, was Salber vielleicht ein ‚materiales Symbol‘ genannt hätte.

Gestalt und Verwandlung ist das zentrale Urphänomen der psychologischen Morphologie: in wen oder was würden sie sich gerne für einen Tag verwandeln?
Auch das wandelt sich. Aktuell würde ich gerne – als Consigliere natürlich – am Hof der Nasriden-Fürsten des 14. Jahrhunderts in der Alhambra unterwegs sein, um die Gärten und Räume der Paläste im Original erleben zu können. Als Gärtner ginge auch.

Herr Enders wir bedanken uns für Ihre Antworten.