Wiederentdeckt - Eine Arbeit von Wilhelm Salber zu Prometheus aus dem Jahr 2010

Wilhelm Salber
Prometheus – Wie Morphologie die Alltagswelt sieht

Psychologen sollten nicht so einfach für dumm halten, was die Leute fragen (ohne allerdings die erwarteten Beurteilungen zu geben, wie emotional, unvernünftig, sadistisch, wahnsinnig). Vielmehr auch hier die Phänomene beschreiben, die in den Fragen aufgegriffen werden: Wieso wird ein gütiger Familienvater zum KZ-Wächter; wieso hat ein fundamentalistischer Ideologe kein Problem mit Unrecht-Tun; warum handelt der gleiche Mensch heute so und morgen so; warum vergessen Menschen, wie es wirklich war; warum erwarten Menschen Allesmögliche von einem Vater Staat; warum wirkt Placebo derart eindrucksvoll; warum setzen sie einspurig auf immer mehr und mehr (auch nach der Börsenkrise) statt sich auf die Lebensfülle einer ganzen Kultur einzulassen? Das Beschreiben der Fragen steht nicht isoliert für sich, sondern ist immer von einem psychologischen Kontext her entwickelt: Die Phänomene sind das Dasein und die Lehre (Goethe). Das ist eine metapsychologische Grundlage von Gegenstand und Methode – es ist eine umfassende Weltsicht, die auch die Wissenschaft nicht verdrängen darf. Denn Fragen an die Psychologie lassen sich nicht durch Einzelangaben über Elemente, Motive, Kausalitäten beantworten. Im Reich des Seelischen geht das immer nur von einem ganzen Weltbild aus, das die Phänomene in einem zusammenhängenden System weiterleben lässt (Gegenstandsbildung). Wenn ein Psychologe etwas über seelische Entwicklungen sagen will, muss ihn dieser Blick auf die Welt bei Fragestellung, Forschung, Experiment, Zusammenfassung, Behandlung in Fleisch und Blut übergegangen sein. Er kann nicht, wenn ein Fall auf der Couch liegt, ins Nebenzimmer laufen und beim Internet anfragen, was er nun tun soll.

Fragen-Beschreiben ist ein Übergang zum Verstehen. Wie kommt zustande, dass Güte uns nahe geht und Vernichtung von „Feinden“ unberührt lässt? Welche Dramatik hält den ständigen Wechsel und das Verfehlen von Hoffnungen zusammen? Welche seelische Hierarchie lässt den Stolz stärker werden als die Erinnerung? Welche seelischen Lasten und welche Beweglichkeiten schwinden, wenn der Vater Staat alles abnimmt? (Prometheus wird zu einer umfassenden Antwort darauf) Ein Zusammenhang von Fragen-Beschreiben-Verstehen des Ganzen, der funktioniert, kommt allein zustande im Kontext der autonomen Gesetze seelischer Existenz. Deren Metapsychologie umfasst alle Einzelheiten oder Symptome – wozu sollte man sonst Psycho-Logie betreiben? Wer nichts von Ganzheit, Schließungstendenz, Ergänzung, Umbildung weiß, kann nicht verständlich machen, wie Seelisches sich in andere seelische Gestalten wandelt. Der kann nicht Entwicklungen beurteilen. Wissenschaftler müssen wissen, was sie tun. Dem Bild des Seelischen im Ganzen ist es gemäß, ganze Werke und Figurationen in den Blick zu nehmen, dramatische Verwandlungsprozesse, Entwicklungsgebilde zu sehen.

Vorentwürfe für diese eigenständige Seelenwelt finden sich in den Märchen und Mythen der Völker, mitsamt ihrer eigentümlichen Traumlogik (Psychästhetik). Das wird zum Rahmen für eine ausholende und ausreichende Behandlung seelischer Probleme durch die Psychologische Morphologie. Der Dramatik seelischer Phänomene entspricht die (apersonale) Dramatik der Märchen-Figurationen. Dabei kommen immer wieder zum Vorschein eigenständige Kategorien des Seelischen, wie Indem, Dazwischen, Paradox, Abwehr-Metamorphosen, Explikation von Phänomen und Urphänomen. Zum Erzählen kann man das vereinfachen. Indem davon gesprochen wird, märchenhafte Urphänomene gestalteten oder strukturierten die Dramatik des Alltags. Bei psychologischen Analysen kommt es grundsätzlich darauf an, die Bewegung der Phänomene als einen Zusammenhang im Ganzen zu sehen und zu verstehen. Das schaffen die Märchen und Mythen, weil sie ganze Verwandlungen, Entwicklungsgebilde, Werke in Bewegung, bewegende Gestalten darstellen.

Märchen stellen die kompletten Seelen-Dramen in Entwicklungs- oder Schöpfungsspiralen dar. Eine Vielfalt seelischer Komplexe gerät in verschiedene Drehungen und Wendungen, die das Seelische durchmachen muss, wenn es seiner Verwandlungen innewerden will. Naturgemäß heben sich bei diesen Metamorphosen charakteristische Drehpunkte heraus. Heranwachsende müssen sich trennen von der Versorgungsgeneration (ausgesetzte Kinder). Gestalten eignen sich andere Gestalten an durch Auffressen (Wölfe, Drachen, Zauberer).Bewerkstelligen als Durchmachen von Leiden-Müssen und Leiden-Können (Mutproben und andere Herausforderungen). Umbilden und Umlernen als Zerstörung und Wiedergeborenwerden. Solche Drehpunkte der Märchen heben speziell die Mythen-Bildungen heraus. Die Brüder Grimm ließen auf die Märchen-Sammlung psychologisch konsequent die Sagen und die Mythologie folgen.

Daher folgt die Psychologische Morphologie sowohl der Dramatik von Märchen, von Fall zu Fall, als auch ihren mythischen Drehpunkten. Ihre künstlerische Darstellung haben sie in den „Metamorphosen“ von Ovid gefunden. Damit die Morphologie sich nicht allein von Märchen her definiert, bezeichnet sie ihre Metapsychologie als Ovidisch oder als Mythische Morphologie.

Ovidische Morphologie rückt ausdrücklich die umfassende Wirklichkeit des Seelischen, die seelische Eigenwelt, als Metapsychologie in den Blick. Von dieser Weltsicht her unternimmt sie es, methodisch mit Beschreibungen, Fragestellungen, verständlichen Zusammenhängen auf die Gestalten der Wirklichkeit einzugehen. Indem sie ihre Untersuchungsbefunde darstellt, lässt sie damit auch immer anklingen, wie die seelische Eigenwelt beschaffen wird, auf welche seltsame Logik, auf welche Konstruktionsprobleme zu achten ist.

An der Drehfigur von Prometheus vergegenwärtigt die Morphologie in der Art Ovids die Eigenwelt des Seelischen und auch der Psychologischen Morphologie. Diese Drehfigur wird zur Grundlage, aus der sich umfassende Antworten auf die Alltagsfragen oben entwickeln lassen. Prometheus ist eine Figuration mit vielem Hin und Her, mit Widersprüchen und Sehnsuchtskonsequenz, mit Parteiverrat, mit Schöpfungsbereitschaft und Zerstörung, mit Rebellion gegen Götterverbote und unvermeidlichem Leiden-Müssen.

Karl Philipp Moritz erzählt die Geschichte so: Prometheus war ein Titan, einer der ersten Herrscher der Welt. Von seiner Mutter Themis erbte er die Vorhersage künftiger Ereignisse. Weil die anderen Titanen seine Ratschläge verachteten, ging er zu den neuen Göttern über. Allerdings unterwarf er sich auch denen nicht völlig, sondern ging seine eigenen Wege.

Einer dieser Wege führte ihn dazu, aus Wasser, Erde und Tieren menschliche Geschöpfe herzustellen. Das hat Anklänge an die Schöpfungsgeschichte der Bücher des Moses. In Gestalt eines Schmetterlings schuf er ihnen mithilfe der Weisheitsgöttin Athene eine Seele. Dadurch rief er den Neid der Götter hervor.

Prometheus war einer der alten Götter, der sich aber den jüngeren Göttern zuwandte. Mit denen trat er in Konkurrenz, als ein Trickster suchte er sie hereinzulegen. Für die Menschen aber wurde er zum Lehrer, er brachte ihnen bei, wie sie die Wirklichkeit kultivieren können. Da Zeus den Menschen das Feuer verbot, brachte er es heimlich in einem hohlen Rohr von der Sonne auf die Erde. An den Menschen rächten sich die Götter durch eine künstliche Frauenfigur, Pandora. Sie brachte mit einem Gefäß die Übel in die Welt, verschloss aber den Deckel, ehe die Hoffung herauskam. An Prometheus rächte sich Zeus, indem er ihn an den Kaukasus schmieden ließ; er wurde mit Ketten und einem Keil durch die Brust am Felsen befestigt. An seiner Leber, die ewig nachwuchs, zehrte ein Adler. Von seinen Leiden erlöste ihn erst Herkules, halb Gott, halb Mensch, der den Adler tötete. Prometheus war der Vater von Deukalion, dem Menschen, der die Sintflut überlebte. Durch Prometheus kam in der aufrechten Stellung des Menschen die ganze Natur zum Anschauen von sich selber.

Die Strahlen der Sonne leuchten, aber das Auge des Menschen sieht. Der Donner rollt, aber die Zunge des Menschen redet vernehmliche Töne. Das ungleiche Verhältnis der Menschen zu den Göttern gab den Stoff zu den tragischen Dichtungen wie auch zu dem Revolte-Gedicht von Goethe. Der Sohn des Prometheus trug dazu bei, dass aus den Steinen der Mutter Erde ein neues Geschlecht der Menschen entspross, deren harte Herzen keine Gefahr scheuten, die kühn das Meer beschifften und in der Schlacht dem Tod ins Angesicht sahen. In diese Bilder hüllten die Erzählungen die Entstehung der Menschen ein, die im ewigen Zwist mit sich selber sind und die ihre Kraft gegen sich selber kehren.

Pandora setzt Angst und vernichtende Abwehr gegenüber unheiligen Einfällen von Draußen in Bewegung. Die heile Welt der eigenen Familie wird durch gnadenlose Zerstörung von Fremden – Ungeheuern, Unmenschen, Dämonen, Viren, Unheil – „gerettet“. Das macht den gütigen Familienvater unter Umständen zum KZ-Wächter.

In seinen Metamorphosen spricht Ovid von Gestalten, die sich in neue Gestalten verwandeln. Vom Chaos geht es aus: Ein ungeordnetes Gemenge, Widerstreit kommt auf ohne rechten Zusammenhang. Die Dinge stehen quer zueinander, ohne eigene Gestaltkonstanz. Dann schlichtet ein Gott oder die Natur den Widerstreit; trennt die Elemente und verbindet sie zugleich in einem Weltgefüge. Der Mensch wird zum Menschen in der Behandlung dieser Wirrwarr-Welt.

Mit Prometheus läuft das ganze noch einmal ab: Aus Erde, Samen, Tieren, Wasser formt er den Menschen, zum Ebenbild der Götter. Er gab ihm ein Antlitz, das empor blickte – was sich bisher als Erde gestaltete, verwandelte sich in diese neuen unbekannten Figuren, in Menschen-Gestalten.
Zum dritten Mal dargestellt wird die Verwandlung in den vier Versionen der Weltalter. Das letzte Zeitalter ist voller Tücke, Gewalt, Habgier, Krieg. In einer Sintflut wird Alles ertränkt. Nur der Sohn des Prometheus entkommt in einer Arche.

Prometheus, das ist der Seelenbetrieb als Werksteller. Der in die Dramatik der Wirklichkeit gerät, in den Neid der Götter, in Gegebenheiten, die fördern oder behindern. Das ist nicht einfach zu verstehen und ist doch irgendwie zu verstehen. Prometheus ist das Seelische im Übergang zwischen alten und neuen Schöpfungen oder Verwandlungen. Für und gegen herrschende Gegebenheiten stellt sich sein Menschenwerk. Die Gestalt seiner Werke ordnet den Fluss der Wirklichkeit. Es sind „gemachte“ Werke, Naturkonstruktionen, und doch sind ihre Herstellungsgeheimnisse unbewusst. Ein Riesen-Gebilde mit unbewussten Bauplänen, mächtig und hilflos zugleich, wenn es seine Entwicklungen in der Hand zu halten sucht.

Die morphologische Methode lässt sich auf die prometheische Weltsicht ein und sucht sie nachzubilden (Rekonstruktion der Natur). Das wird zum Weg, anderen Zusammenhängen nachzuforschen, als den üblichen Selbstverständlichkeiten. So wie die Träume der Nacht das auch ohne unser Zutun machen. Die Morphologie sucht in jedem einzelnen Fall wiederzuentdecken, was Mythen und Märchen über das Schicksal menschlicher Werke sagen.

Zwei Gemütserschütterungen bewegen, nach I. Kant, die Weltsicht des 18. Jahrhunderts: Das Wunder des Sternenhimmels über uns und das Pflicht-Gesetz in uns. 2010 bewegen unsere Weltsicht, mehr unbewusst als bewusst, zwei andere zauberische Erschütterungen: Die gewaltige, unverständliche, globale Technik und der Globalbetrieb seelischen Funktionierens, ebenfalls unverständlich, wenn wir ehrlich sind.

Dennoch verspüren wir ein in sich zusammenhängendes Bild der Wirklichkeit. Aber eine Mauer von Selbstverständlichkeiten versperrt den Blick auf die wirklichen Probleme der seelischen Werke und Unternehmungen. Zur Mauer gehören leider auch die gängigen Begriffe der Psychologie.

Ein anderer Durch-Blick durch die Mauer eröffnet für die Morphologie paradoxe Zusammenhänge. Das Seelische gleicht dem Prometheus, der Menschen schafft. Prometheus, der Schöpfer, der Dulder, der Konstrukteur, der Trickster, der Götterfreund und Götterfeind, der einem ungeheuren Schicksal Unterworfene. Der Feuer-Reiber, der den Göttertrank raubt, der durch seinen Zwilling gefährdet wird (Bruderprobleme).

Speziell auf prometheische Drehpunkte macht die globale Kulturkrise aufmerksam (der Mythos führt im Rapunzelmärchen genaueres aus zur freien Kunst und zur seelischen Eigenwelt). Er reibt sich an den seelischen Stilllegungsgeboten mächtiger Bruderschaften (Zeus=Versorgungsstaat, Parteienkaste, Maximierungszwänge, Ideologie von Zuteilung und Verboten). In einer Polarität dazu bilden sich rebellische Unternehmungen angesichts der Kulturkrise: Einfach-Schaffen, Werk-Sachlichkeit, Erfindungsreichtum. Statt ewiger Wiederholung Feuer-Gewinnen, Türme Verlassen, auf Abdämpfungen Verzichten, neue Fragen stellen, Unverantwortlichkeit aufgeben.

(übernommen aus anders 1/2010, S. 42-50)