Das WSG-Mitglied Hans Jürgen Eilers hat bei WDR 5 eine Sendung über den Einsatz von Psychopharmaka in der Psychiatrie gehört. Mit seinem Beitrag möchte er auf die Sendung aufmerksam machen.

Die Krise der Psychiatrie – Ruhigstellen ist zu wenig

von Hans Jürgen Eilers

Die Entwicklung der Psychologischen Morphologie gründet auf einer minutiösen Analyse von sehr unterschiedlichen psychologischen Theorien. In “Der psychische Gegenstand ” (4. Auflage 1975) untersuchte Wilhelm Salber die unterschiedlichen Herangehensweisen, die Seele zu verstehen. Allen gemeinsam war der Versuch, die grundsätzlichen Fragen nach Einheit, Richtung sowie Zusammenhang zu beantworten.

Grob unterscheiden ließ sich, dass eine Vielzahl von Theorien auf die Feststellung von Gesetzmäßigkeiten im Seelischen und deren Erklärung aus ist. Diesen stellte Salber die Methode der Mitbewegung mit der Beschreibung dessen, was im Seelischen im Nacheinander passiert, gegenüber. Seinem wissenschaftlichen Anspruch folgend, entwickelte er in diesem Zusammenhang Kriterien für eine originär psychologische Beschreibung (Strukturen der Verhaltens- und Erlebensbeschreibung, 1969).

Salbers frühe Untersuchungen mündeten in die Entwicklung der Psychologischen Morphologie als einer autonomen Gegenstandsbildung. Ein Kriterium für eine solche Autonomie ist eine spezifische Weise der Auffassung seelischer Prozesse und eine eigene Begrifflichkeit. Ob die Psychiatrie als ein Fach der Medizin eine solche Autonomie besitzt, darf bezweifelt werden. Auf jeden Fall zählt sie zu den feststellenden und erklärenden Wissenschaften. Sie bestimmt, was normal, krank oder gesund ist, kategorisiert seelische Phänomene in einem Katalog von Diagnosen (ICD, DSM). Der Psychologie ist dieses Vorgehen eher fremd.

Der Psychiatrie geht es weniger um das Verstehen der Psycho-Logik des jeweiligen Falles, sondern – wie in der gesamten Medizin – um die Bekämpfung der Krankheit, definiert als Abwesenheit von Gesundheit und deren Wiederherstellung (Linderung und Heilung). Der Umgang mit krisengeschüttelten Patienten erfolgte lange Zeit, dem wissenschaftlichen Ansatz entsprechend, durch Aussonderung und Ruhigstellung. Ab den späten 50er-Jahren lösten Medikamente die bis in die 1970er Jahre bestehende Segregation von psychisch Kranken durch ortsferne Massenunterbringung und physische Fixierung ab (“chemische Fessel”). Aber statt aufwändiger, verstehender Mitbewegung geht es in der Psychiatrie bis heute um „Normalisierung“ durch Beruhigung und Dämpfung, letztlich um die Wiederangleichung unangepassten Verhaltens an eine vermeintlich bestehende gesellschaftliche Konvention.

Das hörenswerte WDR-Feature von Martin Huber (Erstsendung 8.10.17, WDR 5) ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Einsatz von Psychopharmaka. Zugleich wirft es Licht auf den aktuellen Stand der Psychiatrie und ihre Rolle im Gesundheitswesen. Ist der kategorisierende Ansatz beim Umgang mit seelischen Besonderheiten in eine Krise geraten?

Das WDR 5-Feature von Martin Huber finden Sie HIER.