Am 10. September 2018 begann die neue Reihe der WSG "Gespräche in der Wilhelm Salber Bibliothek". Über 20 Kollegen waren gekommen um den Vortrag von Prof. Dr. Daniel Salber "Ihr werdet sein wie Gott - Gegenwartskultur und Mythos" zu hören und anschließend über seine Thesen zu diskutieren.

Ausgehend von konkreten Alltagsbeschreibungen machte Daniel Salber sichtbar, wie die neuen Übermenschen im Zeitalter der Globalisierung leben: perfekt, allwissend, korrekt, leidensfrei, fehlerlos, glatt. Doch die technisch-ökonomisch gestützte Allmacht ist zugleich Ohnmacht. Wir sind Übermenschen und zugleich Sklaven. Die Welt ist unverständlich, die Menschheit zerrissen und gefesselt durch ihre eigenen Automaten. Das wirre Zuviel und Zuwenig unserer Kultur wird auf einer mythisch-religiösen Ebene als Hybris verständlich. Um auf neue Wege zu kommen, reicht es daher nicht, den Kapitalismus zu bändigen, die Demokratie zu verbessern oder Bescheidenheit zu predigen. Es geht um die grundsätzliche Frage: Was ist der Mensch? Das berühmte Bild von Hieronymus Bosch “Der Garten der Lüste” diente zur Veranschaulichung des Gesagten.

Bevor Prof. Dr. Daniel Salber mit seinem Vortrag begann, berichtete Prof. Dr. Blothner, wie es zu der Einrichtung der Gesprächsreihe kam und in welchem konzeptionellen Rahmen sie stattfinden soll:

“Sehr geehrte Kollegen, von Wilhelm Josef Revers (1918 – 1987) stammt der Satz:

„Ist die Psychologie auch in vielem im Recht, was sie vom Menschen behauptet, so ist sie doch im Unrecht mit dem, was sie von ihm verschweigt.“

Mir fiel dieser Ausspruch des Erfinders des Thematischen Apperzeptions-Tests (TAT) in die Hände, als ich zur Vorbereitung des heutigen Abends eine Liste von Kollegen anfertigen wollte, mit denen Wilhelm Salber im Laufe seines Lebens psychologische Gespräche führte. Ich konnte mir vorstellen, wie er und sein Freund „Jupp“ Revers durch die Cafés Salzburgs und Kölns zogen und über das sprachen, was ihre Kollegen des psychologischen Mainstreams, dem sie beide nicht angehörten, zu verschweigen suchten oder aus methodischen Gründen nicht zu sehen vermochten.

Ich kann nun nicht alle Kollegen aufzählen, mit denen Salber gerne und häufig in Austausch war. Sie kamen aus der Philosophie, der Germanistik, der Romanistik, der Indologie, den Kunst-, Theater- und Filmwissenschaften. Über Jahre bildeten sie das, was man heute einen „Gesprächskreis“ nennt: regelmäßig, abwechselnd bei einem von ihnen Zuhause, mit Snacks und Getränken. Ich möchte an dieser Stelle auch an die vielen interdisziplinären Seminare erinnern, die Salber in den dreißig Jahren als Direktor des Psychologischen Instituts II durchführte. Mal fanden sie in den Hörsälen des Psychologischen Instituts statt, mal an den anderen Lehrstühlen. In der Regel befassten sie sich mit konkreten Gegenständen – Romane, Kunstwerke und Filme. Wir konnten uns auf diese Weise ein Bild davon machen, wie unterschiedlich die Wissenschaften ein und dieselbe Welt aufrollen und was den Kern der morphologisch-psychologischen Auffassung ausmacht.

Die Anregung zu der heute beginnenden Reihe „Gespräche in der Wilhelm Salber Bibliothek“ gaben uns – neben einem Brief des Kollegen Uri Kuchinsky – einige späte Texte Salbers, die er in der von ihm selbst begründeten psychologischen Zeitschrift anders veröffentlichte. Dort stoßen wir wiederholt auf die Formulierung „ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben“. Das ist nicht nur praktisch in dem Sinne gemeint, dass es in einer Welt der vielen Kulturen und Lebensformen erforderlich ist, ständig miteinander in einen Austausch zu gehen, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu vermeiden. Salber machte sich meines Erachtens darüber Gedanken, wie es uns, den Erben seiner Psychologie, möglich sein würde, mit interessierten Menschen über die Psychologische Morphologie – auch ohne ihn – ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben. Er hatte die Beobachtung gemacht, dass die Menschen heute wissen wollen, was das Seelische ist, wie die menschliche Psyche arbeitet und in welcher Richtung sie ihre Kultivierung weiterführen kann. Die Menschen sind wirklich enttäuscht von den Datenhaufen der Mainstreampsychologie und den formalistisch-abstrakten Konzepten über das, was Freud die „psychische Realität“ bezeichnet hat.

Die Menschen wollen wissen – um das Bonmot von „Jupp“ Revers noch einmal aufzugreifen – was leider allzu viele Psychologen anscheinend übersehen oder gar verschweigen. Lassen Sie uns daher aus dieser heute beginnenden Reihe eine kontinuierliche Plattform machen, auf der wir immer wieder auch über die unsagbaren Bereiche des Seelenlebens miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben.”

 

Die nächste Veranstaltung am 08. Oktober 2018 mit Dipl.-Psych. Werner Pohlmann “Erich Rothacker – Wilhelm Salber. ‘Was du ererbst von deinen Vätern…'” ist leider bereits ausgebucht.

Ort der Veranstaltung: Wilhelm Salber Bibliothek in der Psychotherapeutischen Praxis Blothner, Mathar, Schmidt, Werth in der Zülpicher Straße 83, 50937 Köln. Telefon: 0221 420 1138. Die Praxis befindet sich an der Haltestelle „Universität“ der KVB-Linie 9. Beginn jeweils 20:15 Uhr.