Die Jahrestagung der WSG findet unter den gegebenen Umständen dieses Jahr in Form einer ZOOM-Konferenz statt. Den genauen Ablauf der Tagung mit Referenten und Vortragsthemen entnehmen sie bitte unserem Veranstaltungskalender. An dieser Stelle präsentieren wir einen Text von Wilhelm und Daniel Salber, der 1999 in der Zeitschrift Zwischenschritte 1/1999-1, S. 73-77 erstmals veröffentlicht wurde. In Form eines Pamphlets wirft er von der Jahrtausendwende aus einen Blick auf das Jahr 2020, in dem wir heute leben. Wir geben den Text an dieser Stelle kommentarlos wieder. Auf der Tagung wird ein aktuelles Statement zu ihm abgegeben werden.

Daniel Salber & Wilhelm Salber
Anarchie und Diktat – Perspektiven für 2020

Der Wohlfahrtsstaat hat sich festgefahren. Was jetzt? In den Sackgassen entstehen Umwälzungen. Die These des folgenden Beitrags: Um in Zukunft menschlich zu leben, müssen wir mehr Anarchie zulassen. Anarchie ist kein Schreckgespenst. Anarchie bedeutet, Denkverbote außer Kraft zu setzen, verfestigte Einrichtungen zu brechen, ungewöhnliche Organisationen auszuprobieren. Keine Partei, kein Klimagipfel, keine technische Innovation führt heute weiter. Chaos und Terror drohen – aber nicht als Begleiter der Anarchie, sondern infolge der zunehmenden Panik staatlich-wirtschaftlicher Verfügungen.

AUSKUPPLUNGS-GESELLSCHAFT

Nie gab es so viele >Freiheiten< wie heute. Und selten wurden Menschen so geschickt und komplett gegängelt wie heute. Wie passt das zusammen? In den westlichen Gesellschaften reduziert sich die wirkliche >Freiheit< auf die freie Wahl zwischen Rasierwasser, Urlaubsorten, Katzenfutter, Lebensversicherungen. Alles andere nimmt ein bürokratisch-industrieller Komplex seinen Bürgern ab. Er nimmt ihnen vieles Lästige ab, er nimmt ihnen aber auch in zunehmenden Maße Steuern und Gestaltungsmöglichkeiten ab.

Die Erfindung des >Privaten< machte es möglich, den einzelnen von gesellschaftlich wirksamen Entscheidungen fernzuhalten und ihm zugleich das Gefühl von „Freiheit und Abenteuer“ zu geben. Das >Individuum< lebt in einem Zustand des Auskuppelns: isoliert von seinen Mitmenschen, losgelöst von der Gesellschaft, wirkungslos einer staatlich-wirtschaftlichen Automatik gegenüber. So kann es seiner >Selbstverwirklichung< frönen, ohne die Abläufe des großen Zuteilungs- und Verwaltungskomplexes zu stören.

Bürokratie, Vorschriftenflut, Steuerabschöpfung, Parteienklüngel regeln Gedeih und Verderb ohne Rücksicht auf die >freien Bürger<. Der moderne Staat überlässt sogar die Versorgung mit Lebenssinn – trotz Parolen von Werten und Verantwortung – der Genussmittel-Werbung, der Marken-Kleidung und den Fernseh-Serien. Technisierung und Globalisierung unterstützen das Auskuppeln, indem sie die einzelnen völlig überfordern und im >Menschlichen< hilflos zurücklassen.

RAFFINIERTER ALS BIG BROTHER

1984 liegt hinter uns. Auch Orwells „1984“? Im Orwell’schen Staat ist alles völlig beliebig – bis auf den Großen Bruder und sein Einheits-Diktat. Er verspricht: keiner, der mit-arbeitet, soll hungern oder frieren. Und er nimmt den von ihren Freiheiten bedrohten Menschen alle Sorge um Fehl-Entscheidungen, Konflikte, Sinnprobleme ab. So hat es die >Partei< auch mit der Weimarer Republik gemacht.

Nach dem Krieg wurde ein anderer Dreh gefunden: Der Staat wurde so gestaltet, dass für >Privates< ein Freiraum blieb. Freiheit wurde als Gedanken- und Kauf-Freiheit dem >Inneren< und dem >Geschmack< zugeteilt – das Äußere wurde Sache der staatlich-wirtschaftlichen Verfügungen. Die Einheit der Gesellschaft setzt der Polizist, der Finanzbeamte, Sozialarbeiter, Börsenspekulant durch. Hier kommt ein Zwang zum Ausdruck, der nicht weniger massiv wirkt als der Große Bruder.

GEISTERBAHN DER ABSTRAKTIONEN

Die Parallelen zu „Big Brother“ gehen noch weiter. Zwischen dem ausgekuppelten Privatleben und der bürokratisch-industriellen Bastion findet kein lebendiger Austausch mehr statt. Spaltung gehört zur Tagesordnung. Jede Gemeinschaft lebt aber vom Austausch. Daher bleibt im herrschenden System nichts anderes übrig, als den Austausch durch Abstraktionen zu ersetzen. Der Austausch wird entleibt, entmaterialisiert, entkörperlicht – und vorgespielt.

In Orwells „1984“ sind die Abstraktionen (und ihre Beliebigkeit) schon an den Parolen sichtbar: „War is peace“, „ignorance is strength“, „freedom is slavery“, „Big Brother is watching you“. Das erinnert nicht nur an Sprüche des Ostblocks, sondern rückt auch die Abstraktionen des Westens heraus: Sozialpartnerschaft, Fortschritt, Selbstverwirklichung, Pluralismus, Globalisierung. Das sind Ersatzstoffe für ein gemeinschaftliches Lebens-Bild. Die täglichen Aufrufe zu >Verantwortung<, >Flexibilität< oder >Selbstständigkeit< sind un-wirklich, erwecken aber den Anschein, der Einzelne können etwas im großen Ganzen bewegen – oder ihn würde etwas von dorther bewegen.

ES LÄUFT NICHT MEHR – WAS NUN?

Die Abstraktionen tun nur so, als brauchten die Menschen einander – tatsächlich herrscht ein Nebeneinander (jeder für sich – aber garniert mit >Toleranz und Gerechtigkeit<). Unter Belastungen wird aus dem Nebeneinander und dem Fehlen von Konsequenz eine Krise, eine Depression, ein Zerfall. Heute zeigt sich, dass abstrakte Geld-Anhäufung keinen Umsatz in menschlicher Beschäftigung, Arbeit, Unternehmung findet, dass Anspruch auf soziale Gesinnung nicht mit Staatsbürokratien oder Standortsicherung zu erledigen ist. Der Staat kann zum Gegner seiner Bürger, die >Wirtschaft< zum Feind derer werden, für die sie (einst) gedacht war.

Mit vollen Touren hat sich das westliche Gesellschaftsmodell festgefahren. Karl Marx beschrieb, dass ein abstraktes >Mehr-Werden< des Kapitals alle Kräfte bindet, ohne ein >Anders-Werden< zu bewirken. Das trifft heute auf viele Bereiche zu. Die abstrakte Geldanhäufung, die abstrakte Demokratie, die abstrakte Zuteilungsbürokratie, das abstrakte Europa: sie bilden ein >Mehr<, dass sich von den menschlichen Alltagsunternehmungen gelöst oder entfremdet hat. Daher helfen sie nicht gegen Arbeitslosigkeit, Sinnleere, Brachliegen, Politikverdrossenheit. Eine umfassende Veränderung ist unumgänglich.

FESTUNG EUROPA

Im Alltag wie in der Werbung oder im Fernsehen passiert das gleiche wie in Staat und Wirtschaft: Beruhigungen, Unterhaltungsspiele, Talks und Explosionen. Anstelle notwendige Probleme und heikle Veränderungen anzupacken, lässt der >Zuschauer< Stellvertreter handeln – in Sport, Action-Serien, Parlaments-Ausschüssen, Unternehmensberatungen. Das gibt viel Geräusch, aber keine Bewegung. In Alltagsgesprächen und Medien wiederholen sich vier Grundmodelle, mit denen die Europäer weiterkommen wollen. Auch hier liegt das Schwergewicht auf Beruhigung und Unterhaltung:

1. Besitzstandswahrung. Weitermachen und nach uns die Sintflut. Jeder optimiert sich selbst und trägt eben einen Arbeitslosen mit Beschwörung unserer Errungenschaften bis zum Ende. Das ist Eingraben und Verteidigung des Angeeigneten – Festung Europa. Geopfert wird die Zukunft.
2. Umverteilen. Es geht weiter durch Rechenkunststücke und Verschieben. Notfalls den >Besser-Verdienenden< oder aber den >Sozialschmarotzern< (Arbeitslose, Kranke, Alte) ihr Zuviel abnehmen. Jeder soll die Hälfte arbeiten (was macht er dann mit der anderen?). >Flexibilisierung< und >Privatisierung< verschieben den Punkt des Zusammenbruchs.
3. Reformationen. Gläubigwerden für Fundamentales, für Supernatürliches. Oder für runderneuerten Fortschritts-Optimismus, für Gen-Auslese, noch perfektere >neue< Welten.
4. Radikale Neuordnung. Es geht nur weiter, wenn es wirklich anders wird. Entweder kompletter Staats-Sozialismus – oder Vertrauen auf einen revolutionären Generationswechsel, auf jugendlich-anarchische Bewegungen.

DIKTAT UND ANARCHIE

Ob sich Europa zur Super-Nation verfestigt, ob das Umverteilen zur ausfüllenden Beschäftigung wird – und inwieweit das Ganze noch mit abstrakten Weihrauch zu stabilisieren ist, das zu wissen hilft nicht viel. Entscheidend ist etwas anderes: In den geläufigen Zukunfts-Modellen steckt eine ungeheure Angst vor wirklicher Veränderung. Doch diese Angst hat eine Kehrseite: die heimliche Sehnsucht nach radikalem Wandel. Wie, wenn auf einen Schlag alles anders wäre? Wenn das Ungelebte und Aufgestaute plötzlich Ausdruck fände? Das ständige Abgeben an Stellvertreter, das Klammern an Besitzstand, die erlebte Ohnmacht erzeugen einen explosiven Tatenstau. Er kann die >bürgerliche Gesellschaft< in ganz ungeahnte Richtungen fortreißen.

Die Geschichte dieses Jahrhunderts zeigt, dass eine heute noch auf Besitzstand und Stilllegung fixierte Gesellschaft morgen zum plötzlichen Losschlagen übergeht. Ähnlich neigt die heutige Lebensform – losgelöste Individuen, eine abstrakte Staats-Bastion, fehlende Umsatzformen – zum spontanen Zerfall. Die gespaltene Situation kann nach zwei extremen Seiten auseinanderbrechen: Alles Bestehende wird einem zwingenden Befehl, einem Diktat unterworfen – oder mit allem Bestehenden, mit allem Befehl wird gebrochen. Beide Extreme setzen sich zugleich durch: es geht in Richtung Diktat und Anarchie.

Je mehr sich das kapitalistische Lebensmodell festfährt, desto mehr greift es zu Zwangsmaßnahmen, damit es trotzdem weitergeht – mehr Bürokratie, mehr starke Männer, mehr Zwänge auf dem Arbeitsmarkt. „… und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.“ Das hört sich finster an: doch bei hilflos-isolierten Menschen kann das Diktat durchaus auf Sympathie rechnen. Es wäre ein verzweifelter Versuch, die Abspaltung des Einzelnen von Staat und Wirtschaft per Befehl aufzuheben.

Weitergehen kann es aber auch in völlig entgegengesetzte Richtung – durch Anarchie, durch Auflösung der staatlich-ökonomischen Maschinerie. >Direkte Aktion< wird eines Tages für ein menschliches Existieren lebensnotwendig. Denn Herrschaftslosigkeit >zwingt< Menschen dazu, in direkten Austausch zu treten und ihre Verhältnisse wieder >unter Menschen< zu regeln. Das ist ein ganz anderes >Diktat<, das mit faulen Kompromissen aufräumt und äußerste Konsequenz und höchste Klarheit erfordert. Anarchie ist die Ordnung des Übergangs, des Prozesses. Sie lässt Dogmen und Zwänge (>internationaler Wettbewerb<) hinter sich, um Raum für vielfältige neue Organisationsformen zu schaffen.

Anarchie ist eine Antwort auf Diktatur. Und umgekehrt: Das Diktat befällt die Anarchie, da es von lästigen Unruhen und Diskussionen >befreit<. Was im Ringen zwischen Diktatur und Anarchie herauskommen wird, das wird die Zukunft zeigen. Beides kann sich bekämpfen – aber das eine kann auch ins andere umschlagen. Denkbar sind unorthodoxe Zwischenformen wie eine >Diktatur der Anarchisten<. So abwegig ist das nicht, siehe die „organisierte Indisziplin“ Durrutis oder die Formel von der „Diktatur des Proletariats“. Die paradoxen Wendungen zeigen, dass uns dafür noch Worte fehlen.

UNSERE TÄGLICHE ANARCHIE

Heute zeichnen sich (schon oder wieder) Vorformen von Diktat und Anarchie ab. Der >starke Mann< fasziniert viele Europäer – und zugleich haben sie Angst davor. Mitten im kapitalistisch diktierten Amerika entstehen lose Formen der kommunalen Selbstorganisation, die Traditionen der Pionierzeiten fortführen (>Nachbarschaftsregierungen<). Sogar in Deutschland wird Anarchie täglich praktiziert, wenn auch nicht unter diesem Namen. Übertriebene Steuergesetze treiben Selbstständige wie Arbeiter zur Anarchie, selbstherrliche Politfürsten erzeugen Staatsverdrossenheit. Anarchie findet nicht nur in Selbsthilfegruppen, Initiativen, Vereinigungen statt, sondern in vielfältigen, namenlosen und spontanen >Assoziationen< von Menschen. Diese Netze unterlaufen die offiziellen staatlich-ökonomischen Diktate, halten aber Gesellschaft und Betrieben wirksamer zusammen als das >soziale Netz<.

In den klassischen Geschichtsmodellen ist nicht zu fassen, was an diffuser Unruhe heute nach Ausdruck sucht. Es stehen keine Proletarier oder Arier den Kapitalisten oder Untermenschen gegenüber. Es fehlen Bilder für das Zerstörerische, das in unserem Gesellschaftssystem selber liegt, und aus Verlegenheit werden abwechselnd alle möglichen Sündenböcke bemüht – die Ausländer, die Ausländerfeinde, die Beamten, die Bakterien, die Schadstoffe. die Fronten verlaufen quer durch alle hergebrachten Klassen: Kleine Angestellte bekämpfen Junkies, Türken prügeln sich mit Russland-Deutschen, Chefs verbünden sich mit Betriebsräten, Aktionäre unterstützen Greenpeace. Das sind Vorboten eines anarchischen Getümmels, in dem prozessgeschädigte Eheleute, von den Banken ausgeplünderte Unternehmer und stellenlose Jugendliche freie Verbindungen oder Verfeindungen eingehen, Anarchie, das heißt: quer durch alle Ordnungen hindurch.

Zum ersten Mal in der Geschichte ist keine herrschende Schicht klar auszumachen, die zu köpfen wäre. Wie tritt man gegen einen abstrakten Apparat an? Gegen die bürokratisch-wirtschaftliche Maschine, die soeben zum Endsieg per >Globalisierung< ansetzt? Dagegen hilft keine Partei – auch die nicht, deren Sozialsein sich in der Erhöhung der Mineralölsteuer erschöpft. Sprechen wir es doch aus: Mit dem Staat ist kein Staat mehr zu machen. Indem sich Vater Staat auf seine eigene Absicherung konzentriert, schreibt er der Gesellschaft eine Kur vor, die ihre Krankheit nur verschlimmert – weitere Gesetzesfluten, mehr Eurokratie und > globale< Unterwerfung. Die Ausschaltung dieser ausgerasteten Maschinerie bleibt der einzige Ausweg. Dabei werden sich neue Existenzformen, neue Linien und Gruppierungen bilden, die nicht in herkömmliche Kategorien passen.

Neu ist auch das Fehlen einer Utopie. Aus ganz verschiedenen Ecken rotten sich Unzufriedene zusammen gegen das, was sie beherrscht – doch nicht allein das >Wogegen< bleibt unbestimmt, sondern auch das >Wofür<. Bisher stritten die Menschen für ein Reich oder für das kommunistische Paradies. In Büchern war einigermaßen genau verzeichnet, wie das aussehen sollte. Was die Unzufriedenen heute verbindet, ist kein Programm mehr. Sie wollen >einfach nur raus<. Einfach Menschsein. Lebenwollen. Nichtuntergehen.

Programmlosigkeit ist die Chance der undogmatischen Anarchie: sich ohne Theoriezwang auf Werdeprozesse einlassen. Es gibt keinen fix und fertigen Fahrplan mehr, kein Schielen auf >geschichtliche Notwendigkeiten<, sondern in unserem Tun und Leiden stellt sich pragmatisch heraus, was sich weiterentwickeln lässt und was nicht. Anarchie bedeutet nicht, sich einfach treiben zu lassen, sondern entschieden durchzusetzen, was die Gunst der Zeit bringt.

Heroische Revolutionen sind passé – es gibt nicht die Eine Macht, die durch eine andere ersetzt werden könnte. Anarchie fängt auch nicht erst >nachher< an, sondern hier und jetzt. Sie will keine Utopie, sondern pragmatische Formen zum Überleben. Sie will kein gelobtes Land erreichen, sondern den Alltag aushaltbar machen. Schon jetzt überleben Großbetriebe nicht durch ihre >genialen Lenker<, sondern dadurch, dass sich Arbeiter untereinander verständigen und chaotische >Managementstrategien< ins Leere laufen lassen. Umwälzung entsteht, indem an vielen Stellen gedreht wird, indem Widerstand aus dem Alltag hervorgeht und vielfältige, unberechenbare >Verstöße< ihre Wirkung entfalten.

Anarchie wird nicht nur von >den< Anarchisten gemacht. Sie wächst von selbst.