Alle Jahre wieder feiern die Menschen in der Westlichen Welt Weihnachten. Es ist ein Fest, dass durch seine Position in der Nähe der Sonnenwende, vor allem aber durch die Markierung eines entscheidenden Wechsels in der Kulturgeschichte herausgehoben ist. Bei alledem ist das Weihnachtsfest auch eine wiederkehrende Alltagsform, in der universale Grundverhältnisse eine lebbare Lösung zu finden suchen. 2020 wird für es für viele anders ausfallen, als gewohnt. Die Einschränkungen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie werden  Auswirkungen auf das Fest haben. Wir geben hier einen Text von Werner Wagner wieder, der 1988 in der Zeitschrift zwischenschritte erschien. Es handelt sich um eine umfassende Untersuchung, die auf 75 Interviews basiert, welche im Rahmen von Beschreibungsübungen am Psychologischen Institut der Universität zu Köln in den 1980er Jahren durchgeführt wurden. Wir geben sie an dieser Stelle ohne die Fußnoten und Literaturangaben des Originaltextes wieder.

Werner Wagner

Es begibt sich jedes Jahr –
Zur Psychopathologie des Weihnachtsfestes

Die Feiertage sind für mich immer am folgenden Tag lustiger
PICABIA

Vorbereitungen
Im Gegensatz zu den ‘beweglichen’ Festen steht der Termin von Weihnachten fest. ‘Alle Jahre wieder’ heißt es am 24. Dezember den Heiligen Abend feiern. Das Gelingen des Festes scheint von der Erfüllung eines einfachen ‘Anforderungsprofils’ abzuhängen: Geschenke, Tannenbaum, ‘Bescherung’, eventuell Kirchgang und eine gute Mahlzeit. Aber an Weihnachten scheint ‘mehr’ auf dem Spiel zu stehen als die Belebung eines tradierten Musters.

Wenn man sich mit Weihnachten nicht weiter auseinandersetzen möchte, ist man mit bestimmten Einwänden schnell zur Hand: der merkantile Rummel, der Konsumterror, der Kaufzwang, das Weihnachtslied im Kaufhaus usw. Aber was ist da zum Geschäft ‘verkommen’ – das Fest der Kinder, ein christliches Ereignis, der ‘eigentliche’ Anlass, ein ‘ursprünglich’ heidnisches Sonnenwendfest oder die Saturnalien?

Zum Weihnachtsfest fällt zunächst Feierlichkeit, Freude, Wärme, Geborgenheit ein; diese Qualitäten werden zumeist in einem ‘Früher’ lokalisiert. Es heben sich synästhetische Bilder heraus von sich öffnenden Türen, Lichter­bäumen, Kugeln, Glockenklang und Wohlgerüchen. Von Erwartungen, Überraschungen, Überwältigt-Werden ist die Rede – und, als wolle man sich vor einem Versinken in diese, wie man meint, erinnerten Bilder schützen, reißt man sich heraus: Am liebsten wolle man weg, Weihnachten entfliehen, ganz woanders sein, den ‘Gefühlsballast’ abwerfen.

Störendes wird bemerkbar: Dass es Weihnachten bald langweilig wird, Spannungen auf­kommen, Differenzen sichtbar werden, Hektik, Nervosität, Streit, Enttäuschungen, Neid – alles Empfindungen, die im Gegensatz zu Weihnachten, dem Fest der Familie, des Friedens und der Liebe stehen.

Endlich möchte man von Weihnachten in Ruhe gelassen werden; der hohe Anspruch wird als unerfüllbar erlebt. Formen werden aufgesucht, die einfacher gelebt werden können: gemeinsames Essen, eine Fete feiern, einen Ausflug oder Urlaub machen.

Mit Erleichterung wird festgestellt, dass man sich die Frage stellen darf, ‘wie feiern wir Weihnachten dieses Jahr?’ Sich andeutende Variationsmöglichkeiten werden als Hinweis auf eine Auflockerung von Festlegungen oder gar Zwang verstanden.

,,Vater und ich schmücken meistens den Tannenbaum am 24sten morgens im Wohnzimmer und dann darf bis zur Bescherung keiner mehr rein. Währenddessen macht meine Mutter was zu essen, so Eintopf, was schnell geht, und dann wird zu Mittag in der Küche gegessen. Dann wird Fernsehen geguckt; wir versuchen, so den Berti (8) zu beschäftigen, weil der dann so zappelig ist, und gegen drei kommt die Familie angetrudelt.

Alle Verwandten, ja alle, die zur Familie gehören, zum engeren Kreis, die eben in Köln und Umgebung wohnen, Tanten, Omas und so.

Zu Weihnachten, da kommen eben alle zu uns, weil wir eben am meisten Platz haben, so für den Weihnachtsbaum und so. Da braucht man ja viel Platz, weil wir immer so einen ganz großen kaufen, so bis zur Decke. Son kleinen, fimschigen, find ich blöd. Außerdem find ich so einen großen viel stimmungsvoller und gemütlicher, wenn der schön geschmückt ist.

Wenn die dann kommen, geben sie meinem Vater und mir die Geschenke. Die dekorieren wir so unterm Baum, und die setzen sich ins Esszimmer, und die Frauen, die helfen dann alle den Tisch decken, fürs Kaffeetrinken. Dann ist da meistens ein ganz großes Durcheinander, weil keiner so richtig weiß, wo die Sachen stehen und so; und der Berti, der kreischt dann auch so durch die Gegend. Die Susanne spielt dann im Kinderzimmer, aber ab und zu kommt er mal spinksen. Die Männer, die verziehen sich in eine Ecke und quatschen. Und dann kommt die Oma, immer auf den letzten Drücker, die bringt dann ganz viel Kuchen mit und Plätzchen. Und dann wird Kaffee getrunken, so ganz feierlich mit Kerzen und so. Und der Berti, der wird dann immer so aufgezogen, so, ob er schon weiß, was er kriegt, und der ist meistens dann ganz schön aufgeregt, und das färbt dann auch auf die Erwachsenen ab.

Wir haben ja so ne Schiebetür zwischen Esszimmer und Wohnzimmer und wenn wir fertig sind mit Kaffeetrinken, dann geht mein Vater rein und macht die Lichter an vom Baum und ein paar Kerzen, klingelt mit einem Glöckchen, und dann macht er die Schiebetüre auf. Der Berti, der rast dann immer da rein, wie ‘ne Rakete. Und jeder sucht sich dann seine Ge­schenke. Dann ist es meistens furchtbar laut, bis man findet, was für einen ist, und dieses ganze Papiergeraschel und die Ausrufe, wenn man was aus­ gepackt hat. Dann ruft immer einer: ‘Guckt mal hier, was ich gekriegt hab. Man wird beschenkt. Und dann muss man aber auch, muss nicht, aber man schenkt dann auch. Demjenigen, von dem du was kriegst, dem schenkst du dann auch was.
Aber eigentlich meine ich, das ist doch überall das­ selbe, bei allen Leuten; die Familien, die feiern doch alle gleich Weihnachten, wenn man sich umguckt.“
(Aus einem Interview mit einem 18jährigen Schüler)

Zusammenkommen
Untersucht man die Erlebensbeschreibungen konkreter Festverläufe auf grundlegende Dimensionen hin, fällt zunächst ein durchgehender Zug auf, den man ‘Zusammenkommen’ nennen könnte.

Weihnachten scheint darauf zu bestehen, dass man sich trifft – im ‘engsten Kreis’ der Familie, im Freundeskreis, mit den nächsten Ver­wandten, Großeltern, Schwiegereltern. usw. Man hat dann das Gefühl, ‘unter sich’ zu sein. Es wird Wert daraufgelegt, dass Töchter und Söhne, die – dem Haushalt längst entwachsen – ‘draußen’ sind, in die Familie zurück­kehren, um ‘gemeinsam’ Weihnachten zu feiern.

Sich um Allein-Stehende zu kümmern, Obdachlose zu beherbergen, Isolierte einzuladen, verweist auf diese Tendenz. Das Herein­nehmen eines Fremden, von dem man an­ nimmt, dass er fern seiner Heimat, wo u.U. gar kein Weihnachtsfest gefeiert wird, den Abend hätte allein verbringen müssen, macht auf eine Eigentümlichkeit aufmerksam: Auch die Gastgeber sind nicht mehr allein, wenn sie jemanden bei sich haben.

Das Zusammenkommen findet statt in einer ‘warmen Höhle’, in der ‘guten Stube’, die vom Lichterbaum erhellt, besonders hergerichtet und geschmückt, von Musik und angenehmen Gerüchen erfüllt ist. Demgegenüber steht das Bild vom Weihnachtsmann, der ‘von draußen’, dem verschneiten, dunklen Wald oder aus der Kälte des Weltalls kommend für einen kurzen Moment Einkehr hält und an den Freuden der Heimeligkeit teilhat.

Der durch das Bild des ‘Unbehausten’ aufgerufene Kontrast steigert das Gefühl des Zu­ Hause-Seins. Im gemeinsamen Warten und Liedersingen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und allseitigem Beschenken versichert man sich seiner Zusammengehörigkeit. In­dem man sich früherer Zeiten und vergangener Weihnachten erinnert, kann dieses Gefühl verstärkt werden. Die Gefahr einer Verfestigung droht, wenn zu sehr auf den ‘Traditionen’ bestanden wird und das Zusammenkommen verpflichtenden Charakter annimmt.

Neudefinition
Das Zusammenkommen offenbart sehr bald eine andere Seite; denn das Wiederherstellen alter Verhältnisse kann nicht gelingen, da in­zwischen Veränderungen stattgefunden haben. Die Heimgekehrten fragen sich, als wer oder was sie eigentlich gekommen sind. Häufig bekommen sie die alten Plätze zugewiesen, die gewohnten Verhältnisse sollen sich wiedereinstellen. Sie werden als die Kleinen imaginiert, die es zu beschenken gilt, und die mit Glanz in den Augen die Eltern zu beglücken haben. Man wird zum ‘alten Kind’ gemacht. In gewissem Grade ist man sogar angetreten, diese Rolle noch einmal spielen zu dürfen. Der Alltagssorgen für ein paar Tage ledig, kann man sich beschenken und versorgen lassen wie früher. Es scheint möglich, in eine Welt einzutauchen, die man für verloren oder überwunden hält, jedenfalls längst verlassen hat. In der Regel kommt jedoch ein Gefühl auf, in einem viel zu kleinen Anzug zu stecken.

Gegen das Zusammenkommen spricht die Einschätzung, ein anderer geworden zu sein mit eigenen Ansichten, Ansprüchen und Wünschen. Dazu gehört auch eine eigene Vorstellung von Weihnachten. Der Anspruch des Anders-Werdens steht im Gegensatz zu dem Anliegen, alte Verhältnisse wiederherzustellen.

Die Frage wird wichtig, wie wird man gesehen, als welcher taucht man auf, und wie sieht man die anderen. Gerade ‘zu Weihnachten’, wenn man sich in den vertrauten Kreis begibt, wird das Problem der ‘Neu-Definition’ deut­lich spürbar. In der Begegnung entscheidet sich, ob eine Änderung registriert wird und damit auch Gültigkeit beanspruchen kann. Erkennbar werden Veränderungen z.B., wenn man als Kind nicht mehr an das Christkind glaubt, als Jugendlicher bereits mit dem Vater den Baum schmücken darf, der elterlichen Bescherung ganz fernbleiben oder als junge Familie ein ‘eigenes’ Weihnachtsfest ausrichten kann. Wenn die eigenen Kleinen zu beschenken sind und die Eltern als Großeltern in Erscheinung treten, haben sich die Verhältnis­se umgekehrt.

Nach einem missglückten Weihnachten nimmt man sich vor, es im nächsten Jahr anders zu machen.

Überfülle
Wenn man lang genug gewartet hat, öffnet sich endlich die Tür; vom Glanz des Lichterbaums geblendet muss man sich zunächst in einem Raum orientieren, der angefüllt ist mit Flitterkram, Paketen, bunten Tellern usw. Ein überfüllter Gabentisch wird bald zum Ziel aller Bestrebungen. Beim Auspacken der Ge­schenke lässt man sich viel Zeit, um möglichst lange daran Freude zu haben. In den Erinnerungen scheint Weihnachten als ein Ereignis des Überflusses, der Übersteigerung, des Außergewöhnlichen. Es ist, als habe sich ein Füllhorn über die weihnachtliche Gemeinde ergossen. Es soll sogar vorgekommen sein, dass es aus einem Loch in der Stuckrosette Süßigkeiten ‘geregnet’ habe.

Auch wenn man sich von Geschenken nicht gerade überschüttet fühlt, gibt es trotzdem eine kleine Besonderheit, etwas, das aus dem Rahmen des Gewohnten fällt. Beispielsweise wird ein besonderes Essen hergerichtet oder ein spezielles Getränk gereicht oder ein Gebäck, das es nur zu Weihnachten gibt. Eine festliche Musik erklingt, man singt Lieder in der Heimatsprache und erzählt sich Ge­schichten. Ein Gottesdienst, der mitten in der Nacht (Christmette) stattfindet, kann aufgesucht werden; auch hier stößt man auf Besonderheiten. In der noch dunklen Kirche geht plötzlich das Licht an, Tannenbäume und Krippen sind aufgestellt.

Gegenüber den Erinnerungen fällt die Vorstellung des ‘heutigen’ Weihnachten meist qualitativ ab. Man möchte zwar gerne noch­ mal alles wie früher vor sich haben, findet sich aber mit dem Unwiederbringlichen ab.

Da die Weihnachtsgaben vom Christkind oder dem Weihnachtsmann gebracht worden sind – sie stehen zumindest unter dem Baum und sind nicht persönlich überreicht worden -, ist man der Pflicht persönlicher Dankbarkeit enthoben. Die Weihnachtsgeschenke entziehen sich damit dem Kreislauf des Schenkens – Gegenschenkens.

Einsatz
Auch wenn die Notwendigkeit von Dankbarkeit bei den Geschenken ohne Geber entfällt, ist jedoch bereits vor Weihnachten (Advents­zeit) und auch während der Festtage die Pflicht zum Einsatz gegeben. Man muss sich persönlich in geschäftiger, finanzieller, moralischer, religiöser oder zumindest einfallsreicher Weise für das Gelingen eines Festes ein­setzen. Bei der Auswahl der Geschenke, der Herrichtung des Weihnachtsmahls, der Ausgestaltung der Feier ist ein hohes Maß an Engagement gefordert. Gerade den Kindern wird in dieser Zeit ein ‘braves’ Verhalten ab­verlangt. Besondere Anstrengungen werden im Kindergarten, in Schulen und Kirchen gemacht, das Fest vorzubereiten; verkaufsoffene Samstage stehen den Erwachsenen zur Verfügung, ihren Einsatz für Weihnachten zu leisten. In der Institution ‘Weihnachtsmarkt’ finden der Gedanke des ‘Advent’ und das merkantile Interesse einen gemeinsamen Ausdruck. Vielfach erfüllt der Besuch des Marktes in sinnfälliger Weise das, was man von Weihnachten erwartet. Er ersetzt das, was er antizipiert – das weihnachtliche Gefühl. Mit Wehmut registriert man an den Festtagen, dass der Weihnachtsmarkt bereits geschlossen hat.

Mit Einsatz-Leisten und Einsatz-Zeigen ist ein Abfeiern des eigenen ‘Selbst’ verbunden. Sei es das Selbst-Gebastelte, das Selbst-Gebackene, der eigenhändig geschlagene Baum oder der eigene musikalische Vortrag – wenn die gezeigte Leistung eine selbst erbrachte ist im Gegensatz zu einer kommerziell erreichbaren, scheint ein ‘ursprünglicheres’ Weihnachten näher gerückt zu sein.

Mit der Investition eigener oder ersatzweise pekuniärer Mittel ist zugleich ein Maß gegeben, das eine Aussage über ein Mehr oder Weniger möglich macht. Vergleiche mit früheren Weihnachten werden angestellt. Ermitteln lassen sich die Anzahl der Geschenke ebenso wie die Umsatzsteigerungen der Geschäftsleute oder der Preisunterschied des Tannenbäumchens.

Ausgleichung
Weihnachten verlangt dem Einzelnen etwas ab, bis hin zum Einsatz aller verfügbaren Mittel und Möglichkeiten; dafür darf er sich et­was erhoffen.

Das ideale Weihnachten findet im Schnee statt. Der Schnee verhüllt alle Unterschiede, Schandflecke und Missklänge. In der ‘weißen Weihnacht’ verdichtet sich das Versprechen einer Ausgleichung jeglicher Differenzierungen. Alle sollten zufriedengestellt, versöhnt eine Einheit bilden. Die Erfüllung dieser Erwartungen fände einen vernehmbaren Ausdruck – so manche Phantasien -, wenn alle Glocken zur gleichen Zeit erklängen, alle Lichter im selben Augenblick er­leuchten würden.

Die Ideologie der Ausgleichung führt zur Ausblendung störender Ereignisse. Die üblichen Tagesnachrichten, bereits auf Kurzmeldungen reduziert, werden nicht zur Kenntnis genommen. Die Waffen ruhen in Kriegsgebieten; Konflikte, Probleme, Katastrophen wer­den als unpassend und besonders tragisch er­lebt. Belastende Beiträge in den Medien möchte man meiden.

„Entsetzlicher Heiliger Abend – was um alles in der Welt haben Sie sich dabei gedacht, ausgerechnet in der Weihnachtsausgabe den großen Artikel über Krebs zu veröffentlichen?“ (Leserbrief an den KStA, 3.1.1986).

Weihnachten tut so, als gäbe es den sonstigen Alltag nicht. Im Ignorieren des Trennenden, Verschiedenartigen, Störenden wird der Anspruch aufrechterhalten, es könnte zumindest im kleinen, engen Kreis einmal ein Aus­gleich der Gegensätze, ein Vertuschen der Unterschiede erreicht werden. Die Störungen sollten wenigstens für einen Abend, einen Tag, ein Fest lang aus dem Leben zu bannen sein.

Inszenierung
Weihnachten ist das Fest der großen Inszenierung. Einmal im Jahr wird das Wohnzimmer zur Bühne, der illuminierte Weihnachtsbaum zur Kulisse für ein Stück ‘Rühr-Seeligkeit’. Es ‘rührt’ die alljährliche Zelebrierung desselben Rituals. Jeder ist bemüht, seinen Part im Weihnachtsspiel so gut wie möglich zu erfüllen. Die Kinder tun, als glaubten sie an das Christkind, die Jugendlichen machen mit ‘in Familie’, die Eltern huldigen einer Illusion des Nicht-Vergänglichen. Man lässt zu, für die Eltern nochmals Kind zu sein. Der kindliche Glaube bewahrt sich in Imaginationen.

Jeder übernimmt seine Rolle beim Spiel ‘Weihnachten’ und schauspielert als Verantwortlicher, Macher oder als Wartender, Überraschter, Beschenkter; Gerührter. Die Mutter bereitet ein besonderes Essen zu, der Vater schmückt den Baum, die Kinder lassen sich beschenken. Das Timing muss stimmen. Man gestattet sich, für eine kurze Zeit über die Verhältnisse zu leben; alles kann leicht einen Zug ins Außergewöhnliche erhalten.

Als Mitspieler ist man zugleich aber auch Zuschauer. Was inszeniert wird, kann zugleich auf seine Wirkung hin überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Allerdings hat man keine Möglichkeit, das Stück mit allen Beteiligten einzuüben. Nach den Vorbereitungen nehmen die Dinge ihren Lauf; entweder gelingt das Fest, oder es gelingt nicht. Jedes Weihnachten ist eine Generalprobe für das nächste Jahr.

Für die Aufführung hat man sich auf eine gemeinsame Geschichte geeinigt. Im Mittelpunkt steht die ‘Bescherung’; diese gilt es vor­zubereiten; darauf hat man zu warten. Das Ganze macht das ‘Christkind’ – das bekommt man jedoch nicht zu Gesicht. Diese Geschichte, die den Kindern erzählt wird, nach der sich aber auch die Erwachsenen richten, dient dazu, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Betrugsgeschichte.

Die Weihnachtsgeschichte von Jesu Geburt fungiert in der Geschichte von Weihnachten wie ein Film im Film. Ihr kommt der Stellenwert einer Symbolisierung zu: die Geburt eines Kindes in einem Stall, in der Fremde, ohne Behausung, in ‘Wirklichkeit’ Gottes Sohn, ein König, von Hirten verehrt, die Welterlösung verheißend. Der Kirchgang belebt diese Geschichte; dadurch wird die Feier im Kleinen zu einer öffentlichen, globalen Angelegenheit. In der Errichtung einer Krippe erhält das Ganze einen sichtbaren Ausdruck. Die Figuration in einer Miniaturlandschaft hält ein Ereignis mit weltgeschichtlicher Bedeutung fest. Es markiert uns nicht nur die Teilung in ein vor- und nachchristliches Zeitalter; das Christentum hat in der Tat auch Geschichte gemacht.

Weihnachten total

Zugleich im Alt-Gewohnten zusammenzukommen und sich neu zu definieren, hohen Einsatz zu leisten und ideale Ausgleichungen zu erwarten, Überfülle ohne Berechtigung zu erhalten und in einer ritualisierten Inszenierung festgelegt zu sein, ist ein seelisches Unding.

Die unterschiedlichen Forderungen stehen im Widerspruch. Die verschiedenen Ansprüche trotzdem in eine Form zu bringen, er­ fordert erheblichen Aufwand. Das gelingt nicht in einem Anlauf; Weihnachten muss geübt sein. Allenfalls ergänzen sich im Außergewöhnlichen die Dimensionen der Überfülle und Neu-Definition. Weihnachten wird zur Gelegenheit, einmal das ‘Ganz-Andere’ zu leben. Im Überschreiten gewohnter Lebensformen versichert man sich seiner alltäglichen Verhältnisse; es wird erfahrbar, wo die Grenzen des persönlichen Spielraums liegen.

Dagegen verträgt sich nicht mehr die Ideologie umfassender Ausgleichung mit der erwarteten Fülle. Nicht jeder kann gleich reich beschenkt werden; auch kann die Welt nicht auf einen Schlag in ein Gleichgewicht gebracht werden. Individuelle Unterschiede bleiben bestehen und werden durch verschiedenartige Geschenke zudem betont. Dem könnte nur das Einheitspräsent Abhilfe schaffen. Auch die Frage nach Sinn und Nutzen des Einsatzes lässt sich nicht eliminieren. Immer wieder tauchen Fragen auf wie: ,,Stehen Aufwand und Resultat in einem vertretbaren Verhältnis? Sind die Geschenke ‘angekommen’? Hat das Essen geschmeckt?” Vor dem Hintergrund unlösbarer Widersprüche ergeben sich eine Reihe von Überlegungen, die schließlich in einer generellen In-Frage-Stellung von Weihnachten gipfeln können.

Gänzlich unvereinbar sind Ansprüche der Neu-Definition und Erwartungen des Überkommenen. ‘Wieder der/die Alte zu sein’ gelingt nur unter Verleugnen. Weihnachten stellt vor die Alternative, die Vergangenheit wiederherzustellen und darin einzutauchen oder eine andere Form des Feierns zu finden.

Weihnachts-Babelturm in Dortmund

Über-Spielen
Weihnachten kommen nicht nur die engsten Verwandten zusammen, sondern auch eine Reihe psychischer Verwandtschaften, die nicht ohne weiteres zusammenzubringen sind. Um die Konstruktion von Weihnachten zu ‘retten’, müsste man die Gegensätze, die ansonsten den seelischen Alltag regulieren, für ein, zwei Tage außer Kraft setzen. Dies er­reicht man nur mit Hilfe des ‘Über-Spielens’.

Man kann sich auf Weihnachten nur einlassen, wenn man bereit ist, dieses Spiel mitzumachen oder es selbst so kontrastreich als möglich zu inszenieren. Verborgen gehalten werden müssen Ambivalenzen, Unversöhnliches, Unverträglichkeiten. ‘Sich-nichts-an­ merken-Lassen’ und ‘Durchhalten’ heißt die Devise, um falsches Pathos, heiligen Schein, festliche Peinlichkeiten auszuhalten. Was das Erleben an Extremisierungen ertragen kann, wird im weihnachtlichen Ritual spürbar:

Das Christkind ‘entlarvt’ existiert doch weiter; der frühere Glaube bewahrt sich in Imaginationen; die feierliche Idylle verbirgt nur mühsam das Banale; der Baum drinnen ‘verkündet’ das Draußen; ‘abergläubische’ Sitten werden wiederbelebt. In den Chor der Engel (auf Schallplatte) einfallend, das Herz im Takt der Glocken (im Radio) schlagend, die ‘Seele’ im Glanz der (elektrischen) Kerzen erstrahlend – so erfüllt sich dem Einzelnen der Traum vom Echten, Eigentlichen.

In der absoluten Künstlichkeit erhält sich die Fiktion vom Ursprünglichen. Der Gefahr, mit der Aufgabe von Weihnachten etwas Kostbares zu verlieren, begegnet man mit der Installierung eines ‘Umso-mehr’. Das ‘Über­-Spielen’ wird zu einer Frage des Überfrachtens oder Überdehnens.

Kehrseiten
Was ‘Körper und Seele’ an Zufuhr, Überschüttet-Werden, Überfließendem aushalten, wird an Weihnachten deutlich. In leiblichen Realisierungen spiegelt sich das weihnachtliche Anforderungsprofil wider: Fülle, Glücksgefühl, Spannung, Erregung, Hitze, Gänse­haut, aber auch Gereiztheit, Stiche, ‘Nervosität’, Verstimmungen, Schmerzen. Es kommt zu Somatisierungen verschiedenster Art, so dass man durchaus von einem ‘Weihnachtsfieber’ im psychischen Sinne sprechen könnte.

Da, wo man besonders eng zusammenkommen möchte, einen hohen Einsatz leistet, idealen Ausgleich und Überfülle erwartet, ohne zugleich den Als-ob-Charakter der Inszenierung zu beachten, kann einiges schiefgehen.

Je perfekter Weihnachten gelingen soll, desto größer wird die Gefahr des Misslingens und der Enttäuschung. Der überspannte Bogen bricht.

Chaos, Kümmerformen, Zerwürfnisse sind die Folge. Depressionen und Langeweile stellen sich ein; die Selbstmordrate steigt in den Weihnachtstagen signifikant hoch. Im Kontrast zu den hohen Erwartungen werden Einsamkeit, Isolierung, Bedürftigkeit besonders deutlich verspürt.

Die Kehrseiten weihnachtlicher Pracht wer­den sehr schnell sichtbar. Das familiäre Zusammensein erweist sich als spannungsreich und kaum haltbar; Versöhnungen zeigen sich brüchig; alter Streit bricht auf; Abweichungen vom Traditionellen fallen ‘vernehmlich’ auf; Übertrumpfen mit Geschenken wird zum Machtkampf; Ungleichheiten in der Verteilung erzeugen Neid und Missgunst; die Nichterfüllung von (geheimen) Wünschen muss ertragen werden usw.

Ausweichformen
In dieser Krisensituation werden Entlastungsmöglichkeiten aufgesucht; ein Stadtbummel lockert die Enge auf, frische Luft tut gut – eine Abwechslung zum Tannenduft und Zimtaroma. Man möchte den süßen Geschmack wegbekommen, dies gelingt mit Alkohol. Der Fernseher tut das übrige. Schließlich wird Weihnachten zu einem Tag wie jeder andere. Es ist gut zu wissen, dass einen bald der Alltag wieder hat mit seinen Verpflichtungen, Abgrenzungen und Abwechselungen.

In zunehmendem Maße wird der Versuch unternommen, der weihnachtlichen Aneignung von vornherein zu entgehen. Es werden Reisen gebucht ins ferne Ausland oder in den Schnee, um dort eine perfekt inszenierte Feier mit Weihnachtsmann und Bescherung ‘geboten’ zu bekommen. Selbst am sonnigen Strand in Tunesien ist für die Touristen ein Bäumchen geschmückt. Ist man an einen Ort ‘geflohen’, wo nichts an Weihnachten erinnert, fällt dies trotzdem als Leere auf.

Vom Besuch eines Lokals oder einer Diskothek, sofern man sie geöffnet findet, verspricht man sich ‘ausgelassenes’ Feiern, Stimmung, Aktion. Etwas ‘losmachen’ zu können, glaubt man aber auch nicht, ohne Glitzersterne auf seine Wangen zu kleben, “weil doch Weihnachten ist”. Hoch im Kurs stehen Phantasien, die Bahnhofsmission oder Obdachlosenasyle aufzusuchen, um dort mit vereinsamten Menschen, ‘Ausgestoßenen’ in Gemeinsamkeit zu feiern. Manche verwirklichen diesen Traum und setzen sich als ehrenamtliche Helfer für Alte, Kranke oder Nichtsesshafte ein.

Anstatt in der traditionellen altbekannten Weise möchte man Weihnachten spontaner, mit mehr Zuneigung, fern ab vom ‘Gewollten’ begehen. Man verabredet sich zu einem Pokerabend, veranstaltet ‘Verkleidungsfeste’, empfindet das als ‘Kindereien’.

Wiederholt sich im nächsten Jahr dasselbe, ist es bereits wieder das ‘Übliche’. Weihnachten, seine Struktur lassen einen nicht los.

Nicht auszuschließen ist der Versuch, die Desillusionierung weihnachtlicher Verfassungen aufzuheben, indem das ganze Jahr über Weihnachten hergestellt wird, z.B. durch die Herrichtung der Wohnung, Bereitstellen von Naschereien, Zufuhr von Überraschungen. Dann kann auf eine Zuspitzung in Form eines herausgehobenen Weihnachtsfestes getrost verzichtet werden.

Vorformen
Der Wunsch nach Ausgelassenheit, Verkleidung, Menschenansammlung, wie er bei den Weihnachts-Verweigerern formuliert wird, verweist auf Feste wie Silvester/Neujahr oder Karneval. Die winterliche Sonnenwende wurde bei den Römern, wie den Germanen mit einem ‘fröhlichen’ Fest gefeiert.

Das Julfest war den Seelen der Verstorbenen geweiht, die zur Wintersonnenwende, dem dunkelsten Tag im Jahr, ihren ‘Umzug’ hielten und an Schmaus und Gelage teilnahmen. Die Lebenden schworen am Haupt eines Ebers Gelübde. Das Opfertier wurde später durch eine Gebäckform ersetzt. Man schmückte die Wohnstatt mit grünenden Zweigen oder brachte sie zum Blühen; die Blüten versprachen ein glückliches neues Jahr. Der geschmückte Tannenbaum ist erst seit dem 16. Jahrhundert bezeugt.

Bei den Römern stand während der Saturnalien die Feier der unbesiegten Sonne bzw. des Gottes Saturn (Gott des goldenen Zeitalters) im Mittelpunkt; das sonst verbotene Würfel­spiel war erlaubt; Sklaven und Herren vertauschten ihre Rollen; Lorbeer- und Ölbaumzweige wurden zum Schmücken aufgestellt; aus ihnen wurde von Frauen Glück geweissagt. Die „tabula fortunae”, ein mit allen Genüssen beladener Tisch, hatte eine Vorbedeutung für die Fülle des kommenden Jahres.

Wie sich die Entwicklung des Weihnachtsfestes aus den verschiedensten Quellen, die Verquickung christlichen und ‘heidnischen’ Gedankengutes vollzogen hat, ist im Einzelnen schwierig nachzuweisen, kann hier auch nicht weiter Thema sein. Allerdings macht die volkskundliche Betrachtung deutlich, dass die Feiern zur Wintersonnenwende, den Beginn eines neuen und den Abschluss des alten Jahres thematisierend, durch Kontrast und Vertausch gekennzeichnet sind:

Feier des Lichts in der dunkelsten Jahreszeit, Wiederbelebung der Verstorbenen und Vorausschau für die Lebenden, Opfergaben und Demonstration von Fülle, Rollentausch und Billigung von Verbotenem verweisen auf die Möglichkeit, dass die Verhältnisse umkehrbar sind.

Durch die Betonung von Vergangenem und Kommendem, die Beschwörung des Goldenen Zeitalters, die Fruchtbarkeits- und Wiedergeburtssymbolik bestärken die ursprünglichen Feiern zum Jahresende die Hoffnung des Überlebens. Die Doppelköpfigkeit des Jahres, letztendlich des Lebens, wurde fröhlich und ausgelassen gefeiert.

In der heutigen Zeit folgen dem Weihnachtsfest in seiner eher ‘besinnlichen’ Gesamtqualität die Neujahrsfeier mit Feuerwerk und Tanz und schließlich die Ausgelassenheit des Karnevals. Die ursprüngliche Einheit einer im Winter stattfindenden Festivität wurde unter christlichem Einfluss aufgeteilt in drei einzelne Feierlichkeiten, von denen Weihnachten erlebnismäßig eine herausragende Bedeutung erlangt hat, wobei jedoch die ekstatischen Seiten des Feierns stillgelegt bzw. ausgeklammert scheinen.

Wie Weihnachten zu helfen wäre
In seiner Konstruktion schränkt Weihnachten die Lebensfülle und Lebensmöglichkeiten auf einen ‘kleinen Kreis’ ein. Intendiert ist in einer inszenierten Idylle die Polarisierung von Alt und Neu, Einsatz und Ausgleich, Fülle und Notwendigkeit aufzuheben.

Für einen Moment ‘rührt’ der Gedanke, eine totale Aussöhnung der Gegensätze würde möglich sein. Die Ahnung, Ganzheitlichkeit über alle Unterschiede hinweg zu verspüren, macht das aus, was anderenorts als ‘Sentimentalität’ begriffen wird.

Auf einer realitätsnäheren Ebene kommt man jedoch nicht umhin anzuerkennen, dass die sich widersprechenden Forderungen, denen sich der weihnachtliche Mensch ausgesetzt sieht, nicht gleichzeitig zu erfüllen sind. Entweder gelingt es, die Widersprüche gekonnt zu ‘überspielen’, oder es können nur einzelne Dimensionen weihnachtlicher Freuden belebt werden.

Konkret gesprochen heißt dies: nicht in allen Punkten Perfektion anstreben; nicht um jeden Preis alles selbst machen wollen; perfekte Inszenierung und Überfülle vermeiden; weniger Ideales erwarten; den Zeitplan flexibel gestalten; Unvorhergesehenes zulassen; den Kreis öffnen!

Dass ‘gelockerte’ Formen des Weihnachtsfestes möglich sind, kann man in anderen Ländern wie Frankreich oder England sehen.

(Erweiterte Fassung eines Rundfunkbeitrags, der am 24. Dezember 1986 im Deutschlandfunk gesendet wurde)