Porträt des WSG-Mitglieds Dr. Norbert Endres

Porträt Norber EndresDr. Norbert Endres, vormals Akademischer Oberrat am Psychologischen Institut der Universität zu Köln, gehört zur zweiten Assistentengeneration von Wilhelm Salber. Nach einem Lehrerstudium mit Erstem Staatsexamen (1963) in Würzburg und dem Vordiplom im Fach Psychologie an der dortigen Universität hat er sein Studium in Köln am Psychologischen Institut fortgesetzt (Diplom 1968). Mit einer Arbeit über “Strukturforschung in der Hochschuldidaktik”- als Fallbeispiel diente die empirische Rekonstruktion eines Salber-Seminars im SS 1969 – wurde er 1974 promoviert. Nach zweijähriger Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Rheinland kehrte er auf eine Oberratstelle ins Psychologische Institut zurück und engagierte sich im Diplom-Studiengang mit einem breit gefächerten Lehrangebot für die Weiterentwicklung der morphologischen Sichtweise in der Psychologie.

Dr. Norbert Endres gehört zu den Gründungsmitgliedern der GPM und der WGI. Als Lehrberater der WGI war er bis 2009 an der Durchführung von Seminaren, von Gruppen zur Selbsterfahrung wie an Lehranalysen beteiligt. In der Zeit von 1980 bis 1991 hat er eine Analytische Ausbildung am Alfred-Adler-Institut in Düsseldorf absolviert und im Rahmen des “Kölner Experiments” (Salber 1980) Erfahrungen mit Kurztherapien bei Ernest Freud gesammelt. Mit D. Blothner hat Dr. Norbert Endres die Festschrift “entschieden psychologisch” (Bonn 1993) für Wilhelm Salber herausgegeben. Seit 2007 ist er Mitherausgeber der ‘Werkausgabe Morphologische Psychologie’. Im Jahre 2006 ging er in den Ruhestand. Seine Liebe zur Chormusik erfüllt er sich als Mitglied in zwei Kantoreien. Er engagiert sich in der Vorstandsarbeit eines gemeinnützigen Vereins in Erftstadt. Zugleich genießt er es, fünf Enkelkinder heranwachsen zu sehen.

Herr Dr. Endres, was wünschen Sie sich für die Zukunft der WSG?
Als die Gesellschaft für Psychologische Morphologie (GPM), die Vorläuferin der WSG, nach der Emeritierung von Professor Salber 1993 gegründet wurde, ging es nicht zuletzt darum, für die inzwischen vielfältigen Umsetzungen der Morphologie durch seine Schüler einen Ort vor allem auch der wissenschaftlichen Selbstvergewisserung zu schaffen. Diesen Ort als Bereitstellung lebendiger Auseinandersetzung aber auch als Sicherung der Essentials der Morphologischen Psychologie sollte die WSG erhalten und pflegen. Dass dabei Geschwisterrivalitäten nicht zu vermeiden sind, zeigt die Geschichte vergleichbarer Gesellschaften, sollte aber nicht wirklich stören.

Welches Gebiet oder Phänomen des menschlichen Lebens sollte morphologisch untersucht werden?
Nach meiner Einschätzung geht es bei morphologischen Untersuchungen weniger um ein bestimmtes Gebiet als um die Arbeit am Bild einer “ovidischen” Verwandlungswirklichkeit, die mit ihrer Dramatik in allen (!) Phänomenen virulent ist. Das hat Salbers Buch “Der Alltag ist nicht grau” (1989) gezeigt. Wichtig ist natürlich, dass man sich von seinen eigenen Forschungsthemen auch fesseln lässt. Die ‘Metamorphosen des Religiösen’ z.B. in der Klimaapokalyptik wäre für mich so ein Thema.

Über welche Berührungspunkte haben Sie die Psychologische Morphologie kennengelernt?
In der ersten Vorlesung, die ich im WS 1960 bei Salber zur ‘Allgemeinen Psychologie’ in Würzburg gehört habe, war viel von Gestalt die Rede Das Stichwort Morphologie kommt in meinen Aufzeichnungen von damals gar nicht vor. Im SS 63 beschäftigte sich die gleichnamige Vorlesung dann nur noch mit der Psychologie von Handlungseinheiten und ihren Bedingungen. Als ich 1966 nach Köln kam lag die “Morphologie des seelischen Geschehens ” schließlich gedruckt vor. Ich hatte das große Glück, auch die weitere Entwicklung der Psychologischen Morphologie hautnah zu erleben und daran mitwirken zu dürfen – bis heute, wo wir von der Morphologie als einer Schule der neueren Psychologie sprechen können.

Welches psychologische Buch nehmen Sie immer mal wieder zur Hand?
Auf jeden Fall ist es ein Buch von Wilhelm Salber. In den letzten Jahren war es wahrscheinlich die “Seelenrevolution” (Bonn 1993), die mit der Fülle ihrer psychologischen Zuspitzungen mein gelerntes Geschichtsverständnis beim Lesen immer wieder neu bereichert und im Austausch mit Märchen überhaupt zeigt, welche Wirklichkeit unsere Geschichte letztlich bewegt. Wertvoll ist mir auch die Untersuchung Salbers zu den Schwarzen Bildern von Goya (“Undinge”, Bonn 1994) . In vier Rundgängen liefert sie ein sehr einprägsames Beispiel der morphologischen Methode und ihrer metapsychologischen Voraussetzungen. Darüber hinaus bewegt sie in den Erscheinungsformen von ‘Besessenheit’ eine Wirklichkeit, mit der man wohl nie ganz fertig wird.

Welches Land würden Sie gerne einmal bereisen?
Russland auf den Spuren von F.M. Dostojewski. Gespannt wäre ich darauf, wieviel ‘slawische Seele’ es da wohl noch zu entdecken gibt?

Gestalt und Wandlung ist das zentrale Urphänomen der psychologischen Morphologie. In wen oder was würden sie sich gerne für einen Tag verwandeln?
Ich erlebe sehr viel Freude beim Singen, erfahre dabei aber auch sehr die Begrenztheit meiner Stimme. Gerne würde ich mich deshalb einmal in den wunderbaren Tenor von Jonas Kaufmann verwandeln z.B. wenn er den “Lohengrin” singt.

Herr Dr. Endres, wir bedanken uns für das Gespräch.