Explikation zweier Texte von W. Salber in anders 17/2014, 11-19 und 18/2014, 13-18.

Wilhelm Salbers späte Texte sind meistens sehr kompakt. Manchmal wirken sie fast kryptisch. Werden sie sorgsam auseinanderlegt, eröffnen sie einzigartige Einblicke in unsere Zeit. Das gilt auch für die Kolumne „Übermensch – Stress“ und die Glosse „Übermensch im Alltag“, die Salber im Jahr 2014 in anders veröffentlichte.

Auch wenn die Auskuppelkultur durch Pandemie und Krieg in Europa Schläge erlitten hat, die in den kommenden Jahren Konsequenzen zeigen werden, lohnt es sich gerade jetzt, Selbstverständlichkeiten der Zeit davor in den Blick zu rücken. Wenn deutlich ist, woher wir kommen, kann der Umgang mit den aktuellen Veränderungen, kann ein anderes Handeln Anhaltspunkte finden.

Zeichnung von W. Salber

Auskuppeln und Übermensch
Das Konzept einer „Auskuppelkultur“ formulierte Salber in seinem Buch „Seelenrevolution“ (1993). Damit bezeichnete er eine Tendenz des Alltagslebens, sich aus verbindlichen und tragenden Kulturbildern herauszulösen und stattdessen auf eine Inflation der Wirklichkeits-Bilder zu setzen. Wechselnde Anproben und Auftritte lösen das Dranbleiben an einer Sache, das Durchhalten von tätigen Entwicklungen ab. Es entsteht eine Art „nihilistische“ Gleichwertigkeit, die dennoch auf eine lebenspraktische Ausrichtung drängt. In der Auffassung Salbers haben die Menschen gegen Ende des 20. Jahrhunderts diese Ausrichtung in Bildern wie „Turmbau zu Babel“ oder in der Utopie des „Übermenschen“ gefunden.

Salbers zwei Texte legen in wenigen Strichen dar, wie sich das Bild des Übermenschen – oder auch des „Babelturms“ – in zeitgenössische Alltagstätigkeiten umsetzt. So wird deutlich, dass es sich um eine Strukturierung handelt, die das Verhalten und Erleben der Menschen tatsächlich bestimmt.

Die Psychologische Morphologie macht in ihren Untersuchungen deutlich, wie spannungsvoll, kompliziert die seelische Wirklichkeit ist. Aushalten, Leiden-Können, Entwickeln und Selbsttätigkeit sind gefordert, um in diesem Rahmen bewegliche Formen des Überlebens auszubilden. Unverfügbares, Verkehrungen und Reste sind dabei nicht zu vermeiden. Unter den Bedingungen der Übermensch-Ausrichtung sucht sich der Alltag andere Wege. Sie sollen zeigen, dass anhaltendes “Wachstum” möglich ist. Zugleich sollen sie beweisen, dass nichts unmöglich ist: Nietzsches „Übermensch“ ist Wirklichkeit geworden.

Wie kann die Kultur sich beweisen, dass im Zustand des Auskuppelns mehr geht als in einer Lebensordnung, die durch Austragen und Entwicklung geprägt ist?

In seinen Texten stellt Salber vier Mechanismen heraus, über die sich das Bild vom Übermenschen als wirklich zu erweisen sucht:

1. Formalisieren

Aus dem Wirrwarr des Alltags hebt sich ein zum Himmel ragender Turm heraus

Die sinnlich-materiale Wirklichkeit wird auf Zahlen, abstrakte Schemata und Formblätter gebracht. Statistik-Kurven, Diagramme und Bemessungen reduzieren die Komplexität. Die vielfältigen Lebensvorgänge werden ausgedünnt, aber auch ihrer schwer fassbaren Qualitäten beraubt. Kann man auf diese Art die Vielfalt der Welt auf abstrakte Muster bringen, ist der Umgang mit ihr sehr viel leichtgängiger und weniger von Widerständigem gebremst. Ein müheloses Gleiten durch die Wirklichkeit erscheint möglich. Die Ziffern und grafischen Übersichten auf meiner digitalen Uhr zeigen an, dass mein Weg durch den Tag ‚erfolgreich‘ ist. Das ist der erste Mechanismus, über den man sich beweisen kann, dass ein Übermensch-Bild tatsächlich umgesetzt werden kann.

2. Vereinfachen
Die Auskuppelkultur bietet eine große Anzahl an smarten Geräten an, die das Leben in starkem Maße erleichtern. Über die modernen Medien stehen allenthalben Schlagworte, Ratgeber, Horoskope, Einschätzungen und Modelle bereit, die den Wirrwarr des Lebens zu reduzieren versprechen. Aufwändige Tätigkeiten werden über digitale Applikationen vereinfacht und beschleunigt. Sie geben den Menschen das Gefühl, ohne Aufwand wahre Wunderwerke hervorbringen zu können. Solche Hilfsmittel machen es dann tatsächlich möglich, sich als über den banalen Vorgängen des Lebens stehend zu empfinden.

3. Umgewichten
Ein Verschieben anstehender Aufgaben auf „Nebenkriegsschauplätze“ hatte schon Sigmund Freud als Abwehrmechanismus neurotischer Lebensformen beobachtet. Die Auskuppelkultur vollbringt Ähnliches, indem sie Plattformen für Scheingefechte, Endlosdiskussionen und dramatisch wirkende Auftritte schafft. So können sich die Menschen beweisen, dass sie heftig tätig werden, obwohl sie in Wirklichkeit das Angehen drängender Agenden vertagen. Aber auch die weiten Spielräume, die das Internet eröffnet, die Aufregung, die bei medial vermittelten Wetten, Wettbewerben und Fragespielen erlebt werden kann, geben reichlich Anhaltspunkte, sich zu beweisen, dass man an großen Schrauben dreht.

4. Höhenschwindel
Die bisher genannten Mechanismen, über die sich das geheime Bild des Übermenschen im Alltag umsetzt, können den Menschen mit der Zeit wirklich zu Kopf steigen. Es untermauert ihren Narzissmus und zieht sie in Schwindel erregende Höhen. Die Formulierung von Absichten und Versprechungen kann auf diese Weise wichtiger werden als das Angehen und Durchstehen von Aufgaben. Moralische Entrüstung, rasches Ausdeuten von Zeichen, das Durchbrechen von Intimitätsgrenzen geben Rückenwind. Aber je höher man sich in luftige Höhen schraubt, umso mehr erliegt man dem Kippen von Täuschung in Ent-Täuschung. Den Übermenschen schwindelt es. Der Gebrauch von Drogen, endloses Feiern und trotziges Lügen suchen dem Absturz auf ein Menschenmaß entgegenzuwirken.

Ganz stark zieht es in Richtung Himmel

Soweit der Umsatz des Übermensch-Bildes, der uns alle betrifft. Aber wir beobachten auch, dass bestimmte, durch ihre Position hervorgehobene Menschen diese unbewusste Ausrichtung ausnutzen und sich als konkrete Übermenschen abzusetzen suchen. Das sind Personen, die dann wirklich in Babel-Türmen leben und arbeiten. Sie erhöhen ihren „Selbstwert“ mit überhöhten Gehältern und gläsernen Prachtbauten. Sie gerieren sich als Himmelskräfte, die einen Kampf gegen die Dämonen führen. Sie ermächtigen sich „zu Gefälligkeiten, die andere zur Dankbarkeit verpflichten“. (18/ S. 17)

Es erfordert einen scharfen, psychologischen Blick, um diese unbewusste Durchsetzung des Bildes vom Übermenschen im Alltag aufzuspüren. Und man braucht eine Vorstellung von dem ungeheuren Verwandlungsbetrieb der Wirklichkeit, der in der Auskuppelkultur in einer Art und Weise zersplittert ist, dass sich solch einfache Ausrichtungen – wie der „Übermensch” – durchsetzen können.