Der Journalist und Filmproduzent Marc Conrad, ein langjähriger Freund Wilhelm Salbers, schreibt Texte, die aktuelle Zeiterscheinungen mit Grimm'schen Märchen analysieren. Wir veröffentlichen sie an dieser Stelle und nehmen dies zum Anlass, auch andere Kollegen zur Einsendung von Gedanken und Analysen zur Zeitgeschichte einzuladen. Zu Beginn des Ukraine-Krieges hatten wir einen Blog angelegt, in dem es für einige Monate zu einem regen Austausch kam. An diesen Blog wollen wir hiermit ausdrücklich anknüpfen. Beiträge zur Veröffentlichung bitte an info@psychologischemorphologie.de.Die Grimm'schen Märchen findet man über diesen LINK bei Projekt Gutenberg.

Texte in der Reihe ihrer Veröffentlichung:

Das Messer im Baum (Marc Conrad)
Der Bruder hinter der Mauer (Marc Conrad)
Der Wolf frisst Kreise (Marc Conrad)

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10.09.2026

Der Wolf frisst Kreide

Aus dem Bruder hinter der Mauer wird der Wolf vor der Tür — die Generaldebatte im Bundestag am 9. September, gelesen mit Wilhelm Salbers Märchenanalyse

von Marc Conrad

Achtundvierzig Stunden nach der Wahl in Sachsen-Anhalt eröffnete Alice Weidel die Generaldebatte des Bundestages, und die Berichterstatter aller Lager registrierten dieselbe Merkwürdigkeit, ohne sie deuten zu können. Die F.A.Z.-Parlamentsreporter notierten, Weidels Stimme habe diesmal die Schärfe gefehlt, ihrem Auftritt das Geifernde — der Zuhörer habe den Eindruck bekommen können, »vermutlich sollte«, dass hier eine spricht, die die Regierungsverantwortung nicht mehr in allzu großer Ferne sieht. Der Kanzler dagegen attackierte, wie man es, so die F.A.Z., selten von einem Bundeskanzler erlebt hat: bewusste Destabilisierung, Vertretung russischer Interessen, Remigration als »ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe« — bis ihm, so Berthold Kohler, »die Pferde durchgingen«. Im Saal war Merz dabei zu leise, die AfD-Fraktion lauter als je; die Bundestagspräsidentin musste mahnen, man sei hier nicht auf dem Fußballplatz. Die Leise wirkte wie die Kommende, der Laute wie der Getriebene. Wer verstehen will, was sich da verschoben hat, braucht ein zweites Märchen.

An dieser Stelle wurde der Streit um die Brandmauer vor kurzem mit dem Märchen von den zwei Brüdern gelesen: Verstoßung, Kränkung, Versteinerung — der Bruder, der nicht neben mir stehen, sondern ich sein will. Wilhelm Salber hat im Vorwort seiner Märchenanalyse ein Kapitel skizziert, das er nicht mehr schreiben konnte: eine »Reihenbildung ähnlicher Märchen« im Wirkungskreis der typischen Figurationen — verbunden mit der Frage, welche Grundverhältnisse in welchen Märchen »besonders ausgeprägt behandelt« werden. Denn es gibt nach Salber nur eine begrenzte Zahl solcher Figurationen, und jedes Märchen arbeitet eine von ihnen heraus. Führt man den ungeschriebenen Gedanken weiter, wird er zum Diagnose-Instrument: Wenn eine Lage von einem Märchen ins nächste wandert, hat sie die Figuration gewechselt — sie ist nicht mehr dieselbe Lage. Genau das ist in Deutschland binnen zwei Wochen geschehen. Aus dem Bruder hinter der Mauer ist der Wolf vor der Tür geworden: aus dem Rangstreit unter Verwandten das Eindringen in ein Haus. Das zuständige Märchen ist jetzt der Wolf und die sieben Geißlein — dasjenige, dem Salber das zweite Kapitel seiner Märchenanalyse gewidmet hat.

Die Kreide

Die Geiß verlässt das Haus und schärft den Sieben ein, niemanden hereinzulassen; den Wolf würden sie an der rauen Stimme und den schwarzen Pfoten erkennen. Der Wolf scheitert, lernt — und verändert sich: Er frisst Kreide, um die Stimme sanft zu machen, lässt sich die Pfote weißen, und beim dritten Anlauf öffnen die Geißlein. Salber liest das Märchen als »Selbstdarstellung der Umbildungsprozesse«: Es zeigt, was geschieht, wenn eine Gestalt in eine andere eindringen will — und sein entscheidender Befund betrifft den Preis des Eindringens: Der Wolf ist gezwungen, sich auf »unwölfische Veränderungen« einzulassen. Die Täuschung ist bei Salber kein Charakterfehler, sie ist Bestandteil jeder Umbildung. Das macht die Analyse kälter und treffender als jede Empörung: Weidels neue Tonlage ist keine Laune und kein Ausrutscher — sie ist die Kreide, also Methode, und sie wird wachsen. Der Wolfsbauch blieb dabei sichtbar: Die früheren Wähler der SPD nannte sie »unsere Wähler«, der Union empfahl sie den Blick auf die Sitznachbarn — einer von beiden werde dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören. Salber nennt diesen Zug der eindringenden Gestalt beim Namen: Sie will »alles andere in ihre Umarmung zwingen«.

Auch die andere Seite der Tür beschreibt das Kapitel. Die Gestalt, die sich erhalten will, lebt nach Salber von »Geschlossenheit, Gleichsinnigkeit, Versorgt-Werden, Kontrolle« — die Brandmauer ist nichts anderes als die Mahnung der Mutter: Lasst niemanden herein. Und beide Seiten halten einander in Betrieb, das Einverleiben und das Raushalten; deshalb wurde die Debatte mit jeder Mahnung lauter, nicht leiser.

Die vertauschten Stimmen

Das Märchen hängt an Erkennungszeichen: raue Stimme gleich Wolf, sanfte Stimme gleich Mutter. In der Generaldebatte waren die Zeichen vertauscht. Der Warner schrie — bis zur Balkan-Analogie, die selbst wohlwollende Beobachter für durchgegangene Pferde hielten —, und der Eindringling sprach sanft. Für die, die drinnen sitzen und am Klang entscheiden sollen, wem sie öffnen, ist das die gefährlichste aller Lagen: Der Klang lügt jetzt in beide Richtungen. Dazu kommt, was die Süddeutsche in ihrem großen Porträt eines Kanzlers im Überlebensmodus festhält: Merz hatte nach der Wahl eine »bessere Erzählung« angekündigt — und hat dann, schreibt die SZ, »angefangen, über sich selbst zu reden«. Im Märchen geht die Mutter aus dem Haus, um etwas zu holen; Salber notiert eigens die Paradoxie, dass das Haus verschlossen ist und die Geißlein doch auf »Mitbringsel von draußen« warten. Die angekündigte Erzählung war das Mitbringsel. Die Mutter kam ohne Korb zurück und beschrieb vor der Tür ihre Erschütterung. So versteht man auch, warum drinnen die Frage umgeht, die Kohler zur Überschrift machte — ob es eine andere Mutter braucht. Seine Antwort, ein anderer Kanzler hätte kein anderes Volk, ist übrigens die Stimme aus dem Uhrkasten: das jüngste Geißlein, das sich in der Uhr versteckt und als Einziges den Überblick behält. Dass der Überlebende des Märchens ausgerechnet in der Zeit sitzt, dürfen beide Seiten als Wink lesen: Gerettet wird hier, wer nicht im Takt der nächsten Umfrage lebt.

Bauch auf, Steine rein

Was das Märchen als Rettung kennt, ist von brutaler Präzision — und es ist das Gegenteil dessen, was geschieht. Die zurückgekehrte Mutter jagt den Wolf nicht, sie verbietet ihn nicht, sie hält keine Rede über ihn: Sie schneidet ihm den Bauch auf und holt die Verschlungenen heraus, einzeln, lebendig — und füllt die Leere mit Wackersteinen. Übersetzt: Die 43,8 Prozent sind verschlungene Geißlein, nicht Teile des Wolfs. Eine Politik, die den Bauch behandelt, als wäre er das Tier — und der Säuberungs-Vergleich tat in den Ohren vieler Wähler genau das —, verstößt gegen die Rettungslogik des Märchens; sie näht die Verschlungenen ein, statt sie herauszuholen. Herausholen hieße: einzeln und konkret, mit dem Halsband der Königin aus dem Brüder-Märchen — an dem, was einer im Alltag geleistet hat, nicht an der Lautstärke der Warnung. Und für den Sieger des Wahlabends hält das Kapitel seine dunkelste Kategorie bereit. Salber: Wenn sich die Verfassung wandelt, kann Lebendiges unverdaulich werden — »aus Töten wird Getötet-Werden«. Der Wolf, der sechs verschlingt, wacht mit Steinen im Bauch am Brunnen auf; die Gier trägt ihren Ausgang in sich. Auch die Kreide selbst ist ein Risiko: Die unwölfische Veränderung, die das Eindringen erfordert, kann das eigene Rudel irritieren — ein Wolf, der zu lange sanft spricht, bekommt Ärger mit denen, die das Heulen lieben.

Salbers ungeschriebenes Kapitel hätte die Märchen in Reihen geordnet und gefragt, welches Grundverhältnis wo am ausgeprägtesten behandelt wird. Die deutsche Gegenwart liefert die Reihe gerade selbst: In zwei Wochen ist sie vom Märchen der Brüder ins Märchen des Wolfs gewandert — vom Streit, wer der Echte ist, zur Frage, wer durch die Tür kommt. Das ist keine neue Deutung derselben Lage; es ist die Anzeige, dass die Lage eine andere geworden ist. Wie die Reihe weitergeht, entscheiden die Figuren: ob die Mutter mit vollem Korb zurückkommt und den Bauch öffnet — oder ob am Ende der Brunnen auf den wartet, der zu viel verschlungen hat. Nur eines kennt das Märchen nicht: eine Tür, die sich von selbst verteidigt.

Marc Conrad, Luxemburger, ist Kino- und Fernsehproduzent (CONRADFILM). Der gelernte Journalist war Chef vom Dienst der RTL-Nachrichten und langjähriger Programmdirektor von RTL; er gehörte dem Aufsichtsrat der Constantin und dem Verwaltungsrat der Highlight-Gruppe an. Gemeinsam mit Wilhelm Salber verfasste er »Goethe zum Film. Morphologische Markt- und Medienpsychologie« (Bouvier 2006).

08.09.2026

Der Bruder hinter der Mauer

Die zwei Brüder, Wilhelm Salber und der Streit um die Brandmauer
von Marc Conrad

Am Sonntag hat Sachsen-Anhalt gewählt, und die Zahlen lesen sich wie ein Urteil: 43,8 Prozent für die AfD — ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl überhaupt, die absolute Mehrheit im Landtag nur um drei Mandate verfehlt; die CDU auf 17,2 Prozent mehr als halbiert. Der Kanzler zeigt sich schockiert und hält am Kurs fest; der CDU-Ministerpräsident gratuliert dem Sieger noch am Wahlabend; aus Sachsen verlangt die Heimatunion »CDU pur«. Jede dieser Reaktionen gehört zu einem Muster, das sich seit Jahren wiederholt und von keiner Wahl unterbrochen wird. Das Muster hat eine Form — und die Form steht im längsten Märchen der Brüder Grimm.

Zwei Wochen vor der Wahl, am 24. August, veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine auf faz.net zwei Kommentare, die einander vollständig widersprechen. Morgens Jasper von Altenbockum: Die Ausgrenzung nährt die AfD, die Brandmauer sei ihr bester Schutzschild gegen Verantwortung, die etablierten Parteien müssten Wege finden, eine Kraft einzubinden, die in freien Wahlen immer mehr Mandate gewinnt. Nachmittags Berthold Kohler: Die AfD wolle mit der CDU gar nicht zusammenarbeiten, sie wolle sie vernichten; man müsse Alice Weidel für ihre siegestrunkene Offenheit dankbar sein, denn niemand könne mehr behaupten, man habe nicht wissen können, was die Partei vorhat. Beide haben recht. Keiner kann den anderen widerlegen. Das ist kein redaktioneller Zufall, sondern das Symptom, und es lohnt, ihm mit den Mitteln der psychologischen Morphologie nachzugehen.

Anlass der beiden Texte waren die Sommerinterviews vom Vortag. Tino Chrupalla gab in der ARD den Blutdrucksenker, Alice Weidel im ZDF das Aufputschmittel, wie Stefan Niggemeier in der Süddeutschen schrieb. Weidel hatte sich, wie Niggemeier beobachtete, zwei Sätze zurechtgelegt: „Die DNA der CDU ist die Lüge“ und „Die CDU wird keine einzige Bundestagswahl mehr gewinnen“. Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo die AfD in Umfragen bei über vierzig Prozent liegt und ihr Spitzenkandidat allein regieren will, sind das keine Wahlkampfsprüche. Es sind Sätze eines Bruders.

Die Brüder Grimm

Ein Märchen von Zwillingen

Die Brüder Grimm haben für diese Lage ein Märchen, „Die zwei Brüder“, die Nummer 60 ihrer Sammlung und eines ihrer längsten. Es beginnt nicht mit den Zwillingen, sondern mit ihren Vätern: ein reicher Goldschmied und ein armer Besenbinder, Brüder, die einander so wenig trauen, dass der Reiche die Zwillinge des Armen als Teufelskinder verleumdet und aus dem Haus treibt. Die Kränkung ist älter als die, die an ihr leiden. Ein Jäger nimmt die Knaben auf, lehrt sie sein Handwerk, und als sie erwachsen sind, schenkt er ihnen zum Abschied ein Messer. Am Scheideweg stoßen sie es in einen Baum. Rostet eine Seite, ist der Bruder, der in diese Richtung gezogen ist, in Not.

Der eine wird König, weil er einen Drachen erschlägt und die Königstochter gewinnt. Dann reitet er in einen Wald, in dem eine alte Frau auf einem Baum sitzt. Sie gibt ihm eine Rute und bittet ihn, seine Tiere damit zu schlagen, weil sie sich vor ihnen fürchte. Er tut es, die Tiere werden zu Stein, sie berührt ihn selbst, und er wird zu Stein. Der andere Bruder findet das Messer verrostet, reitet in die Stadt, wird für den König gehalten, legt nachts ein Schwert zwischen sich und die Königin und sucht am nächsten Tag den Wald. Auf die Hexe schießt er mit silbernen Knöpfen, weil sie gegen Blei fest ist, zwingt sie, die Steine zu berühren, und wirft sie ins Feuer. Der Wald öffnet sich, das Schloss wird auf drei Stunden Wegs sichtbar.

Auf dem Heimweg erzählt der Erlöser, dass man ihn für den König gehalten habe und er neben der Königin gelegen sei. Der Erlöste schlägt ihm den Kopf ab. Dann weint er. Ein Hase holt die Lebenswurzel, der Kopf wächst wieder an. Sie reiten durch zwei Tore zugleich in die Stadt, gleich von Gesicht und Gewand, und die Königin kann nicht sagen, wer ihr Gemahl ist – bis sie das goldene Halsband sieht, das sie einst seinem Löwen umgelegt hat. Erst in der Nacht fragt sie, warum er die letzten Nächte ein Schwert ins Bett gelegt habe, und erst jetzt erfährt der König von der Treue des Bruders.

Salbers Lesart: die Zwei-Einheit
Wilhelm Salber, von 1963 bis 1993 Direktor des Psychologischen Instituts II der Universität zu Köln und Begründer der psychologischen Morphologie, hat dieses Märchen in seiner Märchenanalyse (S. 121–124) als eine Gestalt gelesen, in der Verwandtschaft und Feindschaft keine Gegensätze sind, sondern eine Einheit. Der Bruder ist der unheimliche Doppelgänger: Er trägt mein Gesicht, er kann meinen Platz einnehmen, und eben deshalb ist er der Einzige, der mich verraten kann. Die Verhexung kommt aus der Vorgeschichte – der Streit der Väter, die Rute der Alten – und macht beide Brüder handlungsunfähig: den einen zu Stein, den anderen zum Totschläger. Die Erlösung selbst wird zum Beweis des Betrugs, weil der Erlöser, um erlösen zu können, das Gesicht des Erlösten tragen musste.
Ich habe diese Lesart an anderer Stelle auf das deutsch-russische Verhältnis bezogen. Hier soll es um ein näherliegendes Bruderpaar gehen, bei dem man die Verwandtschaft nicht erst nachweisen muss. Sie steht im Gründungsprotokoll.

Ein Bruder aus dem Haus

Die AfD ist 2013 aus der CDU herausgeboren worden. Bernd Lucke war über drei Jahrzehnte CDU-Mitglied, Alexander Gauland vier Jahrzehnte und Chef der hessischen Staatskanzlei unter Walter Wallmann; und der Parteiname antwortet auf Angela Merkels „alternativlos“, das Unwort des Jahres 2010. Zwei Brüder mit einem Gesicht: bürgerlich, konservativ, wirtschaftsliberal, mit Anspruch auf dasselbe Erbe. Man muss die Verwandtschaft nicht behaupten, sie steht im Gründungsprotokoll. Und sie bedeutet: Der Bruder will nicht neben mir stehen – er will ich sein.

Die Kränkung ist älter als die Partei. Franz Josef Strauß’ Satz, rechts von CDU und CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben, ist keine Kampfansage, sondern ein Existenzverbot: Es darf dich nicht geben. Der reiche Goldschmied hat die Zwillinge nicht bekämpft, er hat sie zu Teufelskindern erklärt. Wer aus der CDU zur AfD ging, ging nicht zu einem Gegner, sondern zu einem Nichts, das es nicht geben durfte – und trug diese Erfahrung als Gründungswunde mit. Altenbockum beschreibt die Folgen nüchtern: Zulauf erhalte die AfD auch wegen Zurückweisung, Geringschätzung und Isolierung, und das treffe besonders die, die für einen bürgerlichen Stil offen gewesen seien und ebenfalls zu Aussätzigen gestempelt wurden. Im Märchen heißt das: Der Bruder, der die Rute empfängt, trägt dasselbe Gesicht.

Die Kränkung läuft in beide Richtungen, und wer den Konflikt verstehen will, muss beide ernst nehmen, ohne eine zu beglaubigen. Die Abgespaltenen erleben sich als der ausgestoßene Bruder: gegründet aus der Union heraus, dann zum Schmuddelkind erklärt, von Gremienposten ferngehalten, beobachtet, gemieden — und zugleich beklaut, denn was gestern als unsagbar galt, wird heute von denen gesagt, die einen dafür ausgestoßen haben. Nichts kränkt tiefer als der Bruder, der einen verstößt und das Erbe behält. Die Union erlebt das Spiegelbild: Der Abgespaltene beansprucht, das wahre Original zu sein, wirbt Wähler, Mitglieder und Vokabular ab und nennt sie Verräterin am eigenen Erbe — das Wort Verrat fällt wörtlich, in Sprechchören. Und sie sitzt in der strukturellen Kränkung, dass sie nur verlieren kann: Öffnet sie sich, bricht der Damm; mauert sie, mauert sie Millionen Wähler mit ein. Zwei Verratserzählungen, die einander füttern — und keine braucht wahr zu sein, um zu wirken. Das ist die Lage des Märchens vor dem Totschlag: Es genügt der Glaube.

Das Messer im Baum

Die Brandmauer hat ein Datum. Am 7. und 8. Dezember 2018 beschließt der Hamburger Parteitag der CDU die Unvereinbarkeit mit der AfD. Drei Wochen zuvor, am 15. November, hat Friedrich Merz auf der ersten Regionalkonferenz der Kandidaten um den Parteivorsitz in Lübeck versprochen, die CDU wieder auf vierzig Prozent zu führen und die AfD zu halbieren; er hat den Satz noch am selben Tag getwittert. Die AfD stand damals bei vierzehn Prozent, die Union bei sechsundzwanzig. Die Halbierung zielte auf ein AfD-Niveau von sieben Prozent.

Das Messer trennt die Brüder nicht. Es zeigt an. Seit acht Jahren liest die CDU am Rost ab, wie es dem Bruder geht, und der Rost hat sich verdoppelt; gemessen am Halbierungsziel hat er sich vervierfacht. Merz hat das Halbierungsversprechen im Juni 2023 zurückgenommen – diese Formulierung würde er heute nicht mehr wiederholen, sagte er t-online –, und im Oktober 2025 hat ihn ein Journalist auf einer Pressekonferenz daran erinnert; seine Antwort war die „Stadtbild“-Äußerung. Das Messer arbeitet, auch wenn man es nicht mehr ansieht.

Die Rute der Hexe

Die Hexe sitzt auf dem Baum und bittet, mit ihrer Rute zuzuschlagen. Sie heißt 1933. Beide Parteien handeln in ihrem Bann, und beide werden dadurch zu Stein. Altenbockum notiert, wer im Bundestag dabei erwischt werde, wie er mit einem AfD-Abgeordneten eine Tasse Kaffee trinke, sei erledigt; nicht einmal die Hand wolle man ihnen geben. Das ist die Versteinerung in Reinform: Nicht die AfD erstarrt bei Berührung, sondern wer sie berührt. Thomas Kemmerichs drei Tage als Ministerpräsident im Februar 2020, die Abstimmung vom 29. Januar 2025, bei der ein Entschließungsantrag der Union mit Stimmen der AfD durch den Bundestag ging – jede Bewegung der CDU wird als Berührung gelesen und friert sie ein. Papens Satz, man habe Hitler in zwei Monaten in die Ecke gedrückt, ist die Rute, die die CDU mit sich trägt; jede Regung wird an ihm gemessen.

Gustav Seibt hat in der Süddeutschen am selben 24. August gegen die historischen Analogien argumentiert: Der Vergleich sei ein Erkenntnisinstrument, die Analogie ein sicherer Weg in die Täuschung. Er zerlegt den Vorschlag von Dominik Geppert, Andreas Rödder und Claudia Weber, der Lage mit drei Szenarien zu begegnen – 1933, die Integration der Grünen seit 1980, der Systemzerfall von 1989 –, und zeigt, dass alle drei wieder Analogien sind. Morphologisch gesehen ist das dieselbe Beobachtung: Die Vorgeschichte verhext. Wer 1933 sagt, handelt nicht mehr, er wehrt ab. Wer „Grüne“ sagt, hofft auf ein Ende, das die Geschichte nicht schuldet. Die Rute wirkt, egal, wer sie hält.

Die AfD lebt in derselben Vorgeschichte, nur von der anderen Seite. Sie bezieht ihre Kränkung daraus, mit ihr identifiziert zu werden, und hat aus dieser Kränkung eine Öffentlichkeit gebaut, in der sie, wie Altenbockum schreibt, geschützt vor Kritik und auf niemanden angewiesen ist. Auch das ist Versteinerung: Die eigene Blase ist ein Stein, in dem man sich bewegt, ohne sich zu bewegen.

Das Schwert im Bett

Die Mitte des Märchens ist der Betrugsglaube. Die Königin ist die bürgerliche Wählerschaft, und sie hält die Brüder nicht auseinander – das ist kein Vorwurf, es ist ihre Rolle. Seit 2025 hat die Union das Programm des Bruders übernommen: Zurückweisungen an den Grenzen, ausgesetzter Familiennachzug, erleichterte Einstufung sicherer Herkunftsstaaten, Rücknahme der beschleunigten Einbürgerung. Merz selbst schrieb im Sommer 2025 auf X, man habe die Migrationspolitik der vergangenen Jahre korrigiert. Zugleich beteuert die CDU, das Schwert habe im Bett gelegen: keine Koalition, keine Absprache, keine Berührung.

Was die AfD sieht, ist das, was der erlöste König auf dem Heimweg hört: Er hat mein Gesicht getragen, er hat bei meiner Frau gelegen, und er sagt, es sei nichts gewesen. „Die DNA der CDU ist die Lüge“ ist kein Programmsatz. Es ist der Satz des Bruders, der den Betrüger im eigenen Gesicht erkennt. Die Wirtschaftsredaktion der FAZ hat am selben Tag auf faz.net Weidels Euro-Thesen nachgeprüft und Volker Wieland zitiert, die Euro-Kritik gehöre seit der Gründung zur DNA der AfD. Zwei DNA-Sätze an einem Tag, gegeneinander gerichtet, mit demselben Wort. Man sieht die Zwillinge streiten, wer der echte ist.

In Sachsen hat die AfD dem Konsultationsmechanismus der Minderheitsregierung eine Absage erteilt – Altenbockum zufolge mit der Begründung, sie wolle nicht, dass ihre Ideen geklaut würden. Er hält das für einen Vorwand, in Wahrheit sei sie froh, nicht mitmachen zu müssen. Beides stimmt, und darin liegt Salbers Punkt: Der Vorwand trägt die Wahrheit der Gestalt. Die AfD kann nicht mitregieren, weil Mitregieren bedeutet, dass der Bruder ihr Gesicht trägt und die Königin es nicht merkt. Deshalb ist die Brandmauer, wie Altenbockum richtig sieht, ihr bester Schutzschild: Solange das Schwert im Bett liegt, muss sie nie selbst hinein.

Die Enthauptung

Kohler hat gehört, was Weidel sagte, und übersetzt es ohne Umschweife: Sie will die CDU nicht als Partner, sie will sie vernichten. Das ist der Schwertstreich des Erlösten. Wer ihn als Größenwahn abtut, übersieht, dass das Märchen ihn nicht aus Bosheit erklärt, sondern aus dem Betrugsglauben. Der Bruder wird nicht erschlagen, weil er ein Feind ist, sondern weil er der Bruder ist – weil nur er den Platz einnehmen konnte. Und die Halbierungsabsicht der CDU ist derselbe Streich mit umgekehrtem Vorzeichen: Auch sie wollte den Bruder nicht besiegen, sondern zum Verschwinden bringen.

Das Märchen sagt, was folgt: Der Täter jammert selbst. Die AfD wächst nur, wo die CDU verliert; eine tote CDU nähme ihr das Gegenüber, aus dem sie ihre Kränkung bezieht, und ihre Wähler wären am nächsten Tag ihre Regierten. Umgekehrt: Eine CDU, die die AfD halbiert hätte, hätte die Hälfte ihrer eigenen Wähler halbiert. Der Hase mit der Lebenswurzel kommt im Märchen von außen und unverdient. In der Politik gibt es ihn nicht, und darin liegt Salbers Unbehagen, nicht sein Trost.

Die Verbotsdebatte gehört in dieses Bild. Hamburgs SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf hat ein Parteiverbot gefordert und die NSDAP als Beleg genannt, die man damals nicht rechtzeitig verboten habe. Das ist die Rute, mit voller Kraft geschwungen. Im Märchen wird nicht der Bruder verbrannt, sondern die Hexe – und nur, nachdem sie die Steine wieder berührt hat. Wer den Bruder ins Feuer werfen will, verwechselt ihn mit der Vorgeschichte, die ihn verhext hat.

Illustration zum Märchen

Das Halsband des Löwen

Was das Märchen der Debatte voraushat, ist sein Ende. Die Königin erkennt den rechten Gemahl nicht am Gesicht und nicht am Gewand, sondern am Halsband, das sie seinem Löwen umgelegt hat. Sie erkennt ihn an der Bindung, die sie selbst gestiftet hat. Wenn die Programme die Brüder nicht mehr unterscheiden – und seit der Migrationswende unterscheiden sie sie nicht mehr –, bleibt die Bindung: an die Verfassung, den Rechtsstaat, die Bündnisse, Europa. Weidels Euro-Austritt, ihr Schengen-Austritt, ihre Bereitschaft, die Ukraine, wie Kohler es formuliert, der Rache Russlands auszuliefern, sind keine Programmpunkte unter anderen. Es sind die Stellen, an denen das Halsband fehlt.

Die Königin war bis zuletzt unentschieden. Insa hat am 20. und 21. August gefragt: Neunundvierzig Prozent haben keine Angst vor der AfD, zweiundvierzig haben sie. Achtundvierzig Prozent halten die Abgrenzung der anderen Parteien für richtig, neununddreißig für falsch. Beim Verbot steht es zweiundvierzig zu zweiundvierzig. Das ist keine Mehrheit für eine Seite, das ist eine Frau, die zwei gleiche Gesichter sieht und nach dem Halsband sucht.

Kohler und Altenbockum haben also beide recht, und keiner hat die Lösung, weil beide innerhalb der Zwei-Einheit argumentieren: Mauer oder Einbindung, Abgrenzung oder Berührung. Das Märchen kennt eine dritte Position, und sie gehört nicht den Brüdern. Sie gehört der Königin. Nicht ob die CDU die Mauer hält oder den Bruder einlässt, entscheidet, sondern ob die Wählerschaft den Unterschied noch erkennt, der nicht im Gesicht liegt. Dafür müsste die CDU aufhören, am Messer im Baum zu wachen, und anfangen, das Halsband zu zeigen. Am 6. September hat Sachsen-Anhalt gewählt. Die Königin hat hingesehen — und sie hat kein Programm gewählt, sondern ein Urteil gefällt: dem Verstoßenen den Sieg, der Versteinerten die Halbierung. Wer dieses Urteil ändern will, muss ihr etwas zeigen können. Das Halsband liegt noch immer bereit.

28.08.2026

Das Messer im Baum

Was das Grimmsche Märchen von den zwei Brüdern und Wilhelm Salbers psychologische Morphologie über das deutsch-russische Verhältnis erzählen — bis in die Gegenwart
von Marc Conrad

Ein Märchen ist kein Kommentar zur Weltlage. Und doch: Wer die Grimmsche Erzählung von den zwei Brüdern neben Wilhelm Salbers morphologische Analyse legt und beides gegen zweihundertfünfzig Jahre deutsch-russischer Geschichte hält, dem entsteht ein Bild von beunruhigender Passgenauigkeit — bis hin zu einem Satz, der fast wörtlich die russische Selbsterzählung seit 1990 vorwegnimmt.

Die Gestalt: Zwei-Einheit und unheimliche Doppelgänger

Salber liest das Märchen von den zwei Brüdern — den Zwillingen des armen Besenbinders, die unwissend Herz und Leber des Goldvogels essen, verstoßen werden, sich trennen, einander retten und beinahe töten — als Verwandlungsgeschichte einer Zwei-Einheit. Sein Befund ist unbequem: Zum Ganzen der Brüder gehört auch ihre Feindschaft. Die Brüder sind, so Salber, unheimliche Doppelgänger; in ihrer Gegensatzeinheit wirkt das Verdrängte mit, das »Unheil« der anderen, fremden, ungeheuren Seite der Wirklichkeit. Ganzheit ist hier nicht Harmonie, sondern ein Spannungsverhältnis, das aus Brechungen, Gegenwirkungen und fremden Wendungen hervorgeht — auch das, schreibt Salber, ist Er-Gänzung.

Illustration von Philipp Grotjohann

Diese Zwillingschaft ist keine Erfindung des Märchens, sie hat zweihundertfünfzig Jahre Substanz. Von Katharina II. an war fast jede Zarengemahlin eine deutsche Prinzessin — Katharina selbst die größte von ihnen; deutsche Gelehrte prägten die Petersburger Akademie, deutsche Bauern die Wolgadörfer, deutsche Offiziere das russische Heer, und Preußen verdankte Russland 1812/13 seine Befreiung. Der deutsche Idealismus formte die russische Intelligenzija wie kein zweiter Einfluss; Turgenjew lebte in Baden-Baden, Dostojewski verspielte dort sein Geld; Tschaikowsky baute seine Kunst auf Mozart und Schumann, und die Deutschen spielen ihn bis heute, als wäre er einer der Ihren. Beide Reiche kamen spät zur Nation, beide maßen sich am älteren Westen — und beide machten aus dem Rückstand einen Vorzug: Deutschland erklärte seine Kultur für tiefer als die westliche Zivilisation, Russland seine Seele für wahrer als den westlichen Verstand. Der deutsche Sonderweg und der russische osobyj put (besonderer Weg) sind dieselbe Denkfigur in zwei Sprachen: Wir sind anders, weil wir mehr sind. Und die Zwillingschaft gilt auch im Ungeheuren: Es waren diese beiden, deren Regime im zwanzigsten Jahrhundert mit das größte Leid über die Erde brachten — Hitlers Deutschland mit dem Menschheitsverbrechen des Holocaust und dem Vernichtungskrieg im Osten, Stalins Sowjetunion mit Terror, Hunger und Lager. Wer heute Russland als das Ganz-Andere empfindet, das Fremde, Nie-Verwandte, verwechselt die Entfremdung mit der Verwandtschaft, aus der sie kommt: Fremd werden kann nur, was verwandt war.

Die Politik hat diese Verwandtschaft immer schon beschworen — als Harmonie. Wilhelm und Nikolaus telegrafierten sich als »Willy« und »Nicky« in den Weltkrieg; die SED verordnete »Brudervölker« samt Freundschaftspflicht; und Putin nennt die Ukrainer ein brüderliches Volk, seit er den Überfall vorbereitet hat. Das ist der Unterschied ums Ganze: Die Brudervölker-Rhetorik kennt nur die Umarmung — Salbers Zwei-Einheit enthält den Totschlag. Das Bruderwort gehört heute dem, der zuschlägt. Die Bruderromantik ist nicht die Vorgeschichte dieser Deutung; sie ist ihr Fall.

Sebastian Haffner hat diese Geschichte 1967 im »Teufelspakt« erzählt, wie zwischen zwei Menschen, die einander verfallen sind und in Hass und Liebe nicht voneinander loskommen — das Buch ist in diesem Frühjahr neu aufgelegt worden, als hätte der Verlag gespürt, dass die Frage zurück ist. Haffner erzählt das Drama der Akteure, ihre Absichten und Rechnungen; das Märchen und Salbers Morphologie legen frei, warum das Drama diese Form annimmt: weil hier nicht Fremde verhandeln, sondern Doppelgänger.

Die zweite Säule seiner Lektüre ist das Material. Märchen, und dieses besonders, handeln von Material, das wirkt und sich bewegt: Fische, die zerteilt werden, Herz und Leber eines Goldvogels, Tiere als Diener und Helfer — und totes, unwirksames Material wie abgeschlagene Drachenköpfe ohne Zungen. Das Material ruft: Sieh mich, packe mich, wandle mich — und es ruft zugleich: Grenze es ein, wehre ab. In diesem Wechsel von Materialbewegung und gestalthafter Ordnung liegt für Salber das Entwicklungsmotiv der unheimlichen Verwandlungsgeschichte.

Wer mit diesem Instrumentarium auf die Geschichte zwischen Deutschland und Russland blickt, erkennt die Figuren wieder. Nicht als Allegorie — Morphologie behauptet keine Eins-zu-eins-Übersetzung —, sondern als Wirkungsgestalt, die sich in Wiederholungen, Umkehrungen und verpassten oder beim Schopf gefassten Situationen durchhält.

Die Doppelgänger am Rand Europas

Deutschland und Russland sind einander seit dem 18. Jahrhundert das, was Salber unheimliche Doppelgänger nennt: zwei kontinentale Spätkommer am Rand des westlichen Europa, dynastisch verflochten, wirtschaftlich aufeinander verwiesen, kulturell voneinander fasziniert — und einander zugleich das Angstbild. Die Zwei-Einheit steckt schon im Gründungsakt des russischen Großmachtanspruchs am Schwarzen Meer: Eine deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, geboren in Stettin, erobert als Katharina II. die Krim für Russland. Der Weg führt über den Frieden von Küçük Kaynarca 1774, der das tatarische Krimkhanat aus osmanischer Oberhoheit löst, zur Annexion von 1783; Potemkin organisiert die Übernahme, wird Fürst von Taurien, und deutsche Kolonisten bauen »Neurussland« mit auf, die ersten auf Katharinas Einladung, die große Welle unter Alexander I. — Noworossija, jener Begriff, den Wladimir Putin 2014 wieder ausgegraben hat. Der eine Bruder wirkt im anderen, bevor einer davon weiß.

Was folgt, ist Salbers Formel von den Wiederholungen von Ähnlichem, in denen es aber auch einmal ganz anders kommen kann: Tauroggen 1812, Bismarcks Rückversicherungsvertrag, dann der Bruch; 1914; Rapallo 1922; der Hitler-Stalin-Pakt 1939 — und 1941 der Überfall. Gerade der Pakt von 1939 ist im Märchenmaterial vorgezeichnet, allerdings im Schwestermärchen der »Goldkinder«, das Salber mitverhandelt: Dort lässt sich der wunderbare Fisch in Teile teilen, die den Söhnen zukommen, weil das gemeinsame Geheimnis nicht gewahrt werden kann. Die geteilte Beute von 1939 hieß Polen. Wo die Brüder das Land eines Dritten als Material unter sich aufteilen, beginnt die Katastrophe — im Märchen wie in der Geschichte.

Versteinerung und Erlösung: das Messer im Baum

Das stärkste Bild des Märchens ist das Abschiedsgeschenk des Jägervaters: ein blankes Messer, in einen Baum am Scheideweg gestoßen. Die Seite, in deren Richtung der abwesende Bruder gezogen ist, rostet, wenn er stirbt; solange er lebt, bleibt sie blank. Es ist ein Instrument nüchterner Fernanzeige — man erfährt vom Zustand des anderen nicht durch Einfühlung, sondern durch Ablesen.

Illustration von Otto Ubbelohde

Vierzig Jahre lang war Deutschland selbst der geteilte Bruder, und das Messer verlief durch die eigene Mitte. Der eine Teil nach Westen gewandt, der andere dem östlichen Bruder zugeordnet — als Besatzungsmacht, Lehrmeister und Alltag zugleich. Die Versteinerung, im Märchen das Schicksal des ersten Bruders im Hexenwald, hat ihre historische Entsprechung im eingefrorenen Zustand des Kalten Krieges: Leben, das angehalten ist, ohne tot zu sein — Salbers Kategorie des Toten oder Un-Toten im gestaltähnlichen Bild.

1989/90 kommt die Erlösungsszene. Gorbatschow rührt, um im Bild zu bleiben, die Steine an: Die Versteinerten stehen auf, die Mauer fällt, Deutschland wird vereint. Und hier steht in Salbers Zusammenfassung des Märchenschlusses jener Satz, der die Gegenwart aufschließt: Der eine Bruder erlöst den versteinerten — der ihn jedoch tötet, »weil er sich betrogen und verraten glaubt«.

»Betrogen und verraten«: eine Kränkungserzählung und ihre Prüfung

Die russische Selbsterzählung seit den neunziger Jahren lautet fast wortgleich: Man habe die deutsche Einheit ermöglicht und sei dafür betrogen worden — durch die NATO-Osterweiterung, durch gebrochene Zusagen, durch die Demütigungen des Jahrzehnts danach. Morphologisch ist diese Kränkung eine Tatsache: Das Verdrängte wirkt mit, gleichgültig, ob der Verrat juristisch stattgefunden hat. Dass diese Kränkung nicht bloß Staatsrhetorik ist, sondern Gorbatschows eigene Überzeugung, bezeugt ein Ohrenzeuge: Helmut Thoma, dem Verfasser freundschaftlich verbunden, nahm an privaten Abendessen beim damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement teil und berichtete mehrfach, Gorbatschow habe dort unmissverständlich erklärt, die Sowjetunion hätte der Wiedervereinigung nie zugestimmt, hätte sie geahnt, dass die NATO in Richtung der russischen Grenze rücken würde. Die Erwartung war echt — und ebendarum die Enttäuschung. Historisch aber verlangt die Erzählung Prüfung, und die Faktenlage ist genauer als der Mythos.

Es gab Anfang 1990 mündliche Zusicherungen — Bakers »not one inch eastward« gegenüber Gorbatschow im Februar, ähnlich Genscher Ende Januar in Tutzing; die Dokumente hat das National Security Archive 2017 gesammelt veröffentlicht. Doch sie fielen im Kontext der deutschen Einheit, als der Warschauer Pakt noch existierte; ein künftiger NATO-Beitritt Polens oder gar der Ukraine stand 1990 nicht zur Debatte. Vertraglich fixiert wurde im Zwei-plus-Vier-Vertrag allein der Sonderstatus des früheren DDR-Gebiets. Gorbatschow selbst hat 2014 erklärt, die Osterweiterung sei 1990 nicht verhandelt worden; er nannte sie eine Verletzung des Geistes, nicht des Buchstabens — nachdem er 2009 in einem Interview mit der Bild-Zeitung noch das Gegenteil behauptet hatte. Als Kronzeuge ist er in beide Richtungen zitierbar; die deklassifizierten Dokumente stützen die spätere Lesart. 1997 nahm Russland die Erweiterung in der NATO-Russland-Grundakte faktisch hin.

Und in der Bilanz fehlt regelmäßig das Gegenversprechen: das Budapester Memorandum von 1994, in dem Russland der Ukraine Grenzen und Souveränität zusicherte — im Tausch gegen deren Atomwaffen. Ein unterschriebenes Dokument, kein Gesprächsprotokoll. Es wurde 2014 gebrochen. Wer Verrat bilanziert und nach Unterschriften fragt, wird auf der russischen Seite fündig: Neben Budapest brach Moskau 2014 auch den russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag von 1997 samt Grenzgarantie. Die Kränkungserzählung und das gebrochene Versprechen sind zwei verschiedene Dinge; die Deutungskraft des Märchens hängt daran, sie auseinanderzuhalten. Der Bruder im Märchen tötet ja nicht, weil er betrogen wurde — sondern weil er es glaubt. Die Doppeldeutigkeit dieses Glaubens ist der Kern der Szene: Die Erlösung selbst wird zum Beweis des Betrugs umgedeutet, weil der Erlöste die Zwischenzeit — den Bruder im eigenen Bett, das zweischneidige Schwert dazwischen — nicht lesen kann. Die Treue wird erst rückwirkend erkennbar, wenn die Frau nach dem Schwert fragt. Bis dahin regiert die Eifersucht.

Die Verhexung durch Vorgeschichten: Deutschlands Anteil

Salber notiert einen Satz, der wie eine Diagnose der deutschen Russlandpolitik gelesen werden kann: Das Material lässt sich verhexen durch Vorbilder, wunderbare Vorbestimmungen, durch die Dramatik von Vorgeschichten. Genau das ist geschehen — auf beiden Seiten.

Die russische Verhexung: Die Krim als »urrussisches Land« ist gefälschte Vorgeschichte. Vor Katharinas Zugriff war die Halbinsel nie Teil eines Moskauer Staates — sie war tatarisch-osmanisch, davor genuesisch, byzantinisch, griechisch. Der russische Anspruch beginnt mit einem Eroberungsakt, dem die Verdrängung und 1944 die vollständige Deportation der Krimtataren folgte. 1783 wie 2014 wird die Krim genommen, indem man ihren Bewohnern die eigene Gestalt abspricht und sie zum Material der großen Erzählung macht. Katharina ließ Taurien und griechische Antike ausrufen, Putin heilige russische Erde: dasselbe Verfahren, Vorbestimmung schlägt Wirklichkeit.

Die deutsche Verhexung: die Rapallo-Romantik, die Vorstellung einer schicksalhaften Zwei-Einheit mit Russland. Sie hat dazu geführt, dass man den anderen als Doppelgänger las, wo er längst eine eigene, andere Gestalt gebildet hatte. »Wandel durch Handel« war dabei die Jäger-Lehre des Märchens in Reinform — das tierische Material nicht vernichten, sondern am Leben lassen und dienstbar machen —, angewandt auf ein Gegenüber, das sich nicht dienstbar machen ließ. Im Märchen gibt es dafür ein präzises Bild: Die Hexe bietet dem ersten Jäger an, seine Tiere mit einer Rute zu schlagen, dann täten sie ihr nichts. Er tut es, entwaffnet sich selbst und wird versteinert. Der zweite Bruder verweigert die Rute — und lädt Silberknöpfe statt Bleikugeln, weil die gewohnten Mittel gegen diese Gegnerin nichts ausrichten. Die Pipelines waren Bleikugeln. Die Hexe lachte, dass es gellte.

Und die Ukraine? Wer sie nur als Teil des Bruderverhältnisses liest — als Preis, Pfand oder Beweisstück des Verrats —, wiederholt die Verhexung von 1939: Er macht das Land eines Dritten wieder zum geteilten Fisch. Die Staaten Ostmitteleuropas sind nach 1990 nicht in die NATO »gerückt worden«; sie haben gedrängt, aus vierzigjähriger Erfahrung mit dem einen Bruder. Ihnen die eigene Gestaltbildung abzusprechen heißt, in der Logik zu denken, die den Überfall vorbereitet hat.

Die Teilung wandert nach innen

Die jüngste Wendung der Gestalt: Die Zwei-Brüder-Struktur ist ins Innere Deutschlands gewandert. Der Streit um die Unterstützung der Ukraine — hier die Regierungslinie mit Abschreckung und Bündnistreue, dort AfD und BSW mit Verhandlungsforderung und »nicht unser Krieg«, mit deutlich stärkerem Rückhalt im Osten, quer dazu Skepsis bis in SPD und Union hinein — setzt exakt an der alten Naht an. Es sind zwei Lesarten derselben Vorgeschichte: Die eine sagt, wir haben den Frieden mit Russland verspielt; die andere, wir haben uns von Russland verhexen lassen. Beide berufen sich auf 1990.

Salber würde dazu zweierlei sagen. Erstens: Kein einheitliches Deutschland ist kein Befund, sondern der Normalfall. Die Gegensatzeinheit ist die Gestalt, nicht ihre Störung; die Bundesrepublik war auch vor 2022 nie einheitlich, sie trug ihre Spaltungen an anderen Themen aus. Gefährlich wird es an der Stelle, wo das Märchen kippt: wenn ein Bruder den anderen erschlägt, weil er sich betrogen und verraten glaubt. Diese Betrugs-Erzählung läuft innerdeutsch bereits in beide Richtungen — der Osten fühlt sich seit 1990 übernommen statt vereint, der Westen liest die östliche Russland-Nähe als Illoyalität. Es ist die Eifersuchtsszene am Märchenschluss: Der Bruder schlägt zu, bevor er die Treue des anderen erkennen kann.

Zweitens die Erkennungsszene als Ausweg: Am Ende stehen zwei Ununterscheidbare im Schlosshof, und die Königin erkennt den rechten Gemahl erst am Halsband, das sie einem der Löwen gegeben hatte. Einheit entsteht im Märchen nicht durch Verschmelzung, sondern durch Unterscheidung. Übertragen: Die Aufgabe ist nicht, die östliche Erfahrung ins westliche Bild einzuschmelzen oder umgekehrt, sondern beide Prägungen als verschiedene Gestalten desselben Landes lesbar zu machen.

Was die Gestalt über ihre Weiterentwicklung sagt

Nimmt man Salber ernst, gibt das Märchen selbst die Bedingungen an, unter denen die Wendung möglich wird — und die Reihenfolge ist nicht beliebig. Die Versteinerung muss von außen nüchtern abgelesen werden, am rostenden Messer, nicht am Wunschbild: Der Zustand Russlands ist zu nehmen, wie er ist, nicht wie die Bruderromantik ihn erinnert. Die Rute ist zu verweigern: keine Selbstentwaffnung auf Zuspruch dessen, der einen versteinern will. Es braucht Silberknöpfe: andere Mittel als die gewohnten. Die Erlösung wird erzwungen, nicht erbeten — erst als die Hexe unter Druck die Steine berührt und schließlich verbrennt, öffnet sich der Wald von selbst, und man sieht das Schloss auf drei Stunden Wegs.

Die entscheidende Grenze westlichen Handelns markiert das Märchen ebenfalls: Die Reue kommt vom Täter. Der Bruder, der erschlagen hat, jammert selbst — niemand redet sie ihm ein. Erst dann läuft der Hase nach der Lebenswurzel. Die Wendung im russischen Selbstbild kann nur von innen kommen. Was von außen möglich bleibt, ist die Jäger-Lehre in ihrer richtigen Anwendung: das tierische Material am Leben lassen — die Kanäle, die Kultur, das Exil, die Gesellschaft hinter dem Regime. Der Hase muss existieren, wenn der Moment kommt.

So verteilt das Bild die Lasten ohne falsche Symmetrie. Die Reue liegt bei Russland — beim Bruder, der erschlagen hat — und sie ist die Voraussetzung von allem Weiteren. Deutschlands Part ist nicht Reue, sondern die Erkennungsszene: Der Bruder im Ehebett lag dort mit dem Schwert, im Buchstaben korrekt, im Anschein aber genau das Bild des Verrats. Wer so liegt, hat keinen Totschlag zu bereuen — aber zu erkennen, was sein Liegen ausgelöst hat, und die Unterscheidung von Tat und Anschein selbst zu leisten, wie die Königin sie am Halsband leistet. Die Wiederherstellung schließlich können nur beide: Sind die Brüder Hälften eines Ganzen, war der Totschlag Selbstverstümmelung, und das Märchen endet nicht mit der Bestrafung des Täters, sondern mit dem gemeinsamen Einzug ins Schloss — die unbequemste Pointe der Vorlage.

Einen Trost der Vollendung verweigert Salber. Menschliche Produktionen, schreibt er am Ende seiner Analyse, sind immer ein Halb und Halb; mit dieser unfertigen Fehl-Konstruktion müssen — und können — wir den ungeheuren Reichtum unserer Lebensbilder zustande bringen. Die Geschichte kennt keine Lebenswurzel, die der Hase rechtzeitig bringt. Das Märchen endet mit dem zweischneidigen Schwert im Ehebett, das erst rückwirkend als Treue lesbar wird. Manches am heutigen Verhalten der Brüder — und der Dritten zwischen ihnen — wird erst die nächste Generation richtig lesen können. Die Versteinerung ist wieder da. Ob jemand das Messer im Baum noch anschaut, ist offen.