Der Journalist und Filmproduzent Marc Conrad, ein langjähriger Freund Wilhelm Salbers, schreibt Texte, die aktuelle Zeiterscheinungen mit Grimm'schen Märchen analysieren. Wir veröffentlichen sie an dieser Stelle und nehmen dies zum Anlass, auch andere Kollegen zur Einsendung von Gedanken und Analysen zur Zeitgeschichte einzuladen. Zu Beginn des Ukraine-Krieges hatten wir einen Blog angelegt, in dem es für einige Monate zu einem regen Austausch kam. An diesen Blog wollen wir hiermit ausdrücklich anknüpfen. Sven Giebel hat am 6.10. 20226 einen Beitrag zum Blog beigesteuert. Weitere Beiträge zur Veröffentlichung bitte an info@psychologischemorphologie.de.Die Grimm'schen Märchen findet man über diesen LINK bei Projekt Gutenberg.
Texte in der Reihe ihrer Veröffentlichung:
Das Messer im Baum (Marc Conrad)
Der Bruder hinter der Mauer (Marc Conrad)
Der Wolf frisst Kreide (Marc Conrad)
Die goldene Straße (Marc Conrad)
Der Schmied und der Teufel (Marc Conrad)
Der falsche Name (Marc Conrad)
Die Märchenstunde ohne Märchen (Marc Conrad)
Die Einheit - die sich trennt (Sven Giebel)
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06.10.2026
Die Einheit – die sich trennt
Was die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin über das deutsche Selbstbild erzählen
von Dr. Sven Giebel
Am Abend des 20. September 2026 entstehen zwei politische Bilder, die gegensätzlicher kaum wirken könnten. In Mecklenburg-Vorpommern wird die AfD mit 38,2 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft. In Berlin gewinnt Die Linke mit 25,7 Prozent; die AfD erreicht dort 16,3 Prozent. In Schwerin triumphiert eine national abschließende Bewegung, in der Hauptstadt eine Partei, die soziale Zugehörigkeit und Umverteilung verspricht. Zwei Wahlsieger mit zwei psychologischen Entwicklungsrichtungen behandeln dasselbe psychologische (Kultur-)Problem.
Aus morphologischer Perspektive sind Wahlergebnisse Gestaltbildungen, in denen eine Kultur ihre Konflikte behandelt. Die Frage lautet deshalb nicht allein, warum Menschen rechts oder links wählen. Zu fragen ist, welche seelische Arbeit das jeweilige politische Bild verrichtet: Was bringt es zusammen, was hält es getrennt, welche Kränkung wendet es um, welche Entwicklung erspart, oder eröffnet es?
Meine Dissertation zum Selbstbild ostsozialisierter Männer rekonstruierte dafür ein Kultivierungsmuster, das ich als gespaltene Einheit bezeichne. Dreißig morphologische Tiefeninterviews mit Männern zwischen 18 und 69 Jahren aus den neuen Bundesländern zeigten: Ost und West bilden psychologisch weiterhin eine Einheit, aber eine Einheit, die sich durch Trennung herstellt. Der Westen bleibt als Gegenüber notwendig, damit das Ostdeutsche Kontur, Stolz und Geschlossenheit gewinnen kann. Gerade die Abgrenzung hält die Beziehung aufrecht.
Der Artikel Gespaltene Einheit und demokratische Führung hat dieses Muster auf den Aufstieg der AfD bezogen. Das Ergebnis der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zeigt eine bemerkenswerte Passung zwischen einem historisch ausgebildeten Behandlungsbedarf des Kulturproblems Einheit und Trennung und einem politischen Bildangebot. Der psychologische Versionengang macht diese Passung in vier Wendungen sichtbar.
Erste Version Gestaltlogik des demonstrativen Klagens
Die erste Version verdichtet das Material zu einer durchgängigen Grundqualität. Im untersuchten Selbstbild ist dies das demonstrative Klagen. Es beginnt nicht in Resignation, sondern in einer enttäuschten Verwandlungshoffnung. Der 9. November 1989 eröffnete Freiheit, Reisen, Konsum und biografische Möglichkeiten. Gerade weil die Hoffnung so groß war, konnte ihre spätere Verkehrung umfassend werden.
Das Klagen durchläuft fünf Facetten: umfassende Enttäuschungen, Zuweisung von Schuld und Inhaftungnahme, Getrennt-Halten der Verhältnisse, Überhöhung in heimlicher Überlegenheit und Ganz-Machen im verdeckten Triumphieren. Aus dem Erleben, übernommen, entwertet oder nicht gesehen worden zu sein, entsteht eine Anklage. Diese Anklage bindet den Westen: Er soll erklären, entschädigen, anerkennen und schließlich erleben, dass der Osten doch recht behalten hat und wird.
In Mecklenburg-Vorpommern findet diese Bewegung ein prägnantes Wahlbild. Die AfD-Stimme kann Beschwerde, Bestrafung und Selbstaufrichtung in einem Zug vollziehen. Aus dem Osten als Objekt der Transformation wird ein Subjekt, das der Bundesrepublik seine Bedingungen vorführt. Der Wahlsieg mit 38,2 Prozent erhält dadurch die Qualität eines späten Triumphs: Nun muss sich das politische Zentrum nach einer Region richten, die sich lange als übergangen erlebt hat. Die Partei AfD löst die alte Kränkung nicht; sie wendet sie in demonstrative Macht um.
Berlin zeigt dieselbe Grundbewegung in anderer Gestalt. Der Erfolg der Linken bündelt Klagen über Mieten, soziale Ungleichheit und die Erfahrung einer Stadt, die ihren Bewohnern entgleitet. Auch hier wird eine als fremdbestimmt erlebte Entwicklung angehalten und gegen ihre bisherigen Träger gewendet. Die Hauptstadtwahl mahnt deshalb, das Klagen nicht vorschnell mit Rechtspopulismus gleichzusetzen. Die gleiche Grundqualität kann politisch verschieden behandelt werden. Entscheidend ist, ob die Anklage Unterschiede integrierbar hält und vermittelt oder ob sie Gegner zu auszuscheidenden Fremdkörpern macht und ausgrenzt.
Zweite Version Gestalttransformation zwischen Beschuldigung und Jubel
Die zweite Version zergliedert die Grundqualität in einen Wirkungsraum. In der Dissertation stehen sechs widerstreitende Tendenzen zwischen Beschuldigung und Jubel: standhaftes Wappnen, stolzes Glorifizieren, gewitztes Werkeln, bescheidenes Festhalten, zauberhaftes Wenden und flexibles Verschieben.
Das standhafte Wappnen schützt gegen neue Zugriffe. Politische Vorgaben aus Berlin, Brüssel oder einer globalisierten Welt werden als Fortsetzung der Überstülpung des Westsystems erlebt. Das stolze Glorifizieren antwortet mit der Aufwertung ostdeutscher Widerständigkeit. Im gewitzten Werkeln werden Improvisation, Handwerk und kleine Gemeinschaften zu Gegenbildern abstrakter Systeme. Das bescheidene Festhalten bewahrt vertraute Ordnungen und ostalgische Bilder. Das zauberhafte Wenden verspricht, widersprüchliche Wünsche ohne Kosten zu erfüllen. Das flexible Verschieben wechselt die Maßstäbe so, dass die eigene Position trotz ihrer Gegensätze bestehen bleiben kann.
Die AfD kann diese sechs psychologischen Wirkrichtungen in einer politischen Dramaturgie versammeln: Abwehr gegen äußere Zumutungen, Stolz auf das Eigene, Rückkehr zu überschaubaren Verhältnissen, Wiedergewinnung vergangener Ordnung, radikale Umkehr ohne schmerzhafte Übergänge und die situative Verrechnung widersprüchlicher Versprechen. Das erklärt ihre Zugkraft psychologisch differenzierter als die Rede vom bloßen Protest. Sie bietet nicht nur Themen, sondern eine Formenbildung, die Überforderung in Eindeutigkeit überführt.
Auch das Berliner Ergebnis lässt sich in diesem Wirkungsraum lesen. Die Linke verwandelt Überforderung stärker in Schutz- und Aneignungsversprechen: bezahlbares Wohnen, öffentliche Verfügung und soziale Sicherung. Die AfD verwandelt sie stärker in Abwehr, Homogenisierung und nationale Rückgewinnung. Beide profitieren vom Verlust der Mitte, aber sie organisieren diesen Verlust verschieden. Morphologisch relevant ist nicht die Gleichsetzung der politischen Inhalte, sondern die Frage, wie gegensätzliche Angebote dieselbe Ohnmacht jeweils figurieren.
Dritte Version Gestaltkonstruktion von Einheit und Trennung
Die dritte Version fragt nach dem Verwandlungsproblem, das die Gestaltkonstruktion hervorbringt: Einheit und Trennung. Die Dissertation unterscheidet drei Muster: Einheit wird Trennendes in Autonomiebestrebungen; Trennendes wird Einheit in Vermittlungsbestrebungen; Gegensätzliches bleibt in einem Getrennt-Halten unverbunden bestehen.
Im strukturellen Austausch mit dem Märchen Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack wird sichtbar, wie stark die deutsche Einheit bis heute um abgebrochene Entwicklungen kreist. Die Söhne verlassen die väterliche Einheit, erwerben eigene Werke, werden vom Wirt getäuscht und kehren verändert zurück. Das Märchen führt nicht zu einer rückstandslosen Verschmelzung. Entwicklung entsteht, weil Trennung zugelassen, Täuschung erkannt und eine neue Einheit hergestellt wird.
Die politische Hauptfiguration von 2026 bleibt dagegen häufig in einem Vor und Zurück stecken. Man sehnt sich nach Einheit, entzweit sie, will sie mit entschiedener Aggression wiederherstellen und gerät gerade dadurch tiefer in Trennung. In Mecklenburg-Vorpommern verdichtet die AfD dieses Muster über Ausgrenzung zu einer Einheit: durch Abgrenzung von Eliten, Westen, Migration und pluralistischer Kultur. Der Gegner wird dabei zum Bindemittel.
Berlin und Die Linke zeigen eine andere Behandlung des Verwandlungsproblems. Die heterogene Stadt kann Unterschiedlichkeit nicht dauerhaft beseitigen; sie muss sie politisch vermitteln. Der Sieg der Linken kann als Versuch gelesen werden, auseinanderstrebende Lebenslagen über die soziale Frage wieder zusammenzuführen. Zugleich bleibt auch hier die Gefahr einer gespaltenen Einheit: wenn Ost und West, Zentrum und Rand, Eigentümer und Mieter oder moralisch Richtige und Falsche nur noch gegeneinander geordnet werden. Das Berliner Ergebnis stellt dabei eine weitere, über Vermittlung funktionierende Einheit als Kultivierungsform desselben Problems der gespaltenen Einheit dar.
Vierte Version Gestaltparadox und sieben Umgangsformen
Die vierte Version modelliert provisorische Lösungen. Sie beschreibt keine festen Personentypen, sondern a-personale Umgangsformen, die in Menschen, Gruppen und politischen Angeboten wechseln können. Fünf Typen eröffnen neue Entwicklungsmuster, zwei halten an alten fest.
Der Tolerante Typus lässt Ost und West als autonome, gleichberechtigte Einheiten Neben- und miteinander gelten. Der Gierige Typus übernimmt westliche Errungenschaften eigenständig, riskiert dabei aber, die eigene Ost-Herkunft abzuschneiden. Der Gewährende Typus bildet regionale, nachbarschaftliche oder zivilgesellschaftliche Einheiten neben dem Nationalen und macht Nähe zu einem offenen Entwicklungsraum. Die Hin und herspringende Typus vermittelt das Beste aus Ost und West, kann jedoch Konflikte nur übergehen, indem jeweils die attraktiven Seiten kombiniert werden. Der Einsichtige Typus geht weiter: Er arbeitet Selbsttäuschungen, Idealisierungen und Fehler beider Seiten kritisch auf und ermöglicht dadurch eine neue Beziehung.
Demgegenüber stehen zwei festhaltende Hauptfigurations-Typen. Der Misstrauische Typus hält Ost und West aus Überforderung getrennt, kappt Austausch und richtet sich im klagenden Dazwischen ein. Der Prahlerische Typus steigert das Getrennt-Halten zur Idealisierung: Das Eigene wird allmächtig erhöht, das Andere entwertet, und starke Führung soll die widerspruchsfreie Einheit erzwingen.
Im Erfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern treten besonders die beiden letzten Formen hervor. Überforderung legitimiert den Rückzug; Idealisierung verwandelt Rückzug in Überlegenheit. Das heißt nicht, 38,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler einem Typ zuzuordnen. Es heißt, das politische Bild-Angebot als Kultivierungsform zu begreifen. Seine Wirksamkeit beruht darauf, dass es das Getrennt-Halten nicht als Notlösung, sondern als Erlösung inszeniert.
Für Berlin ergibt sich ein tendenziell beweglicheres Bild. Die Stadt enthält mit ihren Kiezen, Milieus und ost- wie westsozialisierten Räumen die Formenbildung des Gewährenden Typus. Ihr Wahlresultat kann zudem als Vermittlungsversuch gelesen werden: soziale Einheit soll in einer hochgradig pluralen Stadt neu hergestellt werden. Ob daraus eine bewegliche Sowohl-als-auch-Form oder ein neues starres Lager entsteht, entscheidet sich erst in der konkreten politischen Behandlung nach der Wahl.
Demokratische Führung beginnt in der dritten Version
Marc Conrad beschreibt das politische Kandidatenraten nach den Wahlabenden als ein Verbleiben in den ersten beiden Versionen: Die vertraute Erzählung wird fortgeschrieben und zu Person oder Gegenperson polarisiert. Erst die dritte Konstruktions-Version bemerkt, dass auch diese Erzählung hergestellt ist und umgebaut werden kann. Darin liegt die entscheidende Verbindung zu den Ergebnissen der Dissertation.
Die demokratische Aufgabe besteht nicht darin, das Klagen moralisch abzuwehren oder die AfD sprachlich zu kopieren. Beides hielte die Aufwertungs-/Entwertungs-Dynamik in Gang. Sie beginnt dort, wo Politik den Sprung in die dritte und vierte Version wagt: die Herstellung der gespaltenen Einheit erkennen, Trennung als notwendiges Moment von Entwicklung zulassen und dennoch neue Vermittlungen organisieren.
Dafür erscheinen zwei Umgangsformen besonders tragfähig: die Autonomie des Ostens und des Westens und die Vermittlung durch Aufarbeitung und kritische Reflexion. Ostdeutsche Erfahrungen müssen als eigenständige Geschichte anerkannt werden, ohne sie zu einem unschuldigen Opfermythos zu schließen. Westdeutsche Übernahme, ökonomische Interessen und kulturelle Abwertung gehören ebenso in die Reflexion wie SED-Diktatur, Ostalgie, autoritäre Sehnsucht und die projektive Entwertung Fremder. Anerkennung ohne Kritik bleibt Idealisierung; Kritik ohne Anerkennung wiederholt die Kränkung.
Die beiden Wahlen stellen Deutschland daher nicht vor zwei Probleme, sondern vor eine gemeinsame Verwandlungsaufgabe. Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie mächtig Einheit durch Ausschluss werden kann. Berlin zeigt, dass auch Vielfalt eine neue soziale Einheit braucht, wenn sie nicht in Milieus zerfallen soll. Demokratische Führung müsste beides zusammenbringen: Unterschiede schützen, Grenzen begründen, Beteiligung wirksam machen und ein Zukunftsbild anbieten, in dem Ostdeutsche nicht Nachzügler westlicher Modernisierung, sondern Mitautoren der nächsten Transformation sind.
Die gespaltene Einheit kommt erst in Entwicklung, wenn eine Kultur bemerkt, wie sie ihre Einheit durch Trennung selbst herstellt. Genau dort beginnt die psychologische Arbeit nach der Wahl.
Quellen
Giebel, S. (2025). (Selbst-)Bild als Deutscher – Eine kulturpsychologische Untersuchung bei Männern im Alter von 18 bis 69 Jahren in den neuen Bundesländern [Dissertation, Universität zu Köln]
Giebel, S. (2026). Gespaltene Einheit und demokratische Führung – Eine morphologisch psychologische Analyse des AfD Erfolgs in Mecklenburg-Vorpommern und Ostdeutschland.
https://zwischenschritte.de/lesen/artikel/gespaltene-einheit-und-demokratische-fuehrung-eine-morphologisch-psychologische-analyse-des-afd-erfolgs-in-mecklenburg-vorpommern-und-ostdeutschland/
Conrad, M. (2026, 23. September). Der falsche Name. Wilhelm Salber Gesellschaft. https://www.psychologischemorphologie.de/beitraege-zur-zeitgeschichte/
Der Landeswahlleiter Mecklenburg-Vorpommern. (2026). Wahl zum Landtag von Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026 Vorläufiges Ergebnis.
https://wahlen.mvnet.de/dateien/ergebnisse.2026/landtagswahl/html/l_99.html
Der Landeswahlleiter für Berlin. (2026). Wahl zum 20. Abgeordnetenhaus von Berlin am 20. September 2026 Vorläufiges Ergebnis. https://wahlen-berlin.de/wahlen/BE2026/Afspraes/AGH/ergebnisse.html
Sven Giebel ist promovierter Psychologe. Er verantwortete zwei Jahrzehnte bei renommierten Marktforschungsinstituten und Marketingagenturen qualitative, morphologische Forschung und Beratung. 2014 gründete er als Inhaber die Agentur QUES – Marketing Research / Strategy / Consulting und ist an der Business & Law School Berlin und Hamburg in der Lehre und Forschung tätig. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind Analysen zur Psychologie von Alltag und Kultur (insbesondere der west- und ostdeutschen Kultur), Analysen zu Marketingpsychologischen Fragestellungen sowie Analysen zu reflexiven Dimensionen qualitativ-psychodynamischer Forschung. Er ist Mitglied der Redaktion der psychologischen Fachzeitschrift Zwischenschritte.
02.10.2026
Die Märchenstunde ohne Märchen
Europa streitet über Mindestalter — in Amerika hat eine Jury den Feed als fehlerhaftes Produkt verurteilt, und Meta hat mit einem Milliarden-Vergleich kapituliert. Bevor man verbietet, sollte man wissen, was da verkauft wird — Social Media, gelesen mit Wilhelm Salbers Märchenanalyse.
von Marc Conrad
Jedes Zugabteil zeigt dieselbe Szene: gesenkte Köpfe, wandernde Daumen, Gesichter im Licht der Displays — und wer Augenkontakt sucht, ist der Sonderling. Drei Stunden täglich, so die jüngste Bitkom-Erhebung vom Jahresbeginn, schaut der Durchschnittsdeutsche inzwischen auf sein Smartphone, bei den Jüngeren gut dreieinhalb. Drei Stunden: Das war einmal ein ganzer Feierabend. Inzwischen ist aus dem Befund eine Weltdebatte geworden: Europa streitet in diesen Wochen über ein Mindestalter für Social Media, Australien hat eines eingeführt, und in Amerika hat im März erstmals eine Jury Plattformkonzerne für die Bauweise ihrer Apps haftbar gemacht — im August folgte die Kapitulation, wovon noch zu reden sein wird. Verboten, verhandelt, reguliert wird also längst. Nur eine Frage kommt in dem Streit nicht vor, und sie ist die Frage dieser Reihe an ihr eigenes Zeitalter: Die Märchenstunde, aus der die Erzählungen stammen, mit denen diese Reihe bisher Russland, die Brandmauer, die Generaldebatte und die Künstliche Intelligenz gelesen hat, dauerte einen Bruchteil davon — und danach war sie zu Ende, das Feuer brannte herunter, man ging schlafen. Was tun die Leute da, drei Stunden lang, jeden Tag? Und die Frage ist ernst gemeint, nicht als Klage verkleidet. Denn die übliche Antwort — Verblödung, Sucht, Kulturverfall — ist genau die Sorte Erklärung, gegen die Wilhelm Salber sein Leben lang angeschrieben hat: eine Einzelursache, dem Phänomen übergestülpt, statt zu fragen, was es den Menschen gibt. Salbers Ausgangspunkt in der Märchenanalyse ist nüchterner und respektvoller: Menschen haben zu allen Zeiten Bilderwelten der Verwandlung aufgesucht, und sie hatten ihre Gründe. Die Märchenstunde am Feierabend war keine Schwäche, sie war eine seelische Einrichtung — dort wurde behandelt, was der Tag offengelassen hatte. Wer wissen will, warum wir scrollen, muss also nicht fragen, was mit uns nicht stimmt. Er muss fragen, welche uralten Erleichterungen der Feed verkauft — und welche eine Sache er uns dabei vorenthält.
Die Verrechnung, endlich
Die erste Erleichterung hat Salber am Aschenputtel beschrieben. In uns allen, sagt er, arbeitet die Erwartung, »dass die Welt alles sortiert und dann auch verrechnet«, dass belohnt und bestraft werden müsste — und das Leben bleibt diese Verrechnung notorisch schuldig. Die Ungerechten gedeihen, die Rücksichtslosen werden befördert, und die Küche, in der man sitzt, sieht keiner. Das Märchen wusste um diesen Schmerz und gab ihm eine Form: ein Ende, an dem gewogen wird. Der Feed hat etwas viel Besseres im Angebot — er wiegt sofort. Im Minutentakt wird dort einer sortiert: entlarvt, gefeiert, zerlegt, gecancelt, mit Beifall überschüttet. Jeder Empörungsbeitrag ist eine kleine vollzogene Aschenputtel-Fantasie, eine Verrechnung in Echtzeit und vor Publikum, noch heute, noch in dieser Minute. Man muss die Erleichterung ernst nehmen, die darin liegt: Die Welt, die sonst nie abrechnet, rechnet hier pausenlos ab — und ich darf mitwiegen, mit einem Daumen. Sogar die Währungen stammen aus dem Märchen: Der Like-Regen und der Shitstorm sind Goldregen und Pechregen aus »Frau Holle« — nur dass bei Frau Holle geprüft wurde, wer die Betten geschüttelt hat, während der Feed das Gold nach Lautstärke vergibt. Dass diese Verrechnung nichts kostet und nichts wiegt, dass morgen ein anderer auf der Waage liegt und übermorgen niemand mehr weiß, was gestern gewogen wurde — das merkt man erst hinterher. Wenn überhaupt.
Der Genuss vor der Tat
Die zweite Erleichterung steht in Salbers Rumpelstilzchen-Analyse, und sie ist die vielleicht genaueste Beschreibung des Scrollens, die je geschrieben wurde — niedergeschrieben spätestens 1999, acht Jahre bevor das iPhone kam und das Scrollen in die Hosentaschen steckte. Das Vertauschungsspiel der Möglichkeiten, sagt Salber, hat eine eigentümliche Ökonomie: Der ganze Genuss steckt in der Bewegung, im Hin und Her, vor der Tat — »mit dem Namen-Geben ist das Spiel aus«. Wer den Namen ausspricht, hat es oder hat es nicht; die Entschiedenheit beendet den Zauber. Genau diese Struktur hat der Feed auf Dauer gestellt: Scrollen ist reines Vor-der-Tat, ein endloses Hin und Her der Möglichkeiten, bei dem nie ein Name fallen muss. Nichts wird angesagt, nichts festgelegt, nichts geliefert. Dazu kommt die Schwester dieser Erleichterung, das Warten auf Wunder, das Salber ebenfalls am Aschenputtel zeigt: der eigentliche Anfang, der immer morgen ist. Jede Wischbewegung ist ein kleines Morgen — der nächste Beitrag könnte der eine sein, die Nachricht, das Video, die Wendung. Die Plattformen haben dieses Warten industrialisiert und in eine Schlagzahl gebracht, von der kein Märchenerzähler zu träumen wagte: ein Wunderversprechen alle paar Sekunden, keines eingelöst, jedes sofort ersetzt. Das Märchen kannte das Warten auf Wunder auch — aber es ließ das Wunder irgendwann geschehen und machte damit Schluss.
Drehungen ohne eigenes Gewand
Die dritte Erleichterung hat eine Vorgängermaschine, und die stand jahrzehntelang im Wohnzimmer. Salber beschreibt bei König Drosselbart, wie seelische Einheiten nur lebendig bleiben, wenn sie Drehungen mitmachen — Stürze und Erhöhungen, die »mit geheimer Freude, aber auch mit Angst« verspürt werden; und bei Frau Holle den Tauschmarkt der Gewänder, das Umspringen von Glück und Gefahr, das die Welt beweglich hält. Das Fernsehen hat aus diesen Drehungen ein Programmschema gemacht: Jede Castingshow ist eine Drosselbart-Maschine, die im Wochentakt erniedrigt und erhöht; jedes Dschungelcamp ein Tauschmarkt, auf dem Prominente das Gewand des Gedemütigten anziehen; jede Auswanderer-Doku ein Umspringen von Glück und Gefahr mit Werbeunterbrechung. Der Zuschauer genoss die Drehungen vom Sofa aus — alle Umsprünge, keine Fallhöhe, die Lust an der Verwandlung ohne das Risiko, verwandelt zu werden. Der Feed hat diese Maschine nicht erfunden. Er hat sie nur beschleunigt — aus dem Wochentakt wurde der Minutentakt: der Gefeierte von gestern am Boden, der Niemand von heute Morgen viral — und er hat ihr das Letzte genommen, was das Fernsehen noch besaß: die Form. Den Sendeplatz, das Staffelfinale, den Abspann, den Sendeschluss. Man muss das so hart sagen, gerade wenn man das Fernsehen von innen kennt: Social Media ist nicht der Sündenfall nach dem guten alten Fernsehen. Es ist das Fernsehen, von seinen letzten Märchenresten befreit.
Die Entlastung vom Getriebe
Die vierte Erleichterung ist die tiefste, und sie erklärt, warum die Debattenlage so ist, wie diese Reihe sie vorfindet. Salber hat gegen eine bestimmte Denkform unermüdlich polemisiert: das »Sammelsurium« — das Nebeneinanderstellen von Beweggründen und Einzelursachen, wo ein Getriebe zu analysieren wäre, ein Wirkungsgefüge, in dem die eine und die andere Seite einander antreiben. Man kann diese Denkform für eine Schwäche halten. Mit Salber muss man sie für eine Leistung halten — eine Abwehrleistung. Denn wer das Getriebe sieht, sieht unweigerlich sich selbst darin mitlaufen: Die Gegensatzeinheit meint mich mit, das Verdrängte, das mitwirkt, ist immer auch das eigene. Die Einzelursache dagegen entlastet vollständig. Die sind schuld. Das ist der Grund. Ich komme im Bild nicht vor. Das Fernsehen hat auch diese Entlastung vorbereitet — die »Schlag«-Wort-Talkshow, in der vier Einzelursachen an einem Tisch sitzen und einander neunzig Minuten lang nicht zum Getriebe fügen, war ihr Trainingslager. Der Feed hat die Entlastung dann zur Grundwährung gemacht, und der Algorithmus hat sie technisch vollendet: Er liefert jedem nur noch die eine Seite und sortiert die andere aus dem Blickfeld — das Getriebe wird unsichtbar, konstruktionsbedingt. Was von der Wirklichkeit übrig bleibt, ist ein Sammelsurium als Lustform, personalisiert und unerschöpflich. Das ist die eigentliche Droge, stärker als jedes Katzenvideo: die Freistellung von der eigenen Rolle im Zusammenhang. Drei Stunden täglich in einer Welt, in der ich nie der Bruder, nie der Wolf, nie die Fischersfrau bin — immer nur der, der zusieht und recht hat.
Der Erzähler ohne Gesicht
Eine Figur der alten Märchenstunde ist bisher unerwähnt geblieben, und ihr Verschwinden erklärt mehr als jede Bildschirmzeit-Statistik: der Erzähler. Märchen wurden von Menschen weitergegeben, die ihre Zuhörer kannten — die Großmutter wusste, welches Kind heute Abend welche Geschichte brauchte, und sie stand mit ihrem Gesicht für den Schluss ein. Die mündliche Überlieferung, deren erstaunliche Treue die Phylogenetik inzwischen über Jahrtausende nachgemessen hat, war deshalb so stabil, weil jede Weitergabe eine Beziehung war: Erzählt wurde von Angesicht zu Angesicht, von den Alten an die Jungen, und wilde Varianten wurden von der Gemeinschaft aussortiert wie falsche Töne. Der Feed hat den Erzähler durch etwas ersetzt, das kein Gesicht hat und keines braucht: einen Verteilmechanismus, der seine Zuhörer besser kennt als jede Großmutter — jede Verweilsekunde, jedes Zögern des Daumens — und sie zugleich überhaupt nicht kennt, denn er will ihnen nichts erzählen. Er will sie halten. Wo die Überlieferung Varianten abwehrte, belohnt er die Mutation im Stundentakt; wo die Erzählerin für den Schluss einstand, haftet niemand für gar nichts. Das ist der genaue Unterschied zwischen Weitergeben und Ausspielen: Weitergegeben wird, was sich bewährt hat, an jemanden. Ausgespielt wird, was funktioniert, an alle. Die Märchenstunde hatte einen Menschen an ihrem Anfang und ein Ende als Versprechen. Der Feed hat an seinem Anfang eine Rechenoperation — und am Ende, per Konstruktion, nichts.
Zuviel ist zuwenig
Womit das letzte Märchen aufgerufen ist, die Schutzheilige des Feeds: die Fischersfrau aus »Von dem Fischer un syner Fru«. Ilsebill wünscht sich vom verwunschenen Butt das Häuschen, das Schloss, die Königskrone, die Kaiserkrone, den Papstthron — und jede Erfüllung ist im Moment des Erreichens schon entwertet; das Papst-Sein hält keine einzige Nacht, dann will sie werden wie der liebe Gott und sitzt wieder im Pisspott. Salber hat für dieses Getriebe die Formel geprägt, die man über jeden Bildschirm hängen sollte: »Zuviel ist zuwenig«. Und er notiert das Konstruktionsprinzip dahinter: Hier lässt sich nichts stillhalten, wenn es weitergehen soll. Genau das ist die Ökonomie des Scrollens — die Erfüllung sättigt nicht, sie beschleunigt nur; jeder Beitrag ist im Moment des Sehens verbraucht und verlangt den nächsten. Und das Märchen kennt sogar beide Figuren der Plattform: die Frau, die will, und den Fischer, der jede Stufe zu viel findet, es auch sagt — und doch jedes Mal wieder ans Wasser geht. Der Fischer ist der Nutzer, der sich über den Feed beklagt, während er ihn bedient. Wir alle sind beide.
Was dem Feed fehlt, ist damit benennbar, und es ist nur ein einziges Stück — aber es ist das Stück, an dem alles hing. Ein Märchen ist eine geschlossene Behandlungseinheit: Es hat einen Anfang, es entfaltet ein Getriebe, es führt einen Umsatz herbei, und dann — das ist der ganze Trick — hört es auf. »Und wenn sie nicht gestorben sind«: Die Formel ist kein Kitsch, sie ist die Schlussnaht, mit der die Behandlung vernäht wird. Danach ist etwas erledigt, und der Feierabend kann wirklich einer sein. Der Feed dagegen darf nichts zu Ende behandeln — nicht aus Bosheit, sondern aus Geschäftsmodell: Sein Umsatz ist die Verweildauer, und eine geschlossene Gestalt entlässt den Kunden. Also bleibt jede Empörung ohne Urteil, jede Drehung ohne Umsatz, jedes Wunder ohne Ankunft, offen gehalten wie eine Wunde, an der weitergezupft werden soll. Salber selbst hat diese Sehnsucht 1993 notiert, Jahrzehnte vor dem ersten Feed — die Sehnsucht nach dem banalen Maß, danach, »eine Sache von Anfang zu Ende rundzudrehen«. Dirk Blothner hat in der Zeitschrift ‘anders’ mit Salbers Versionengang gezeigt, wie diese mediale Matrix ihre Bewohner in Gewissheit und Polarisierung einsperrt und die reflektierenden, die klugen Versionen des Seelischen verkümmern lässt — wissender und informierter werde man dabei, aber nicht klüger. Das Märchen war das Gegenprogramm: der ganze seelische Gang, durchgespielt in einer Viertelstunde, mit Abschluss. Das Seelische aber, das auf Schließung aus ist, macht mit, was es immer macht, wenn nichts satt macht: Es isst weiter. So sind die drei Stunden zu erklären, ohne ein einziges Mal Verblödung zu sagen — der Feed liefert alle Reize der Märchenstunde und verweigert ihre Form. Er ist die Märchenstunde ohne Märchen: lauter Anfänge von Verwandlungen, die nie eine werden. Die alten Erzähler wussten, was sie taten, als sie den Schluss erfanden. Sie wussten: Wer die Geschichte nicht zu Ende bringt, hält die Zuhörer nicht etwa fest, weil sie so gebannt sind. Er hält sie fest, weil sie hungrig bleiben. Der Butt hätte für diesen Geschäftsgedanken nur einen Satz übrig, denselben wie immer, und die See stünde längst schwarz: Geh hin. Sie sitzt schon wieder im Pisspott — und scrollt.
Das Ende als Störfall
Wie weit das Offenhalten als Bauprinzip reicht, zeigt ausgerechnet die edelste Ware des Bildschirms: das Erzählfernsehen der Streamer. Ihre beste Form ist heute die Miniserie — sechs, acht Folgen, Anfang, Mitte, Ende; geschlossener hat das Fernsehen nie erzählt. Aber die geschlossenen Werke liegen in einem Regal ohne Boden, und der Player behandelt ihr Ende als Betriebsstörung: Kaum läuft der Abspann — das rituelle Ausatmen der Erzählung —, schrumpft er auf Briefmarkengröße, und ein Zähler zählt herunter, bis ungefragt das Nächste beginnt. Autoplay heißt: Wer ein Ende haben will, muss ihm widersprechen. Der Wunsch wird gewährt, bevor er entstanden ist — die Fischersfrau als Voreinstellung. Dabei wussten die großen Serien, was die Woche wert war: Der Cliffhanger und sieben Tage Schwebe dazwischen — Vorfreude, Gespräch, Deutung — waren gemeinsame seelische Arbeit, und die Jahrhundert-Serien des amerikanischen Fernsehens — die Sopranos, The Wire, Mad Men, Breaking Bad — sind alle im Wochentakt gewachsen. Die Binge-Staffel erzählt dieselbe Geschichte und wird anders verzehrt: in einem Wochenende, vergessen im nächsten. Die Pointe schreibt die Industrie gerade selbst: Folge für Folge kehren die Streamer zum Wochentakt zurück, weil Bindung sich rechnet. Sogar das weltweit erfolgreichste Geschäftsmodell des Fernsehens entdeckt, was die alten Erzähler wussten — dass Enden bindet.
Der Streit ums Wasser
Wie schwer dieses Getriebe zu sehen ist, führt derzeit die Politik vor. Die Europäische Union hat den Jugendschutz im Netz zur Chefsache erklärt: Das Parlament fordert ein Mindestalter von sechzehn Jahren, ein Expertengremium der Kommission empfiehlt dreizehn, Österreich plant ein Verbot unter vierzehn, Frankreich unter fünfzehn, Australien hat unter sechzehn bereits verboten und kämpft mit der Durchsetzung — dazu soll eine europäische Altersverifikations-App kommen. Der Kopf dieser weltweiten Bewegung ist der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt, dessen Buch »The Anxious Generation« als Inspirationsquelle des australischen Gesetzes gilt und die Verbotsdebatten weltweit befeuert; das australische Gesetz verteidigt er elegant als bloßes Vertragsrecht — wer einen Vertrag über seine Daten schließt, muss sechzehn sein, und den Ausweis prüft der Laden an der Tür, nicht das Kind. Der Ernst dahinter ist nicht zu bestreiten, die Zahlen des Parlamentsberichts sind alarmierend genug: 97 Prozent der Jugendlichen sind täglich online, jeder vierte Minderjährige nutzt sein Gerät nach den Kriterien des Berichts »problematisch«. Und befragt man die Betroffenen selbst, wird es bemerkenswert: In einer aktuellen Interviewstudie mit 13- bis 26-Jährigen, eben in der New York Times vorgestellt, fordern die jungen Nutzer fast einhellig nicht Selbstdisziplin-Apps, sondern die Regulierung der Plattformen — eine Generation, die die Mechanik ihrer Lage präzise beschreiben kann und ihr trotzdem nicht entkommt. Aber die Debatte hat die Form eines Streits darüber, ab welchem Alter man ans Wasser darf — während niemand fragt, welchen Durst der Brunnen stillt. Verbote behandeln den Feed als Einzelursache: als wäre er ein Stoff, den man wegsperren kann wie Nikotin. Ausgerechnet Haidts eigene Beobachtungen zeigen, dass die Sache anders liegt. Nach dem australischen Verbot, berichtet er im New Yorker, schoss die Nutzung von Umgehungssoftware zunächst hoch — und fiel wieder ab, weil dreißig Kontrollblicke am Tag keine Reibung vertragen: Das Bedürfnis wanderte zum Trick und wieder zurück. Und aus Schulen, die Handys morgens wegschließen, meldet er den immer gleichen Satz: »Wir hören wieder Lachen auf den Fluren.« Beide Befunde erklärt ein einziger Gedanke, der in der Stoff-Logik nicht vorkommt: Verbote verschieben Bedürfnisse, und ob das gelingt, hängt davon ab, ob am Zielort ein besserer Händler wartet. Der Schulflur ist einer. Er ist aber ein Händler, der uralte Erleichterungen verkauft — Verrechnung, Möglichkeitsrausch, Drehungen, Entlastung —, und Bedürfnisse wandern unter jedem Verbot hindurch zum nächsten Händler. Regulieren ließe sich durchaus etwas, und das Parlament streift es sogar, wenn es ein Verbot »suchtfördernden Designs« fordert: Man könnte den Plattformen das verweigerte Ende zum Problem machen — die Endlos-Schleife, den unendlichen Scroll, das absichtsvolle Offenhalten jeder Gestalt. Das hieße, die Maschine zu regulieren, statt die Kinder auszusperren. In Kalifornien ist genau das im März geschehen: Eine Jury in Los Angeles verurteilte Meta und YouTube zu sechs Millionen Dollar Schadensersatz für eine junge Frau, die mit sechs Jahren bei YouTube anfing und mit neun bei Instagram — verurteilt nicht wegen der Inhalte, sondern wegen der Bauweise: Empfehlungsalgorithmen, Autoplay, Push-Nachrichten, verhandelt nach Produkthaftungsrecht wie ein fehlerhaftes Auto, mit Zuckerberg im Zeugenstand und rund zweitausend weiteren Verfahren in der Pipeline. Gegen das Urteil kündigte Meta Berufung an und kämpft die Einzelklagen bis heute durch — an der breiteren Front aber kapitulierte der Konzern fünf Monate später: Ende August verglich sich Meta mit siebenundvierzig Bundesstaaten auf bis zu 17,1 Milliarden Dollar — eine der höchsten Summen, die je ein Technologiekonzern an Staaten gezahlt hat — und sagte zu, seine Apps für Jugendliche umzubauen. Man lese die Liste der Zusagen genau, denn sie ist ein Gutachten wider Willen: Das endlose Scrollen wird unterbrochen, der algorithmische Feed wird abschaltbar, die Like-Zähler verschwinden, die Schönheitsfilter werden blockiert, nachts ist von Mitternacht bis sechs geschlossen, zwei Stunden am Tag sind die Grenze. Kein einziger Punkt verbietet den Stoff; jeder Punkt gibt der Ware eine Form zurück — ein Ende, eine Grenze, eine Nacht. Der Konzern hat nicht beim Zugang kapituliert, sondern beim Offenhalten. Damit hat die amerikanische Rechtsordnung binnen eines halben Jahres die Unterscheidung vollzogen, um die Europas Verbotsdebatte herumredet: Sie hat nicht das Wasser verboten. Sie hat den Brunnenbauer für die Bauweise haftbar gemacht — und der Bauherr baut um. Alles andere ist der Versuch, Wasser zum Flussaufwärtslaufen zu überreden. Wie diese Kultur mit ihren Teufeln umgehen kann, hat der vorige Text dieser Reihe am ältesten Märchen der Menschheit gezeigt: Der Schmied flieht nicht vor dem Teufel, und er unterschreibt auch nicht — er lässt ihn kommen und bannt ihn auf den Birnbaum, zu seinen Bedingungen. Faust dagegen unterschreibt und verliert sich. Verbieten, das ist die dritte, die hilfloseste Haltung: dem Teufel aus dem Weg gehen und hoffen, dass er nicht klopft. Die Märchenstunde war die Bann-Kunst im Kleinen — der Teufel durfte kommen, aber er saß fest, eine Geschichte lang, und dann ging man als Herr des Vertrags zu Bett. Der Feed ist der Faust-Pakt des Alltags: unbegrenzter Zugang gegen die eigene Zeit. Zwischen beidem liegt, was zu meistern wäre.
Dabei wäre die Gegenmaßnahme lächerlich klein, und jeder kennt sie, der einem Kind je vorgelesen hat. Man erzählt die Geschichte. Man erzählt sie zu Ende. Und dann macht man das Licht aus — nicht weil nichts mehr käme, sondern weil für heute etwas behandelt ist. Die Märchenstunde war nie das Gegenteil der Unterhaltung. Sie war Unterhaltung, die aufhören konnte. Das ist die ganze verlorene Kunst, und sie stünde jedem offen, heute Abend: drei Stunden minus eine Geschichte mit Schluss — bliebe immer noch genug Zeit, um zuzusehen, wie die See sich verfärbt.
Marc Conrad, Luxemburger, ist Kino- und Fernsehproduzent (CONRADFILM). Der gelernte Journalist war Chef vom Dienst der RTL-Nachrichten und langjähriger Programmdirektor von RTL; er gehörte dem Aufsichtsrat der Constantin und dem Verwaltungsrat der Highlight-Gruppe an. Gemeinsam mit Wilhelm Salber verfasste er »Goethe zum Film. Morphologische Markt- und Medienpsychologie« (Bouvier 2006).
23.09.2026
Der falsche Name
Drei Wahlabende in zwei Wochen, die AfD bei 38 Prozent — und die Hauptstadt rät Kanzlernamen, während sie den einen Namen meidet, um den es geht. Warum das Raten süchtig macht und warum nur der ausgesprochene Name das Männchen bannt, führt das Märchen vor, das vom Namen-Raten handelt.
von Marc Conrad
Mitte September kam es im Podcast »Inside Kanzleramt« zu einem Moment, den Julia Encke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung festgehalten hat. Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, las die gemeinsame Erklärung der acht CDU-Ministerpräsidenten vor, die den Spekulationen über die Zukunft des Bundeskanzlers ein Ende setzen sollte: Der Weg zu neuem Vertrauen führe über Zuhören und politisches Handeln, nicht über Personaldiskussionen. Ronzheimer lachte entgeistert in sein Mikrofon — unterschrieben hätten dieselben Leute, die genau diese Personaldiskussion selbst geführt hatten, im Hintergrund, mit Journalisten. Er hatte recht. Und er bemerkte nicht, dass die Beschreibung auch auf das eigene Mikrofon zutraf: Zehn Tage lang hatte die Antwort auf fast jede Frage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt »Merz« gelautet. Nicht: Warum wählt ein Viertel eines Bundeslandes bei hoher Beteiligung eine Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird? Sondern: Kann er noch? Und wenn nicht — wer dann?
Am selben Wochenende erschienen im selben Verlagshaus zwei Diagnosen, die sich nicht abgesprochen hatten und doch dasselbe Wort fanden. Encke nannte die Personaldebatten der Hauptstadtmedien Ersatzhandlungen — betrieben, weil die Frage, warum die AfD so erfolgreich ist und wie sie aufzuhalten wäre, zu komplex erscheine. Wenige Stunden später erklärte Matthias Alexander im FAZ-Feuilleton das Merz-Bashing des ganzen Landes zur Ersatzhandlung und die Personalisierung zu einer Form magischen Denkens: Die Ablehnung des Kanzlers unterstelle, es brauche nur den richtigen Mann an dieser Stelle, und es ginge wieder bergauf. Beide Texte sind hellsichtig, und beide enden vor derselben Tür. Ersatzhandlung — Ersatz wofür? Magisches Denken — Magie wogegen? Wer die Tür öffnen will, braucht ein Instrument, das älter ist als der Journalismus. Es liegt in einem Märchen bereit, das exakt vom Namen-Raten handelt, und in der Lektüre, die der Kölner Psychologe Wilhelm Salber ihm in seiner »Märchenanalyse« gewidmet hat.
Die Geschichte ist schnell erzählt, und jeder kennt ihre zweite Hälfte besser als ihre erste. Ein Müller prahlt vor dem König, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Der König nimmt ihn beim Wort und sperrt die Tochter mit dem Stroh in eine Kammer: spinnen oder sterben. Der Verlassenen erscheint ein Männlein und bietet einen Tausch — es verwandelt das Stroh, sie gibt dafür ihr Halsband, in der zweiten Nacht ihren Ring, in der dritten das Versprechen ihres ersten Kindes. Sie wird Königin, das Kind wird geboren, das Männlein kommt und fordert. Alle Schätze des Königreichs schlägt es aus: Lebendes ist ihm lieber. Drei Tage bleiben der Königin, seinen Namen zu erraten. Zwei Tage lang rät sie falsch — Kaspar, Melchior, Rippenbiest, Hammelswade —, dann belauscht ein Bote das Männlein am Feuer: »Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.« Als die Königin den Namen ausspricht, schreit das Männlein: »Das hat dir der Teufel gesagt!« — und reißt sich selbst entzwei.
Man beachte, wo das Unglück beginnt: nicht beim Männlein, sondern beim Müller. Die Prahlerei des Vaters — mein Kind verwandelt wertloses Material in Gold — sperrt die Tochter in die Kammer; erst vor dem Stroh, das sie nicht verwandeln kann, hat das Männlein sein Geschäft. Und man beachte, was Salber an der Ratephase auffällt. Das Raten, schreibt er, ist kein Irrtum, sondern ein Genuss: Der ganze Reiz liegt im Hin und Her der Möglichkeiten, in einem Tun an sich — und das alles vor der Tat. Wer rät, muss nicht liefern; wer Möglichkeiten bewegt, muss keine entscheiden. Gegen das böse Schicksal, das einen vor unlösbare Aufgaben stellt, wird eine Gegenbewegung entfaltet — gegen das Verhexte ein Dagegen-Hexen, und dazu gehört, dass man sich Feindbilder herstellt, an denen die Abwehr sich festhalten kann. Salbers härtester Satz über dieses Märchen ist zugleich sein einfachster: Der richtige Name beendet das Spiel — man hat es oder man hat es nicht. Genau deshalb wird er gemieden: von allen, die vom Spiel leben, und von allen, die die Entscheidung fürchten.
Jetzt lege man die Schablone auf Berlin. Die Kanzlerdebatte ist ein Namen-Raten nach allen Regeln: Merz? Wüst? Söder? Zehn Tage lang wurden Namen bewegt wie die falschen des ersten Ratetags, und die Bewegung war der Zweck. Encke hat die Ökonomie dahinter dokumentiert — »Personen klicken einfach besser«, sagte die ZDF-Moderatorin Victoria Reichelt bei Maischberger, mit entwaffnender Offenheit —, und sie hat die Endlosigkeit benannt: Eine Kanzlerdebatte geht immer, irgendjemand aus Unionskreisen äußert sich in irgendeiner Chatgruppe verlässlich über Merz. Das ist Salbers Genuss am Vor-der-Tat als Geschäftsmodell: Das Raten produziert täglich neue Folgen, kostet nichts und entscheidet nichts. Und Alexanders Beobachtung, auf das Merz-Bashing könnten sich alle einigen, von der AfD bis zur Linkspartei, samt seiner Pointe, man müsste diesen Kanzler erfinden, wenn es ihn nicht gäbe — sie steht sinngemäß schon in der Märchenanalyse: Das gequälte Seelische stellt sich Feindbilder her, gegen die sich kämpfen lässt, wenn gegen das eigentliche Verhängnis kein Kraut gewachsen scheint. Der meistgehasste Mann Berlins ist eine Herstellung, und an ihr arbeiten alle mit, die das Spiel braucht.
Dann kam der Abend des 20. September, und er führte alles in einer einzigen Stunde vor. In Mecklenburg-Vorpommern verdoppelte die AfD ihr Ergebnis auf 38,2 Prozent und wurde stärkste Kraft; die CDU fiel auf 4,9 Prozent und flog zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landtag; in Berlin wurde die Linkspartei stärkste Kraft und greift nach dem Roten Rathaus. Um 18.05 Uhr, die Auszählung lief noch, trat der Kanzler im Adenauer-Haus vor die Presse, nannte das Ergebnis ein »Desaster« — und kündigte im selben Atemzug an, was er nun aufbringen werde: Rückgrat, Standhaftigkeit, Geduld. Man muss die Szene doppelt lesen. Das ehrliche Wort ist da, aber es benennt nur die Niederlage, nicht ihren Grund — ein halber wahrer Name. Die Trotz-Trias dahinter ist die Tugend-Taufe des Weiter-so: Beharren, als Charakter verkleidet. Und bemerkenswert ist, was diesmal fehlte: Nicht einmal das Wahlabend-Ritual, die Ergebnisse gründlich analysieren zu wollen, war noch zu hören; das Innehalten wurde nicht einmal mehr angekündigt, bevor es ausfiel. Das Präsidium der eigenen Partei, so stellte sich noch am Abend heraus, hatte den Wortlaut der Erklärung zum ersten Mal gehört, als der Kanzler ihn vortrug. Die Raterunde eröffnete trotzdem pünktlich zur Spätsendung die nächste Runde: Ob dieser Mann noch lange Kanzler sei, stehe nun spitz auf Knopf, urteilte der Journalist und Podcaster Robin Alexander in der Talkrunde bei Caren Miosga — das Spiel hatte seinen neuen Einsatz, ehe die letzten Wahlkreise ausgezählt waren.
Für dieses Muster gibt es sogar ein Messinstrument. Dirk Blothner beschrieb 2018, wie Wahlverlierer vor den Kameras ankündigen, die Ergebnisse »gründlich analysieren« zu wollen — und wie die Ankündigung tags darauf verflogen ist. Er las das Ritual mit Salbers Versionengang: Jede Lage lässt sich in Stufen durchlaufen. Die erste Version dreht die vertraute Erzählung weiter; die zweite polarisiert sie in Grundgegensätze wie Beharren gegen Verändern; erst die dritte — Salber nannte sie Konstruktions-Version — bemerkt, dass die eigene Erzählung hergestellt ist und sich umbauen ließe. Die Analyse-Ankündigung von 2018 war der gespürte Ruf dieser dritten Stufe, so folgenlos sie blieb. Acht Jahre später entfällt selbst der Ruf, und der Kanzler wählt offen den Beharren-Pol der zweiten Version. Das Kandidatenraten aber ist das Leben in den ersten beiden Versionen in Reinkultur: Es dreht die vertraute Erzählung — die Krise sei eine Personalfrage — und polarisiert sie zu Merz oder ein anderer, Macht oder Ohnmacht. Den dritten Schritt, das Bemerken, dass die Personalfrage selbst eine Herstellung ist, geht niemand. Der wahre Name wäre genau dieser Schritt.
Wovor aber flieht das Raten? Was ist das Stroh, das keiner anrühren will? Alexander hat es ausgesprochen, als einer von sehr wenigen: Der Lebensstandard der Deutschen wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich sinken. Gut zweihundert Milliarden Euro Neuverschuldung in diesem Jahr, bei einem Bundeshaushalt von fünfhundertfünfundfünfzig Milliarden; Defizite in Pflege und Rente, deren Kurven erst am Anfang stehen; kein Innovationsschub wie in den Neunzigern, kein Globalisierungsturbo wie in den Nullerjahren, der die Sozialsysteme noch einmal auf dem lieb gewordenen Niveau halten könnte. Geborgtes Geld kauft Zeit, keine Verwandlung. Das ist der wahre Name, der im Feuerschein tanzt, während die Hauptstadt Kandidaten rät: Der Wohlstand sinkt, und einer wird es den Bürgern sagen müssen.
Nur wäre die Geschichte zu bequem, wenn allein die Medien rieten. Das Märchen hat drei Figuren vor dem Männlein, und alle drei sind besetzt. Da ist zuerst der Müller — und der Müller regiert. Denn auch die Koalition spinnt Stroh zu Gold: Die zweihundert Milliarden wurden dem Land als Investition in künftiges Wachstum erzählt, als würde die Größe der Summe die Verwandlung garantieren. Salber hat für diesen Mechanismus in einem späten Aufsatz von 2014 die Kategorie geliefert — den Zahlenglauben, einen leeren Glauben, der den Reichtum der Wirklichkeit durch höhere und niedrigere Werte ersetzt; die »Investitionen«, schrieb er damals über die Bildungsmilliarden, »reizen an zur Selbstbedienung, zur Spekulation und Korruption«, weil der Zahlen-Raum inhaltsleer ist. Die Prahlerei hat sogar ihren eigenen falschen Namen bekommen: »Sondervermögen« — eine Taufe, in der die Sache nach ihrem Gegenteil heißt, Schuld als Vermögen. Solche Verkehrungs-Taufen haben Verwandte: die »Brandmauer«, die Ausgrenzung als Brandschutz etikettiert und deren Bauart an dieser Stelle schon vermessen wurde; die »Reformen«, die ein paar Euro netto bedeuten und eine beiläufig erhöhte Beitragsbemessungsgrenze; der »Denkzettel«, der die Kränkung von Millionen zur pädagogischen Notiz verniedlicht. Jeder durchschaute falsche Name zahlt auf dasselbe Konto ein — »Sie halten uns für dumm« —, und Alexander hat notiert, dass das Volk dem Kanzler den Wortbruch beim Sondervermögen besonders übel genommen hat. Der falsche Name kostet exakt das, was er schützen soll: Glaubwürdigkeit.
In der Kammer sitzt derweil die Müllerstochter: die, die liefern muss, was der Vater versprochen hat. Die Mittelschicht, deren Duldsamkeit die Politik am Ende doch wieder einpreist, wie Alexander trocken festhält; die nächste Generation, auf deren Namen die geborgte Zeit läuft. Sie sitzt vor dem Stroh und weiß, dass sie es nicht verwandeln kann — und genau in dieser Lage, sagt das Märchen, erscheint das Männlein. Es kommt nicht trotz der Prahlerei des Müllers. Es kommt ihretwegen.
Denn das ist die dritte Besetzung, und sie ist die gefährlichste: Das Männlein bietet an, was der Müller nur behauptet. Die AfD ist die einzige Kraft im Land, die den sinkenden Wohlstand laut ausspricht — und im selben Atemzug das Gegenmittel verkauft: wieder billige Energie aus Russland, Schluss mit der Finanzierung des Ukraine-Kriegs, das frei werdende Geld für Deutschland. Man muss die Mechanik dieses Angebots ernst nehmen, um seine Anziehung zu verstehen. Das Gold ist echt — russisches Gas war billig, die Kiew-Milliarden sind real —, und geliefert wird heute Nacht. Der Preis steht nicht auf dem Zettel, denn der Preis ist das Kind: die Rückkehr in die Erpressbarkeit durch einen Aggressor, die nachträgliche Prämie für einen Angriffskrieg, der Bruch mit denen, die im Ernstfall neben uns stehen — die freiwillige Rückkehr in genau die Bindung, von deren Zerreißen der erste Text dieser Reihe handelte, nur diesmal aus der schwächeren Position. Und das Angebot trägt einen Köder, der wirkt, weil er zur Hälfte wahr ist: Es verwandelt Schicksal in Schuld. Euer Verzicht ist nicht Weltlage, sagt das Männlein, er ist gemacht — von denen, die Sanktionen beschließen und Kiew finanzieren. Schuld hat Adressen, Schicksal hat keine. Dass Sanktionen und Hilfen tatsächlich Entscheidungen sind, macht den Satz nicht wahr, aber es macht ihn tragfähig: Die Halbwahrheit trägt die ganze Lüge huckepack.
Wie weit das Spiel gediehen ist, zeigte der Wahlabend in einer Szene, die man erfinden müsste, wäre sie nicht gesendet worden. Ein Einspieler bei Caren Miosga erklärte das interne Strategiepapier der AfD, im Sommer 2025 von Politico veröffentlicht — drei Schritte über die Brandmauer: SPD und Grüne durch Polarisierung nach links treiben, die Gegensätze zwischen Union und SPD unüberbrückbar machen, der Union den Markenkern nehmen. Dann fand die Kamera Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die das Papier mitverfasst hat, und die Gastgeberin stellte trocken fest, ihr Gast mache bereits Häkchen. Ob alles erreicht sei? »Ich würde sagen, ja.« Die Runde lieferte, was das Papier verlangt, anschließend in dreiundsechzig Minuten frei Haus: Die SPD stellte das Reformpaket der eigenen Regierung infrage, ihr Generalsekretär mochte ein Bündnis mit der Berliner Linkspartei nicht ausschließen, und der Mann der Union gab an der Stelle nach, an der er hätte stehen müssen. Hier zerbricht die letzte Beruhigung, die das Märchen bereithält. Dort schützt das Geheimnis das Männlein — ach wie gut, dass niemand weiß. Hier ist der Plan seit einem Jahr veröffentlicht, das Männlein sitzt im Studio und macht öffentlich Häkchen, und getanzt wird trotzdem. Nicht das Unwissen hält dieses Spiel am Laufen. Es ist Salbers Befund in seiner bittersten Bestätigung: Der Genuss am Hin und Her, am Verbleiben vor der Tat, ist stärker als das Wissen um den Preis.
So stehen die Figuren: Die Regierung tauft falsch, die Medien raten falsch, und das Männlein wächst von beidem — denn jede durchschaute Schönfärberei und jedes folgenlose Kandidatenraten bestätigt dem Publikum, dass der wahre Name absichtlich nicht fällt. Encke hat den Preis dieser Rückkopplung beschrieben, ohne ihre Mechanik zu kennen: Die Wähler verpassen der Regierung einen Denkzettel und sehen anschließend einer Debatte zu, die mit ihren Problemen nichts zu tun hat und den Eindruck verstärkt, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird — das Vertrauen erodiert weiter. Die Ersatzhandlung füttert das Gefühl, das sie beschwichtigen soll. Es ist dieselbe Verkehrung, die diese Reihe an der Brandmauer gezeigt hat: Die Abwehr ernährt, wovor sie schützt.
Was wäre die Rettung? Alexander schlägt die ehrliche Rede vor: Der Kanzler solle dem Land sagen, wie tief die Krise ist — das könnte, schreibt er, sogar die Kluft zwischen Ost und West schließen, weil mit der westdeutschen Arroganz auch die ostdeutsche Opfererzählung erledigt wäre; dem Land würde bewusst, dass alle gemeinsam in der Tinte sitzen. Der Vorschlag ist richtig, und das Märchen erklärt, warum er wirken kann, wo Optimismus-Appelle versagen: Eine Kränkung lässt sich nicht wegargumentieren, sie will anerkannt werden, bevor irgendein Sachargument sie erreicht — das war die Lehre der Geißenmutter, und sie gilt auch hier. Aber das Märchen verlangt mehr als ein Eingeständnis. Die Königin wird nicht gerettet, weil sie zugibt, das Gold nicht selbst gesponnen zu haben. Sie wird gerettet, als sie den Namen dessen ausspricht, der den Vertrag hält. Die ehrliche Rede genügt darum nur, wenn sie beide Namen nennt: den der Sache — Schulden sind Schulden, und der Wohlstand sinkt — und den des Vertragspartners, also den vollen Preis des billigen Rückkaufs, den das Männlein anbietet, zu Ende gerechnet und laut. Eine halbe Wahrheit gegen ein ganzes Angebot verliert; das ist die Falle, die aufgestellt ist, und sie schnappt genau dann zu, wenn die Demokraten den Verzicht endlich zugeben und die Gegenrechnung schuldig bleiben.
»Mit dem Namen-Geben ist das Spiel aus«, schreibt Salber, und der Satz schneidet in beide Richtungen. Er erklärt, warum das Spiel weiterläuft: Alle, die von der Bewegung leben — die Redaktionen, denen Personen Klicks bringen; die Parteifreunde, die in Chatgruppen Szenarien drehen; die Zuschauer, denen das Raten die Entscheidung erspart —, haben ein Interesse daran, dass der Name nicht fällt. Und er benennt die einzige Bewegung, die das Männlein bannt. Im Märchen ist der ausgesprochene Name kein Untergang, sondern ein Ende: Das Männlein zerreißt sich, die Kammer öffnet sich, das Kind bleibt bei der Königin. Solange Berlin Kandidaten rät, tanzt das Männlein am Feuer und singt sein Lied — ach wie gut, dass niemand weiß. Es ist das einzige Lied, das verstummt, sobald einer im Saal aufsteht und laut sagt, wie die Sache heißt.
Marc Conrad, Luxemburger, ist Kino- und Fernsehproduzent (CONRADFILM). Der gelernte Journalist war Chef vom Dienst der RTL-Nachrichten und langjähriger Programmdirektor von RTL; er gehörte dem Aufsichtsrat der Constantin und dem Verwaltungsrat der Highlight-Gruppe an. Gemeinsam mit Wilhelm Salber verfasste er »Goethe zum Film. Morphologische Markt- und Medienpsychologie« (Bouvier 2006).
21.09.2026
Der Schmied und der Teufel
Das älteste Märchen der Menschheit, Goethes Gegenerzählung und die deutsche Angst vor der Künstlichen Intelligenz
von Marc Conrad
Von der Studie, die Märchen wie Gene behandelt, war an dieser Stelle schon die Rede: Sara Graça da Silva und Jamshid Tehrani haben 2016 in Royal Society Open Science die 275 Zaubermärchen des internationalen Katalogs über die Sprachstammbäume von fünfzig indogermanisch sprechenden Kulturen gelegt — von Island bis Indien — und gezeigt, dass ein gutes Viertel dieser Erzählungen über Jahrtausende vererbt wird wie ein Familienerbe: von den Vorfahren an die Nachkommen, gegen alle Moden der Nachbarschaft.
Die Studie steht nicht allein; sie ist das Flaggschiff eines Forschungsstrangs. Tehrani hatte 2013 die Verwandtschaft von 58 Varianten zweier Wolfsmärchen kartiert — Rotkäppchen und Der Wolf und die sieben Geißlein, von Afrika bis Ostasien; die Evolutionsforscher Robert Ross, Simon Greenhill und Quentin Atkinson wiesen an rund 700 europäischen Varianten des Frau-Holle-Typs nach, dass Erzählvarianten sich verteilen wie Gene in Populationen — Entfernung und Sprachgrenzen strukturieren beide; und der Franzose Julien d’Huy verfolgte das Motiv der Kosmischen Jagd — den Bärenmythos hinter dem Großen Wagen — beidseits der Beringstraße: Es muss die Besiedlung Amerikas begleitet haben, vor mehr als fünfzehntausend Jahren. Erzählungen, so der gemeinsame Befund, gehören zum Zähesten, was Menschen weitergeben.
Ganz an der Wurzel des indogermanischen Stammbaums aber ließ sich mit 87-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein einziges Märchen rekonstruieren: »Der Schmied und der Teufel«. Die Studie datiert seinen Erzähltyp in die Bronzezeit, fünf bis sechs Jahrtausende zurück — als die Tora niedergeschrieben wurde, war diese Geschichte vermutlich schon an die drei Jahrtausende unterwegs. Es passt: Das Märchen setzt Metallhandwerk voraus, und die Steppenvölker, auf die die Sprachforschung den indogermanischen Aufbruch zurückführt, standen an der Schwelle zur Bronzezeit. Widerspruch gibt es auch: Der Berkeley-Skandinavist John Lindow bezweifelt, dass das Proto-Indogermanische überhaupt ein Wort für den Schmied besaß — die Datierung bleibt statistische Rekonstruktion, kein Grabungsfund.
Märchen und Mythos werden gern verwechselt, und der Unterschied gehört zur Sache. Der Mythos erzählt von Göttern; er spielt am Anfang der Zeit, ist an Heiligtum und Kult gebunden, und er wird geglaubt: Prometheus, Zeus und Odin haben Namen und Tempel. Das Märchen ist das profane Gegenstück: Es spielt nirgends und immer — es war einmal —, sein Personal ist namenlos, ein Schmied, ein König, der Jüngste; es wird erzählt statt geglaubt, und es handelt nicht von der Ordnung der Welt, sondern von der Bewährung des Menschen in ihr. Gerade das macht Märchen zu den zäheren Überlebenden: Mythen hängen an ihren Göttern: Stirbt der Kult, erstarren sie zu Literatur — oder sie wandern weiter wie die Kosmische Jagd, aber dann als bloße Erzählung, ihres Glaubens entkleidet. Märchen wandern von vornherein unterhalb der Religionen hindurch — je nach Kultur heißt der Gegenspieler des Schmieds Teufel, Tod oder Dschinn: Die Namen wechseln mit den Göttern, der Plot bleibt. Ein Märchen braucht keinen Tempel, nur einen Erzähler und einen Feierabend; so konnte die Geschichte vom Schmied Tora, Homer und den Wechsel der Götter überdauern. Und der Gattungsunterschied erklärt, warum beide auf dieselbe Frage verschieden antworten: Prometheus bringt den Menschen das Feuer und endet zur Strafe am Felsen — angeschmiedet. Der Schmied nimmt die gefährliche Kraft und schmiedet selbst. Der Mythos warnt vor dem Frevel; das Märchen lehrt das Bestehen. Es ist kein Zufall, welche der beiden Erzählungen die deutsche KI-Debatte gewählt hat.
Der Teufel am Baum
Was erzählt das älteste datierbare Märchen der Menschheit? Einen Technologie-Pakt. Ein Schmied schließt einen Handel mit einem bösen übernatürlichen Wesen — dem Teufel, dem Tod, in islamischen Fassungen einem Dschinn. Der Preis ist seine Seele, fällig nach einer Frist; die Gegenleistung ist Meisterschaft: die Macht, alle Materialien zusammenzuschmieden, jedes Ding mit jedem zu verbinden. Der Schmied nimmt an. Er arbeitet, er wird der Größte seiner Kunst. Und als die Frist abläuft und der Teufel die Seele holen kommt, wendet der Schmied die erkaufte Gabe gegen den Geber: Er schmiedet den Teufel fest, an einen unbeweglichen Gegenstand — einen Baum, den Amboss, eine Bank. Der Böse sitzt fest — gebannt durch das Handwerk, das sein eigenes Geschenk war. Frei kommt er nur um den Preis des Vertrags: Er muss auf die Seele verzichten. Der Schmied behält Kunst und Seele — und hat den Teufel mit dessen eigener Währung bezahlt.
In den europäischen Ausläufern wächst daran ein Nachspiel: Der Schmied wird uralt, stirbt endlich, und nun will ihn die Hölle nicht mehr — der Teufel kennt ihn und verriegelt das Tor. In der westfälischen Sage vom Schmied von Bielefeld wirft der Abgewiesene sein Schurzfell durchs Himmelstor und setzt sich darauf, auf sein Eigentum; der Jüterboger Schmied findet weder im Himmel noch in der Hölle Platz und zieht hinab in den Kyffhäuser. In den irischen Fassungen wandert der Abgewiesene — dort meist Jack genannt, in manchen ein Schmied — mit einer glühenden Kohle in der Rübe ewig durchs Dunkel: Daraus wurde Jack O’Lantern, der Kürbiskopf von Halloween. Entscheidend ist der feste Kern des Typs, den die Phylogenetik bis an die Wurzel verfolgt: Er erzählt keinen Untergang, sondern den Sieg des Schmieds. Die Fassungen streuen — in vielen europäischen Varianten stammen die Wundergaben nicht vom Teufel, sondern von Christus oder Petrus, und das Nachspiel vom ewig Wandernden lässt sich auch als Strafe lesen. Aber nirgends wird im Kernplot der Pakt selbst zum Verhängnis: Gefeiert wird, wer die gefährliche Gabe nimmt und ihr gewachsen ist. Die Moral des ältesten datierbaren Märchens lautet nicht: Wer mit dem Teufel paktiert, ist verloren. Sie lautet: Verloren ist, wer dem Pakt nicht gewachsen ist.
Die deutsche Umdrehung
Die Verdammungsgeschichte vom Teufelspakt ist älter und gesamteuropäisch — die Theophilus-Legende erzählt sie seit dem sechsten Jahrhundert. Aber ein einziges Volk hat sie zu seiner Geschichte gemacht und zu Weltliteratur erhoben. 1587 erschien in Frankfurt die »Historia von D. Johann Fausten«, die lutherische Warnschrift über den Gelehrten, der dem Teufel die Seele verschreibt: Dieser Faust wird geholt, zerrissen, verdammt, und der Drucker stellt die Lehre gleich mit aufs Titelblatt — allen Vorwitzigen zur Warnung. Aus dem bronzezeitlichen Siegerstoff war eine Verdammungsgeschichte geworden. Zweihundert Jahre später adelte Goethe den Stoff zum Menschheitsdrama, und er milderte das Urteil — aber er drehte die Geschichte nicht zurück. Sein Faust will nicht etwas Bestimmtes können, er will alles wissen: erkennen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Er ist der Unbedingtheits-Mensch, und die Wette mit Mephisto lautet folgerichtig, dass ihm nie ein Augenblick genügen wird. Gerettet wird er am Ende — aber nicht durch sich. »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, singen die Engel und heben ihn empor: Gnade von oben, Liebe von oben, Hilfe von außen. Der Schmied brauchte keine Engel. Er brauchte sein Handwerk und den Vertragstext.
Zwei Anthropologien stehen gegeneinander. Der Schmied ist der Bedingtheits-Mensch: Er will etwas Bestimmtes, nimmt die Gefahr an, unterstellt sich den Bedingungen seines Handwerks — und schlägt das Böse nicht durch Reinheit, sondern durch Kompetenz. Faust ist der Unbedingtheits-Mensch: Er verachtet das Handfeste, greift nach dem Ganzen, und genau diese Maßlosigkeit ist sein Einfallstor. Deutschland hat den Faust zum Nationaldrama erhoben, zum Schullektüre-Kanon, zur Chiffre für den Preis des Fortschritts schlechthin — und daraus, fast unbemerkt, eine Kulturlehre gezogen: Der Pakt selbst ist die Sünde. Wer sich mit dem Teufel einlässt, ist gezeichnet, und Rettung gibt es höchstens von oben. Dass der Faust dabei längst mehr ist als ein Theaterstück, nämlich das deutsche Selbstbild, hat Thomas Mann 1947 bewiesen: Sein »Doktor Faustus« erzählt Deutschland selbst als Paktierer — den Nationalsozialismus als eingelösten Teufelspakt — und kehrt zum Urteil des Volksbuchs zurück: für seinen Faust keine Engel, nur der Zusammenbruch — und als letzter Ton eine Hoffnung jenseits der Hoffnungslosigkeit. Nach 1945 war die Rettung von oben nicht mehr erzählbar. Auf die Rettung durch Meisterschaft aber, auf die des Schmieds, ist seit dem Volksbuch niemand gekommen. Das fünftausend Jahre ältere Märchen hält sie bereit. Sie wurde hierzulande vom Nationaldichter überschrieben — und vom Gegen-Nationaldichter nur verdunkelt, nicht ersetzt.
Der Pakt von heute
Man muss die Feuilleton-Debatten über die Künstliche Intelligenz nur neben diese beiden Erzählungen legen, um zu sehen, welche davon Deutschland auswendig kann. Die KI ist der Pakt unserer Zeit: übermenschliches Können — Diagnosen, Werkstoffe, Sprachen, Heere von Rechenknechten — gegen einen Preis, dessen Höhe niemand kennt. Und die deutsche Debatte spricht darüber in Faust-Vokabeln: Entgrenzung, Hybris, der Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr loswird, die er rief — auch das ist Goethe. Die Europäische Union hat als erste Weltgegend die neue Kraft umfassend reguliert, bevor sie sie beherrscht; Deutschland debattiert über Verbote, Risikoklassen und Auslöschungsszenarien, während andere Weltgegenden schmieden. Es ist die Haltung des Volksbuchs von 1587: Der Pakt selbst ist die Sünde, allen Vorwitzigen zur Warnung. Wer so denkt, dem bleibt gegenüber einer Macht, die nun einmal in der Welt ist, nur die Rolle des Warners — oder die des Geholten.
Das Märchen vom Schmied kennt eine dritte Rolle, das genaue Gegenteil der Verweigerung: den Pakt eingehen und ihm gewachsen sein. Der Schmied bannt den Teufel mit der Kraft, die der Teufel ihm verliehen hat — Sicherheit entsteht in dieser Geschichte nicht durch Abstand, sondern durch Meisterschaft. Wer die Maschine bändigen will, braucht die Könnerschaft, die nur der Umgang mit ihr verleiht; wer den Vertrag gegen seinen Urheber vollstrecken will, muss ihn genauer lesen als der Urheber. Das ist keine Verharmlosung — der Schmied weiß die ganze Zeit, mit wem er es zu tun hat, und die Frist läuft wirklich ab. Es ist die Unterscheidung, um die es in allen diesen alten Geschichten geht: das Unbedingte gibt es nur unter Bedingungen, und wer die Bedingungen meidet, bekommt nicht Sicherheit, sondern nichts.
Die begrenzte Zahl der Formen
Von Indien bis Skandinavien haben die indogermanischen Völker die Geschichte vom Schmied über fünf Jahrtausende weitergegeben, von Generation zu Generation, gegen alle Moden der Nachbarschaft — die Phylogenetik kann heute messen, wie zäh solche Erzählungen an ihren Völkern hängen. Dass Völker in ihren ältesten Geschichten aufbewahren, was sie über das seelische Überleben wissen — das hat ein Kölner Psychologe zeit seines Lebens behauptet und zur Methode gemacht: Wilhelm Salber, der Begründer der psychologischen Morphologie. In seiner »Märchenanalyse« nennt er die Märchen »seelische Werke«, die Auskunft geben über die »Beweggründe und die Gestaltbildungen unserer seelischen Lebensformen« — nicht Deutungsmaterial für Kindheitskonflikte, wie es die Psychoanalyse las, sondern Baupläne der Verwandlung, an denen sich Kulturen und ihre Krisen studieren lassen. Und er traf, lange vor jeder Statistik, zwei Entscheidungen, die sich heute wie Vorwegnahmen lesen. Er wählte für seine Analysen die Grimm-Fassungen, ausdrücklich, »weil diese sich an die tradierte mündliche Wiedergabe der Volksmärchen hält« — er setzte auf die mündliche Vererbung — seit der Erstauflage von 1987, fast drei Jahrzehnte bevor die Phylogenetik bewies, dass es sie über Jahrtausende hinweg gibt. Und er notierte 1999 im Vorwort zur zweiten Auflage seinen vielleicht wichtigsten Befund: Es gebe nur eine begrenzte Anzahl typischer Figurationen, weit weniger, als es Märchen gibt — »eine Figuration kann durch verschiedene Märchen expliziert werden«.
Genau hier treffen sich die beiden Wissenschaften, ohne voneinander zu wissen. Der internationale Katalog zählt Erzähltypen, und die Phylogenetik hat gezeigt, dass diese Typen es sind, die vererbt werden — stabil über Sprachspaltungen und Jahrtausende. Salber fand von der anderen Seite dasselbe: hinter der Vielfalt der Erzählungen eine begrenzte Zahl von Formen. Die Statistik misst, dass die Formen weitergegeben werden und wie alt sie sind; die Morphologie liest, was sie speichern — ein Wirkungs-Gefüge, ein Getriebe der Verwandlung, das Lebensprobleme behandelt. Salber selbst griff dafür zum biologischen Vergleich: Die typischen Märchen-Gefüge seien wie die Lebenswelten von Fischen, Vögeln und Insekten, deren jede auf andere Aspekte der Wirklichkeit aufmerksam macht. Ein Autor, der Märchentypen wie Lebensformen dachte, und eine Wissenschaft, die sie mit den Stammbaum-Methoden der Biologie datiert — sie bestätigen einander nachträglich. Wie genau, zeigt ein Blick in Salbers »Seelenrevolution« von 1993: Dort ordnet er — mehr als zwei Jahrzehnte vor den Phylogenetikern — ausgerechnet der Bronzezeit die Erfindung zu, die dieses Märchen vorführt: die Verdopplung der Seele, das Denken in Zweiheiten, und mit ihr die Kunst, den bedrohlichen Gegenspieler zu bannen, statt sich ihm zu verschreiben. Der Psychologe und die Evolutionsforscher zeigen auf dieselbe Epoche, ohne voneinander zu wissen. Der Weltruhm für diese Entdeckung ist Salber bisher versagt geblieben; die Studie in Royal Society Open Science kennt ihn nicht, und sie misst Verbreitung, nicht Seelisches. Aber sie liefert seiner Methode das Fundament, das er selbst nicht mehr bauen konnte. Und was der Typ vom Schmied und dem Teufel speichert, liegt damit offen: das Gefüge des gewonnenen Pakts — Meisterschaft als Weg der Verwandlung.
Deutschland aber hat ein Problem, das älter ist als jede Verordnung: Es hat das große Gegen-Märchen geschrieben und hält es seither für die Wahrheit. Das ältere Urteil steht, seit der Bronzezeit, von Indien bis Skandinavien: Verloren ist nicht, wer den Pakt schließt. Verloren ist, wer ihm nicht gewachsen ist. Der Teufel sitzt am Baum — man muss nur schmieden können.
Marc Conrad, Luxemburger, ist Kino- und Fernsehproduzent (CONRADFILM). Der gelernte Journalist war Chef vom Dienst der RTL-Nachrichten und langjähriger Programmdirektor von RTL; er gehörte dem Aufsichtsrat der Constantin und dem Verwaltungsrat der Highlight-Gruppe an. Gemeinsam mit Wilhelm Salber verfasste er »Goethe zum Film. Morphologische Markt- und Medienpsychologie« (Bouvier 2006).
15.09.2026
Die goldene Straße
Was das Märchen vom Wasser des Lebens über die Künstliche Intelligenz weiß
von Marc Conrad
Im März 2023 verglich Thomas L. Friedman in der New York Times die Künstliche Intelligenz mit dem Feuer des Prometheus: ein Einschnitt vom Rang des Buchdrucks, der alles zugleich verändere — das Erschaffen, das Lernen, das Regieren, das Betrügen, das Kriegführen. In denselben Wochen berieten die Ausschüsse des Europäischen Parlaments, wie sich dieses Feuer juristisch eindämmen ließe, bevor jemand sich verbrennt: Risikoklassen, Auflagen, Verbote. Zwei Antworten auf dieselbe Erscheinung — dort die Verheißung, hier der Brandschutz. Europa hat sich für den Brandschutz entschieden, ohne das Feuer zu kennen.
Drei Jahre später, im August 2026. Der chinesische Hersteller Unitree zeigt einen Laufroboter, der nach Firmenangabe schneller sprintet als der schnellste je gemessene Schritt Usain Bolts; die Zahl ist unabhängig nicht geprüft und erschien zwei Tage vor dem Börsengang — aber die Richtung bezweifelt niemand mehr. In derselben Woche beginnen in Shanghai die zweiten World Humanoid Robot Games, und die New York Times beschreibt in einer großen Reportage vom 21. August, wie selbstverständlich Künstliche Intelligenz den chinesischen Alltag durchdrungen hat: Der Getränkeautomat kassiert per Gesichtserkennung, verknüpft mit der digitalen Geldbörse; an der Kreuzung meldet ein Gerät Fußgänger bei Rot; im Kaufhaus steht neben KI-Telefonen und KI-Laptops eine ganze Abteilung mit Robotern zum Mitnehmen; Eltern lassen Chatbots Nachhilfe geben, Kranke konsultieren kostenlos das KI-Double eines renommierten Arztes, trainiert an dessen Fällen. Nicht alles funktioniert — der KI-Mülleimer, der den Abfall sortieren soll, versagt, man wählt die Tonne am Ende von Hand —, und der Preis läuft mit: Jede Zahlung per Gesicht verlängert die digitale Spur, die der Staat mitliest. Die Richtung aber ist eindeutig: Während Amerika über Chatbots und übermenschliche Intelligenz debattiert, will Peking die KI in Fabrik, Klinik, Schule und Laden. Man kann diese Gleichzeitigkeit als Rückstand beschreiben, als Standortfrage, als Regulierungsdebatte. Man kann sie auch lesen als das, was sie seelisch ist: zwei Haltungen vor einem verwünschten Schloss.
Wilhelm Salber, der Kölner Psychologe und Begründer der psychologischen Morphologie, hat 1993 in seiner »Seelenrevolution« eine komische Geschichte des Seelischen geschrieben — und in ihrem Nachwort, »Panische Reisen«, eine Diagnose unserer Zeitströmung, die sich heute wie eine Beschreibung der Prometheus-Debatte liest. Er nennt sie eine Auskuppel-Kultur: eine Welt des Herumschaltens und des Knöpfe-Drückens, abgelöst vom Boden handfester Materialbewegungen, in der sich Hochspannung aufbaut, Überdrehungen, Panik-Machen: »Das Überdrehte kippt in Unfaßbares, Ungeheures, Unbewältigtes.« Paradoxerweise, schreibt Salber, könnten die Menschen sich einen Genuß daraus machen, auf solche panischen Zustände zuzutreiben. Wer die KI-Debatten seit 2023 verfolgt hat, ihre Wechselbäder aus Weltrettung und Auslöschung, erkennt das Muster. Geschrieben wurde es dreißig Jahre vorher. Und dann benennt Salber das Märchen, an dem sich ablesen lassen werde, was kommt — »für den Wirkungsraum der nächsten Generation«: das Wasser des Lebens.
Dass ein Märchen solche Diagnosen überhaupt tragen kann, ist seit 2016 keine romantische Annahme mehr: Die Phylogenetik — die Wissenschaft, die Stammbäume von Arten und Sprachen rekonstruiert — hat die 275 Zaubermärchen des internationalen Katalogs über die Sprachstammbäume von fünfzig indogermanisch sprechenden Kulturen gelegt, veröffentlicht in Royal Society Open Science. Der Befund: Märchen werden über Jahrtausende stabil vererbt, von den Vorfahren an die Nachkommen, und wehren fremde Varianten sogar ab. Salbers Methode, Märchen als Struktur-Speicher seelischer Verwandlung zu lesen, steht damit auf den ältesten Erzählungen, die die Menschheit besitzt. Sie speichern nicht Meinungen, sondern Formen.

»Lieber will ich sterben«
Das Märchen der Brüder Grimm erzählt von einem König, der so krank ist, dass niemand an sein Überleben glaubt. Ein Alter nennt das Mittel: das Wasser des Lebens, schwer zu finden. Als der älteste Sohn ausziehen will, wehrt der Vater ab: »Nein, die Gefahr dabei ist zu groß, lieber will ich sterben.« Der Satz steht so im Text von 1857, und er fasst die europäische Grundhaltung genauer als jede Verordnung: Die alte Kultur hält das Heilmittel für gefährlicher als den eigenen Tod.
Die beiden Ältesten reiten dennoch aus — nicht für den Vater, sondern fürs Erbe. Einem Zwerg, der sie nach dem Wohin fragt, antworten sie »Dummer Knirps« und geraten in eine Bergschlucht, die sich enger und enger zusammenzieht, bis sie nicht vorwärts und nicht rückwärts können. Wer ein Bild der deutschen Debattenlage sucht, eingeklemmt zwischen Weltgeltungsanspruch und Untergangsangst, zwischen Standortpapier und Moratorium — hier ist es. Der Jüngste hält an, gibt Rede und Antwort, und auf die Frage, ob er wisse, wo das Wasser zu finden sei, sagt er: »Nein.« Genau dieses Eingeständnis öffnet die Auskunft. Der Zwerg belohnt nicht Klugheit, sondern Betragen; er gibt ihm eine eiserne Rute und zwei Laibchen Brot: mit der Rute das eiserne Tor aufschlagen, den beiden Löwen dahinter je ein Brot hinwerfen — und vor zwölf wieder draußen sein.
So geschieht es. Im verwünschten Schloss findet der Jüngste unter anderem dreierlei: das Wasser, das den Kranken heilt; ein Schwert, das ganze Heere schlägt; ein Brot, das niemals all wird. Er verschläft beinahe die Frist, und als er beim Glockenschlag hinausspringt, schlägt das Tor so heftig zu, dass es ihm ein Stück der Ferse wegnimmt. Auf dem Heimweg retten Schwert und Brot drei Reiche vor Krieg und Hunger. Die Brüder aber — der Jüngste hatte beim Zwerg ihre Freilassung erbeten, gegen dessen Warnung, sie hätten ein böses Herz — gießen ihm nachts das Wasser ab und füllen bitteres Meerwasser ein. Der Vater, der das Surrogat trinkt, wird kränker als zuvor; die Verleumder reichen ihm das echte Wasser und nehmen den Lohn. Der König lässt den Jüngsten heimlich erschießen — der Jäger bringt es nicht übers Herz. Erst als drei Wagen Gold aus den geretteten Reichen eintreffen, fragt der Alte: »Sollte mein Sohn unschuldig gewesen sein?«
Es liegt nahe, in diesem Märchen die Künstliche Intelligenz zum jüngsten Bruder zu machen: das verachtete Kind der Kulturfamilie, das das Heilmittel bringt und dafür verurteilt wird. Aber das Märchen verteilt genauer. Die KI ist kein Bruder. Sie ist das, was im verwünschten Schloss lagert — und zwar alles drei zugleich: das Wasser, das heilt (die Proteinstrukturen, die Diagnosen, die Werkstoffe); das Schwert, das ganze Heere schlägt (die autonomen Systeme, die niemand herbeigeschrieben haben will und die jeder baut); das Brot, das niemals all wird (die Vervielfältigung von Wissen und Arbeit zu Grenzkosten null, Sättigung ohne Erschöpfung). Heilung, Waffe und unerschöpfliches Brot in einem einzigen Hof — eben diese Dreiheit macht den Raum verwünscht, versperrt und bewacht. Das Märchen behauptet nirgends, man könne das eine ohne das andere haben. Es behauptet nur: Wer nicht hineingeht, bekommt nichts davon — und der Vater stirbt.
Der jüngste Bruder ist keine Person, er ist eine Haltung: anhalten, Rede und Antwort geben, Nichtwissen eingestehen, das Kleine nicht verachten, die Löwen sättigen statt erschlagen, die Frist kennen. Salber selbst hat das Märchen in der Seelenrevolution so gelesen: Zwei scheitern, »weil sie nicht auf die Bedingungen eines anderen, fremden Ratgebers eingehen können« — sie werden »eingesperrt und eingeklemmt«; der dritte kommt weiter, »weil er dem anderen Rede und Antwort steht«. Im Schloss findet er viererlei, »das Lebenswasser, Liebe, Brot und Schwert«, aber er wird »auch bestimmten Bedingungen unterstellt«; wer sie »vernachlässigt oder verschläft, braucht Glück, um davonzukommen«. Hier widerlegt das Märchen die Brüsseler Position, ohne ihr Anliegen zu verwerfen: Es kennt Bedingungen, sogar strenge — aber sie stehen im Schloss, nicht davor; man erfährt sie nur im Eintreten. Und es hält das Paradox aus, um das die ganze KI-Debatte kreist, das Verhältnis von Unbedingtem und Bedingtem: Das Unbedingte — das Wasser, die Liebe — gibt es nur unter Bedingungen, unter Rute, Brot und Frist. Wer das Unbedingte ohne Bedingungen greifen will, endet in der Schlucht; wer nur Bedingungen kennt, betritt das Schloss nie.
Im Nachwort wird daraus die Ortsangabe: Das Wasser des Lebens lasse sich nicht finden, wenn man sich dem Austausch mit der Wirklichkeit entzieht oder es nicht wagt, in »versperrte und verwünschte Räume einzudringen« — in Wirkungsräume mit Alltäglich-Notwendigem: »Brot, Schwert, Liebe«. Und dann der Satz, der 1993 geschrieben wurde und sich 2026 wie eine Reportage liest: »Indem die alltäglichen Dinge in Umsatz kommen, bilden sich neue Staaten.« Man lese daneben die Reportage aus Peking, wo Künstliche Intelligenz Getränkekauf, Nachhilfe und Arztbesuch durchdringt: Dort kommen die alltäglichen Dinge in Umsatz. Der neue Staat bildet sich — nur eben nicht hier.
Und das Meerwasser? Auch dafür hat die Gegenwart ihre Entsprechung. Wer den Nutzen der KI verspricht, ohne in die versperrten Räume gegangen zu sein — aufgesetzte Assistenten, umetikettierte Software, Demos ohne Boden —, reicht dem Kranken bitteres Meerwasser. Die Enttäuschung darüber bestätigt scheinbar den Vater: Siehst du, es macht kränker. Das Surrogat ist das stärkste Argument der Verhinderer, und geliefert wird es von denen, die die Mühe nicht hatten und den Lohn nehmen wollen.
Das Schwert wiederum wird längst geführt, und zwar unblutig. Der New Yorker Ökonom Scott Galloway hat die chinesische Strategie in diesem Frühjahr als »modern-day steel dumping« beschrieben: China drücke billige, offen verfügbare Modelle in den Weltmarkt — DeepSeek, Qwen —, gut genug für die meisten Zwecke und einen Bruchteil so teuer wie die amerikanischen Spitzenmodelle. Schon nutze, so seine Zahlen, rund ein Drittel der Konzerne solche Modelle; und weil ein erheblicher Teil der amerikanischen Börsenbewertung direkt oder mittelbar an der KI-Wette hängt, könne der Verlust der Preismacht den ganzen Markt reißen. Man kann über den Dumping-Begriff streiten; das Märchen hat den genaueren: China verschenkt das Brot, das niemals alle wird — und wer sein Brot und sein Schwert in fremde Reiche trägt, rettet sie nicht nur, er bindet sie. Die drei Wagen Gold fahren dann in die andere Richtung. In diesem Rennen ist Verschlafen keine Metapher: Der Jüngste wacht auf, als es dreiviertel auf zwölf schlägt, und rettet sich mit versehrter Ferse hinaus. Europa liegt noch im frisch gedeckten Bett des verwünschten Schlosses und diskutiert, ob man das Tor nicht besser verriegelt hätte. Ein Kontinent, der sich mit dem Brandschutz begnügt, hat das Rennen nicht verloren — er hat es abgesagt.
Die Bildung seelischer Wirkungseinheiten, schreibt Salber, ist ein Such-Werk, »gleich der Suche nach dem ›Wasser des Lebens‹« — durch Irrungen, Widersprüche, Umwege hindurch; ein Werk, das sich in seinen Metamorphosen erst definiert. Dass diese Suche nicht glatt verläuft, sondern in Drehungen und Krisen, hat Salber in seinen späten Jahren in einem eigenen Modell skizziert: der Kultivierungsspirale, die Dirk Blothner 2025 in der Zeitschrift Gestalt Theory in Salbers Werk eingeordnet hat. Kultivierung, so das Modell, verläuft nicht als Uhrwerk, sondern ruckhaft: Aus Unruhe drängen erste Bilder, die sich in Ritualen beruhigen; gegen die Rituale wirft sich die Obsession — Blothner nennt als deren ökonomische Gestalt ausdrücklich den kometenhaften Aufstieg der Start-ups —, und die Obsession muss sich selbst wieder fremd werden, sonst zerstört sie, was sie aufbaut. Die KI-Euphorie der Gegenwart ist eine lupenreine Obsessions-Drehung, samt dieser Gefahr. Aber auch die Gegenseite hat ihren Platz in der Spirale: die defensive Drehung, das rechthaberische Räsonieren, das an einer falschen Ordnung um jeden Preis festhält — wenn nur genug verboten, geopfert, geregelt wird, bricht ein spannungsfreies Zeitalter an. Weil solche Argumente gegen die Ordnung der Wirklichkeit gerichtet sind, baut sich Druck auf, der die nächste Drehung erzwingt. Die Spirale ist kein Fahrplan; Blothner warnt ausdrücklich davor, sie als Geschichtsschreibung zu lesen. Aber eines sagt sie mit Bestimmtheit: Aussetzen lässt sich die Drehung nicht. Eine Kultur kann wählen, wie sie sich verwandelt — nicht, ob.
In derselben Passage steht der Satz, der die Gegenwart am tiefsten trifft: »Quer durch die anarchistischen Drehungen geht die unbewußte Hoffnung auf ein erlösendes Diktat.« Der Satz schneidet nach beiden Seiten. Die Sehnsucht, das Unberechenbare der KI in ein Regelwerk zu sperren, das ein für allemal entscheidet, was sein darf — sie ist diese Hoffnung auf das erlösende Diktat. Aber die Versuchung, der Maschine das Denken, Urteilen und Entscheiden zu überlassen, Erleben und Tun einem Bilddiktat folgen zu lassen, »ohne ständig einen ›bewußten‹ Aufwand erbringen zu müssen« — sie ist es auch. Verbotsfuror und Bequemlichkeit sind derselbe Wunsch in zwei Gestalten: sich das Eintreten zu ersparen. Das Märchen kennt für beide nur ein Urteil — die Schlucht.
Wer aufs Gold schaut, reitet daneben
Bleibt die goldene Straße. Die erlöste Königstochter lässt sie vor ihr Schloss legen: Wer geradewegs darauf zu ihr geritten kommt, ist der Rechte. Der Älteste sieht das Gold und denkt, es wäre jammerschade, darauf zu reiten — er lenkt ab und reitet rechts nebenher. Der Zweite denkt dasselbe und reitet links. Beide scheitern an derselben Sorge, einmal als Gier, einmal als Vernunft. Der Jüngste denkt an die Geliebte, »und sah die goldene Straße gar nicht«; sein Pferd geht mitten darüber hin, und das Tor wird aufgetan. Salber macht daraus die härteste Formel des Buchs: Der wahre Erlöser ist, wer »an nichts anderes als an seine Sehnsucht denkt und das Gold dabei zertritt«. Zertritt — nicht schont, nicht verwaltet. Das Nachwort beschließt er mit fast demselben Bild: Beistehen werde uns nur ein Bild, das uns so bewegt, dass wir »nicht mehr auf Gold und Vernunft achten«. Wer bei der Künstlichen Intelligenz zuerst aufs Gold schaut — Bewertungen, Renditen, Standortrechnungen —, reitet rechts daneben. Wer zuerst auf die Vernunft schaut — Risikoklassen, Raster, das ideologische Sortieren in Gut und Gefährlich —, reitet links daneben. Durchs Tor kommt, wer an die Sache selbst denkt: an den kranken Vater und an das, was heilt.
Das ist kein Beschwichtigungstext. Das Märchen kennt den Preis: Der Jüngste verschläft fast die Frist, und das Tor nimmt ihm ein Stück der Ferse mit — niemand kommt unversehrt aus den versperrten Räumen. Das Seelische, sagt Salber, braucht eine lange Lehrzeit, um mit seinen explosiblen Seiten, mit Lieben und Zerstören zurechtzukommen; auch was wir gut zu tun meinen, dreht sich und bringt Leid, und wir müssen da durch. Der Unterschied verläuft in diesem Märchen nicht zwischen Gefahr und Sicherheit — Sicherheit kommt darin nicht vor. Er verläuft zwischen denen, die hineingehen und den Preis kennen, und dem Vater, der vor dem Tor lieber sterben will. Deutschland, wo das Ideologische noch immer Rang hat und die Romantik oft das Denken vertritt, kann sich von einem seiner eigenen Märchen sagen lassen, wie diese Haltung ausgeht: Der Vater wird vom Meerwasser kränker, verurteilt den Falschen — und wird am Ende von dem gerettet, was er erschießen ließ.
Der Jüngste hat übrigens einen Verwandten: Im ältesten datierbaren Märchen der Menschheit — dem Schmied und dem Teufel, dessen Erzähltyp die Phylogenetik bis in die Bronzezeit zurückverfolgt, älter als die geschriebene Tora, älter als Homer, älter noch als die frühesten Gilgamesch-Dichtungen — gewinnt ein Schmied den Pakt mit dem Teufel: durch Meisterschaft, nicht durch Reinheit; er bannt den Bösen mit der Kraft, die der ihm selbst verliehen hat. Deutschland hat sich das Gegen-Märchen geschrieben und zum Nationaldrama erhoben: den Faust, dessen Held am Ende nicht durch eigene Arbeit gerettet wird, sondern von Engeln davongetragen — davon wird in dieser Reihe noch zu erzählen sein.
Einen Trost der Machbarkeit verweigert Salber. Das Bild, das uns bewegen wird, lasse sich nicht durch absichtsvoll gesteuerte Überlegungen erdenken; es warte irgendwo und irgendwie, und wir müssten vorher fast Unmögliches ins Werk setzen, »damit es auf uns wartet«. Daran, schreibt er im letzten Satz, könne auch eine Psychologie nichts ändern. Eine Verordnung auch nicht.
10.09.2026
Der Wolf frisst Kreide
Aus dem Bruder hinter der Mauer wird der Wolf vor der Tür — die Generaldebatte im Bundestag am 9. September, gelesen mit Wilhelm Salbers Märchenanalyse
von Marc Conrad
Achtundvierzig Stunden nach der Wahl in Sachsen-Anhalt eröffnete Alice Weidel die Generaldebatte des Bundestages, und die Berichterstatter aller Lager registrierten dieselbe Merkwürdigkeit, ohne sie deuten zu können. Die F.A.Z.-Parlamentsreporter notierten, Weidels Stimme habe diesmal die Schärfe gefehlt, ihrem Auftritt das Geifernde — der Zuhörer habe den Eindruck bekommen können, »vermutlich sollte«, dass hier eine spricht, die die Regierungsverantwortung nicht mehr in allzu großer Ferne sieht. Der Kanzler dagegen attackierte, wie man es, so die F.A.Z., selten von einem Bundeskanzler erlebt hat: bewusste Destabilisierung, Vertretung russischer Interessen, Remigration als »ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe« — bis ihm, so Berthold Kohler, »die Pferde durchgingen«. Im Saal war Merz dabei zu leise, die AfD-Fraktion lauter als je; die Bundestagspräsidentin musste mahnen, man sei hier nicht auf dem Fußballplatz. Die Leise wirkte wie die Kommende, der Laute wie der Getriebene. Wer verstehen will, was sich da verschoben hat, braucht ein zweites Märchen.
An dieser Stelle wurde der Streit um die Brandmauer vor kurzem mit dem Märchen von den zwei Brüdern gelesen: Verstoßung, Kränkung, Versteinerung — der Bruder, der nicht neben mir stehen, sondern ich sein will. Wilhelm Salber hat im Vorwort seiner Märchenanalyse ein Kapitel skizziert, das er nicht mehr schreiben konnte: eine »Reihenbildung ähnlicher Märchen« im Wirkungskreis der typischen Figurationen — verbunden mit der Frage, welche Grundverhältnisse in welchen Märchen »besonders ausgeprägt behandelt« werden. Denn es gibt nach Salber nur eine begrenzte Zahl solcher Figurationen, und jedes Märchen arbeitet eine von ihnen heraus. Führt man den ungeschriebenen Gedanken weiter, wird er zum Diagnose-Instrument: Wenn eine Lage von einem Märchen ins nächste wandert, hat sie die Figuration gewechselt — sie ist nicht mehr dieselbe Lage. Genau das ist in Deutschland binnen zwei Wochen geschehen. Aus dem Bruder hinter der Mauer ist der Wolf vor der Tür geworden: aus dem Rangstreit unter Verwandten das Eindringen in ein Haus. Das zuständige Märchen ist jetzt der Wolf und die sieben Geißlein — dasjenige, dem Salber das zweite Kapitel seiner Märchenanalyse gewidmet hat.
Die Kreide
Die Geiß verlässt das Haus und schärft den Sieben ein, niemanden hereinzulassen; den Wolf würden sie an der rauen Stimme und den schwarzen Pfoten erkennen. Der Wolf scheitert, lernt — und verändert sich: Er frisst Kreide, um die Stimme sanft zu machen, lässt sich die Pfote weißen, und beim dritten Anlauf öffnen die Geißlein. Salber liest das Märchen als »Selbstdarstellung der Umbildungsprozesse«: Es zeigt, was geschieht, wenn eine Gestalt in eine andere eindringen will — und sein entscheidender Befund betrifft den Preis des Eindringens: Der Wolf ist gezwungen, sich auf »unwölfische Veränderungen« einzulassen. Die Täuschung ist bei Salber kein Charakterfehler, sie ist Bestandteil jeder Umbildung. Das macht die Analyse kälter und treffender als jede Empörung: Weidels neue Tonlage ist keine Laune und kein Ausrutscher — sie ist die Kreide, also Methode, und sie wird wachsen. Der Wolfsbauch blieb dabei sichtbar: Die früheren Wähler der SPD nannte sie »unsere Wähler«, der Union empfahl sie den Blick auf die Sitznachbarn — einer von beiden werde dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören. Salber nennt diesen Zug der eindringenden Gestalt beim Namen: Sie will »alles andere in ihre Umarmung zwingen«.
Auch die andere Seite der Tür beschreibt das Kapitel. Die Gestalt, die sich erhalten will, lebt nach Salber von »Geschlossenheit, Gleichsinnigkeit, Versorgt-Werden, Kontrolle« — die Brandmauer ist nichts anderes als die Mahnung der Mutter: Lasst niemanden herein. Und beide Seiten halten einander in Betrieb, das Einverleiben und das Raushalten; deshalb wurde die Debatte mit jeder Mahnung lauter, nicht leiser.
Die vertauschten Stimmen
Das Märchen hängt an Erkennungszeichen: raue Stimme gleich Wolf, sanfte Stimme gleich Mutter. In der Generaldebatte waren die Zeichen vertauscht. Der Warner schrie — bis zur Balkan-Analogie, die selbst wohlwollende Beobachter für durchgegangene Pferde hielten —, und der Eindringling sprach sanft. Für die, die drinnen sitzen und am Klang entscheiden sollen, wem sie öffnen, ist das die gefährlichste aller Lagen: Der Klang lügt jetzt in beide Richtungen. Dazu kommt, was die Süddeutsche in ihrem großen Porträt eines Kanzlers im Überlebensmodus festhält: Merz hatte nach der Wahl eine »bessere Erzählung« angekündigt — und hat dann, schreibt die SZ, »angefangen, über sich selbst zu reden«. Im Märchen geht die Mutter aus dem Haus, um etwas zu holen; Salber notiert eigens die Paradoxie, dass das Haus verschlossen ist und die Geißlein doch auf »Mitbringsel von draußen« warten. Die angekündigte Erzählung war das Mitbringsel. Die Mutter kam ohne Korb zurück und beschrieb vor der Tür ihre Erschütterung. So versteht man auch, warum drinnen die Frage umgeht, die Kohler zur Überschrift machte — ob es eine andere Mutter braucht. Seine Antwort, ein anderer Kanzler hätte kein anderes Volk, ist übrigens die Stimme aus dem Uhrkasten: das jüngste Geißlein, das sich in der Uhr versteckt und als Einziges den Überblick behält. Dass der Überlebende des Märchens ausgerechnet in der Zeit sitzt, dürfen beide Seiten als Wink lesen: Gerettet wird hier, wer nicht im Takt der nächsten Umfrage lebt.
Bauch auf, Steine rein
Was das Märchen als Rettung kennt, ist von brutaler Präzision — und es ist das Gegenteil dessen, was geschieht. Die zurückgekehrte Mutter jagt den Wolf nicht, sie verbietet ihn nicht, sie hält keine Rede über ihn: Sie schneidet ihm den Bauch auf und holt die Verschlungenen heraus, einzeln, lebendig — und füllt die Leere mit Wackersteinen. Übersetzt: Die 43,8 Prozent sind verschlungene Geißlein, nicht Teile des Wolfs. Eine Politik, die den Bauch behandelt, als wäre er das Tier — und der Säuberungs-Vergleich tat in den Ohren vieler Wähler genau das —, verstößt gegen die Rettungslogik des Märchens; sie näht die Verschlungenen ein, statt sie herauszuholen. Herausholen hieße: einzeln und konkret, mit dem Halsband der Königin aus dem Brüder-Märchen — an dem, was einer im Alltag geleistet hat, nicht an der Lautstärke der Warnung. Und für den Sieger des Wahlabends hält das Kapitel seine dunkelste Kategorie bereit. Salber: Wenn sich die Verfassung wandelt, kann Lebendiges unverdaulich werden — »aus Töten wird Getötet-Werden«. Der Wolf, der sechs verschlingt, wacht mit Steinen im Bauch am Brunnen auf; die Gier trägt ihren Ausgang in sich. Auch die Kreide selbst ist ein Risiko: Die unwölfische Veränderung, die das Eindringen erfordert, kann das eigene Rudel irritieren — ein Wolf, der zu lange sanft spricht, bekommt Ärger mit denen, die das Heulen lieben.
Salbers ungeschriebenes Kapitel hätte die Märchen in Reihen geordnet und gefragt, welches Grundverhältnis wo am ausgeprägtesten behandelt wird. Die deutsche Gegenwart liefert die Reihe gerade selbst: In zwei Wochen ist sie vom Märchen der Brüder ins Märchen des Wolfs gewandert — vom Streit, wer der Echte ist, zur Frage, wer durch die Tür kommt. Das ist keine neue Deutung derselben Lage; es ist die Anzeige, dass die Lage eine andere geworden ist. Wie die Reihe weitergeht, entscheiden die Figuren: ob die Mutter mit vollem Korb zurückkommt und den Bauch öffnet — oder ob am Ende der Brunnen auf den wartet, der zu viel verschlungen hat. Nur eines kennt das Märchen nicht: eine Tür, die sich von selbst verteidigt.
08.09.2026
Der Bruder hinter der Mauer
Die zwei Brüder, Wilhelm Salber und der Streit um die Brandmauer
von Marc Conrad
Am Sonntag hat Sachsen-Anhalt gewählt, und die Zahlen lesen sich wie ein Urteil: 43,8 Prozent für die AfD — ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl überhaupt, die absolute Mehrheit im Landtag nur um drei Mandate verfehlt; die CDU auf 17,2 Prozent mehr als halbiert. Der Kanzler zeigt sich schockiert und hält am Kurs fest; der CDU-Ministerpräsident gratuliert dem Sieger noch am Wahlabend; aus Sachsen verlangt die Heimatunion »CDU pur«. Jede dieser Reaktionen gehört zu einem Muster, das sich seit Jahren wiederholt und von keiner Wahl unterbrochen wird. Das Muster hat eine Form — und die Form steht im längsten Märchen der Brüder Grimm.
Zwei Wochen vor der Wahl, am 24. August, veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine auf faz.net zwei Kommentare, die einander vollständig widersprechen. Morgens Jasper von Altenbockum: Die Ausgrenzung nährt die AfD, die Brandmauer sei ihr bester Schutzschild gegen Verantwortung, die etablierten Parteien müssten Wege finden, eine Kraft einzubinden, die in freien Wahlen immer mehr Mandate gewinnt. Nachmittags Berthold Kohler: Die AfD wolle mit der CDU gar nicht zusammenarbeiten, sie wolle sie vernichten; man müsse Alice Weidel für ihre siegestrunkene Offenheit dankbar sein, denn niemand könne mehr behaupten, man habe nicht wissen können, was die Partei vorhat. Beide haben recht. Keiner kann den anderen widerlegen. Das ist kein redaktioneller Zufall, sondern das Symptom, und es lohnt, ihm mit den Mitteln der psychologischen Morphologie nachzugehen.
Anlass der beiden Texte waren die Sommerinterviews vom Vortag. Tino Chrupalla gab in der ARD den Blutdrucksenker, Alice Weidel im ZDF das Aufputschmittel, wie Stefan Niggemeier in der Süddeutschen schrieb. Weidel hatte sich, wie Niggemeier beobachtete, zwei Sätze zurechtgelegt: „Die DNA der CDU ist die Lüge“ und „Die CDU wird keine einzige Bundestagswahl mehr gewinnen“. Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo die AfD in Umfragen bei über vierzig Prozent liegt und ihr Spitzenkandidat allein regieren will, sind das keine Wahlkampfsprüche. Es sind Sätze eines Bruders.

Ein Märchen von Zwillingen
Die Brüder Grimm haben für diese Lage ein Märchen, „Die zwei Brüder“, die Nummer 60 ihrer Sammlung und eines ihrer längsten. Es beginnt nicht mit den Zwillingen, sondern mit ihren Vätern: ein reicher Goldschmied und ein armer Besenbinder, Brüder, die einander so wenig trauen, dass der Reiche die Zwillinge des Armen als Teufelskinder verleumdet und aus dem Haus treibt. Die Kränkung ist älter als die, die an ihr leiden. Ein Jäger nimmt die Knaben auf, lehrt sie sein Handwerk, und als sie erwachsen sind, schenkt er ihnen zum Abschied ein Messer. Am Scheideweg stoßen sie es in einen Baum. Rostet eine Seite, ist der Bruder, der in diese Richtung gezogen ist, in Not.
Der eine wird König, weil er einen Drachen erschlägt und die Königstochter gewinnt. Dann reitet er in einen Wald, in dem eine alte Frau auf einem Baum sitzt. Sie gibt ihm eine Rute und bittet ihn, seine Tiere damit zu schlagen, weil sie sich vor ihnen fürchte. Er tut es, die Tiere werden zu Stein, sie berührt ihn selbst, und er wird zu Stein. Der andere Bruder findet das Messer verrostet, reitet in die Stadt, wird für den König gehalten, legt nachts ein Schwert zwischen sich und die Königin und sucht am nächsten Tag den Wald. Auf die Hexe schießt er mit silbernen Knöpfen, weil sie gegen Blei fest ist, zwingt sie, die Steine zu berühren, und wirft sie ins Feuer. Der Wald öffnet sich, das Schloss wird auf drei Stunden Wegs sichtbar.
Auf dem Heimweg erzählt der Erlöser, dass man ihn für den König gehalten habe und er neben der Königin gelegen sei. Der Erlöste schlägt ihm den Kopf ab. Dann weint er. Ein Hase holt die Lebenswurzel, der Kopf wächst wieder an. Sie reiten durch zwei Tore zugleich in die Stadt, gleich von Gesicht und Gewand, und die Königin kann nicht sagen, wer ihr Gemahl ist – bis sie das goldene Halsband sieht, das sie einst seinem Löwen umgelegt hat. Erst in der Nacht fragt sie, warum er die letzten Nächte ein Schwert ins Bett gelegt habe, und erst jetzt erfährt der König von der Treue des Bruders.
Salbers Lesart: die Zwei-Einheit
Wilhelm Salber, von 1963 bis 1993 Direktor des Psychologischen Instituts II der Universität zu Köln und Begründer der psychologischen Morphologie, hat dieses Märchen in seiner Märchenanalyse (S. 121–124) als eine Gestalt gelesen, in der Verwandtschaft und Feindschaft keine Gegensätze sind, sondern eine Einheit. Der Bruder ist der unheimliche Doppelgänger: Er trägt mein Gesicht, er kann meinen Platz einnehmen, und eben deshalb ist er der Einzige, der mich verraten kann. Die Verhexung kommt aus der Vorgeschichte – der Streit der Väter, die Rute der Alten – und macht beide Brüder handlungsunfähig: den einen zu Stein, den anderen zum Totschläger. Die Erlösung selbst wird zum Beweis des Betrugs, weil der Erlöser, um erlösen zu können, das Gesicht des Erlösten tragen musste.
Ich habe diese Lesart an anderer Stelle auf das deutsch-russische Verhältnis bezogen. Hier soll es um ein näherliegendes Bruderpaar gehen, bei dem man die Verwandtschaft nicht erst nachweisen muss. Sie steht im Gründungsprotokoll.
Ein Bruder aus dem Haus
Die AfD ist 2013 aus der CDU herausgeboren worden. Bernd Lucke war über drei Jahrzehnte CDU-Mitglied, Alexander Gauland vier Jahrzehnte und Chef der hessischen Staatskanzlei unter Walter Wallmann; und der Parteiname antwortet auf Angela Merkels „alternativlos“, das Unwort des Jahres 2010. Zwei Brüder mit einem Gesicht: bürgerlich, konservativ, wirtschaftsliberal, mit Anspruch auf dasselbe Erbe. Man muss die Verwandtschaft nicht behaupten, sie steht im Gründungsprotokoll. Und sie bedeutet: Der Bruder will nicht neben mir stehen – er will ich sein.
Die Kränkung ist älter als die Partei. Franz Josef Strauß’ Satz, rechts von CDU und CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben, ist keine Kampfansage, sondern ein Existenzverbot: Es darf dich nicht geben. Der reiche Goldschmied hat die Zwillinge nicht bekämpft, er hat sie zu Teufelskindern erklärt. Wer aus der CDU zur AfD ging, ging nicht zu einem Gegner, sondern zu einem Nichts, das es nicht geben durfte – und trug diese Erfahrung als Gründungswunde mit. Altenbockum beschreibt die Folgen nüchtern: Zulauf erhalte die AfD auch wegen Zurückweisung, Geringschätzung und Isolierung, und das treffe besonders die, die für einen bürgerlichen Stil offen gewesen seien und ebenfalls zu Aussätzigen gestempelt wurden. Im Märchen heißt das: Der Bruder, der die Rute empfängt, trägt dasselbe Gesicht.
Die Kränkung läuft in beide Richtungen, und wer den Konflikt verstehen will, muss beide ernst nehmen, ohne eine zu beglaubigen. Die Abgespaltenen erleben sich als der ausgestoßene Bruder: gegründet aus der Union heraus, dann zum Schmuddelkind erklärt, von Gremienposten ferngehalten, beobachtet, gemieden — und zugleich beklaut, denn was gestern als unsagbar galt, wird heute von denen gesagt, die einen dafür ausgestoßen haben. Nichts kränkt tiefer als der Bruder, der einen verstößt und das Erbe behält. Die Union erlebt das Spiegelbild: Der Abgespaltene beansprucht, das wahre Original zu sein, wirbt Wähler, Mitglieder und Vokabular ab und nennt sie Verräterin am eigenen Erbe — das Wort Verrat fällt wörtlich, in Sprechchören. Und sie sitzt in der strukturellen Kränkung, dass sie nur verlieren kann: Öffnet sie sich, bricht der Damm; mauert sie, mauert sie Millionen Wähler mit ein. Zwei Verratserzählungen, die einander füttern — und keine braucht wahr zu sein, um zu wirken. Das ist die Lage des Märchens vor dem Totschlag: Es genügt der Glaube.
Das Messer im Baum
Die Brandmauer hat ein Datum. Am 7. und 8. Dezember 2018 beschließt der Hamburger Parteitag der CDU die Unvereinbarkeit mit der AfD. Drei Wochen zuvor, am 15. November, hat Friedrich Merz auf der ersten Regionalkonferenz der Kandidaten um den Parteivorsitz in Lübeck versprochen, die CDU wieder auf vierzig Prozent zu führen und die AfD zu halbieren; er hat den Satz noch am selben Tag getwittert. Die AfD stand damals bei vierzehn Prozent, die Union bei sechsundzwanzig. Die Halbierung zielte auf ein AfD-Niveau von sieben Prozent.
Das Messer trennt die Brüder nicht. Es zeigt an. Seit acht Jahren liest die CDU am Rost ab, wie es dem Bruder geht, und der Rost hat sich verdoppelt; gemessen am Halbierungsziel hat er sich vervierfacht. Merz hat das Halbierungsversprechen im Juni 2023 zurückgenommen – diese Formulierung würde er heute nicht mehr wiederholen, sagte er t-online –, und im Oktober 2025 hat ihn ein Journalist auf einer Pressekonferenz daran erinnert; seine Antwort war die „Stadtbild“-Äußerung. Das Messer arbeitet, auch wenn man es nicht mehr ansieht.
Die Rute der Hexe
Die Hexe sitzt auf dem Baum und bittet, mit ihrer Rute zuzuschlagen. Sie heißt 1933. Beide Parteien handeln in ihrem Bann, und beide werden dadurch zu Stein. Altenbockum notiert, wer im Bundestag dabei erwischt werde, wie er mit einem AfD-Abgeordneten eine Tasse Kaffee trinke, sei erledigt; nicht einmal die Hand wolle man ihnen geben. Das ist die Versteinerung in Reinform: Nicht die AfD erstarrt bei Berührung, sondern wer sie berührt. Thomas Kemmerichs drei Tage als Ministerpräsident im Februar 2020, die Abstimmung vom 29. Januar 2025, bei der ein Entschließungsantrag der Union mit Stimmen der AfD durch den Bundestag ging – jede Bewegung der CDU wird als Berührung gelesen und friert sie ein. Papens Satz, man habe Hitler in zwei Monaten in die Ecke gedrückt, ist die Rute, die die CDU mit sich trägt; jede Regung wird an ihm gemessen.
Gustav Seibt hat in der Süddeutschen am selben 24. August gegen die historischen Analogien argumentiert: Der Vergleich sei ein Erkenntnisinstrument, die Analogie ein sicherer Weg in die Täuschung. Er zerlegt den Vorschlag von Dominik Geppert, Andreas Rödder und Claudia Weber, der Lage mit drei Szenarien zu begegnen – 1933, die Integration der Grünen seit 1980, der Systemzerfall von 1989 –, und zeigt, dass alle drei wieder Analogien sind. Morphologisch gesehen ist das dieselbe Beobachtung: Die Vorgeschichte verhext. Wer 1933 sagt, handelt nicht mehr, er wehrt ab. Wer „Grüne“ sagt, hofft auf ein Ende, das die Geschichte nicht schuldet. Die Rute wirkt, egal, wer sie hält.
Die AfD lebt in derselben Vorgeschichte, nur von der anderen Seite. Sie bezieht ihre Kränkung daraus, mit ihr identifiziert zu werden, und hat aus dieser Kränkung eine Öffentlichkeit gebaut, in der sie, wie Altenbockum schreibt, geschützt vor Kritik und auf niemanden angewiesen ist. Auch das ist Versteinerung: Die eigene Blase ist ein Stein, in dem man sich bewegt, ohne sich zu bewegen.
Das Schwert im Bett
Die Mitte des Märchens ist der Betrugsglaube. Die Königin ist die bürgerliche Wählerschaft, und sie hält die Brüder nicht auseinander – das ist kein Vorwurf, es ist ihre Rolle. Seit 2025 hat die Union das Programm des Bruders übernommen: Zurückweisungen an den Grenzen, ausgesetzter Familiennachzug, erleichterte Einstufung sicherer Herkunftsstaaten, Rücknahme der beschleunigten Einbürgerung. Merz selbst schrieb im Sommer 2025 auf X, man habe die Migrationspolitik der vergangenen Jahre korrigiert. Zugleich beteuert die CDU, das Schwert habe im Bett gelegen: keine Koalition, keine Absprache, keine Berührung.
Was die AfD sieht, ist das, was der erlöste König auf dem Heimweg hört: Er hat mein Gesicht getragen, er hat bei meiner Frau gelegen, und er sagt, es sei nichts gewesen. „Die DNA der CDU ist die Lüge“ ist kein Programmsatz. Es ist der Satz des Bruders, der den Betrüger im eigenen Gesicht erkennt. Die Wirtschaftsredaktion der FAZ hat am selben Tag auf faz.net Weidels Euro-Thesen nachgeprüft und Volker Wieland zitiert, die Euro-Kritik gehöre seit der Gründung zur DNA der AfD. Zwei DNA-Sätze an einem Tag, gegeneinander gerichtet, mit demselben Wort. Man sieht die Zwillinge streiten, wer der echte ist.
In Sachsen hat die AfD dem Konsultationsmechanismus der Minderheitsregierung eine Absage erteilt – Altenbockum zufolge mit der Begründung, sie wolle nicht, dass ihre Ideen geklaut würden. Er hält das für einen Vorwand, in Wahrheit sei sie froh, nicht mitmachen zu müssen. Beides stimmt, und darin liegt Salbers Punkt: Der Vorwand trägt die Wahrheit der Gestalt. Die AfD kann nicht mitregieren, weil Mitregieren bedeutet, dass der Bruder ihr Gesicht trägt und die Königin es nicht merkt. Deshalb ist die Brandmauer, wie Altenbockum richtig sieht, ihr bester Schutzschild: Solange das Schwert im Bett liegt, muss sie nie selbst hinein.
Die Enthauptung
Kohler hat gehört, was Weidel sagte, und übersetzt es ohne Umschweife: Sie will die CDU nicht als Partner, sie will sie vernichten. Das ist der Schwertstreich des Erlösten. Wer ihn als Größenwahn abtut, übersieht, dass das Märchen ihn nicht aus Bosheit erklärt, sondern aus dem Betrugsglauben. Der Bruder wird nicht erschlagen, weil er ein Feind ist, sondern weil er der Bruder ist – weil nur er den Platz einnehmen konnte. Und die Halbierungsabsicht der CDU ist derselbe Streich mit umgekehrtem Vorzeichen: Auch sie wollte den Bruder nicht besiegen, sondern zum Verschwinden bringen.
Das Märchen sagt, was folgt: Der Täter jammert selbst. Die AfD wächst nur, wo die CDU verliert; eine tote CDU nähme ihr das Gegenüber, aus dem sie ihre Kränkung bezieht, und ihre Wähler wären am nächsten Tag ihre Regierten. Umgekehrt: Eine CDU, die die AfD halbiert hätte, hätte die Hälfte ihrer eigenen Wähler halbiert. Der Hase mit der Lebenswurzel kommt im Märchen von außen und unverdient. In der Politik gibt es ihn nicht, und darin liegt Salbers Unbehagen, nicht sein Trost.
Die Verbotsdebatte gehört in dieses Bild. Hamburgs SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf hat ein Parteiverbot gefordert und die NSDAP als Beleg genannt, die man damals nicht rechtzeitig verboten habe. Das ist die Rute, mit voller Kraft geschwungen. Im Märchen wird nicht der Bruder verbrannt, sondern die Hexe – und nur, nachdem sie die Steine wieder berührt hat. Wer den Bruder ins Feuer werfen will, verwechselt ihn mit der Vorgeschichte, die ihn verhext hat.

Das Halsband des Löwen
Was das Märchen der Debatte voraushat, ist sein Ende. Die Königin erkennt den rechten Gemahl nicht am Gesicht und nicht am Gewand, sondern am Halsband, das sie seinem Löwen umgelegt hat. Sie erkennt ihn an der Bindung, die sie selbst gestiftet hat. Wenn die Programme die Brüder nicht mehr unterscheiden – und seit der Migrationswende unterscheiden sie sie nicht mehr –, bleibt die Bindung: an die Verfassung, den Rechtsstaat, die Bündnisse, Europa. Weidels Euro-Austritt, ihr Schengen-Austritt, ihre Bereitschaft, die Ukraine, wie Kohler es formuliert, der Rache Russlands auszuliefern, sind keine Programmpunkte unter anderen. Es sind die Stellen, an denen das Halsband fehlt.
Die Königin war bis zuletzt unentschieden. Insa hat am 20. und 21. August gefragt: Neunundvierzig Prozent haben keine Angst vor der AfD, zweiundvierzig haben sie. Achtundvierzig Prozent halten die Abgrenzung der anderen Parteien für richtig, neununddreißig für falsch. Beim Verbot steht es zweiundvierzig zu zweiundvierzig. Das ist keine Mehrheit für eine Seite, das ist eine Frau, die zwei gleiche Gesichter sieht und nach dem Halsband sucht.
Kohler und Altenbockum haben also beide recht, und keiner hat die Lösung, weil beide innerhalb der Zwei-Einheit argumentieren: Mauer oder Einbindung, Abgrenzung oder Berührung. Das Märchen kennt eine dritte Position, und sie gehört nicht den Brüdern. Sie gehört der Königin. Nicht ob die CDU die Mauer hält oder den Bruder einlässt, entscheidet, sondern ob die Wählerschaft den Unterschied noch erkennt, der nicht im Gesicht liegt. Dafür müsste die CDU aufhören, am Messer im Baum zu wachen, und anfangen, das Halsband zu zeigen. Am 6. September hat Sachsen-Anhalt gewählt. Die Königin hat hingesehen — und sie hat kein Programm gewählt, sondern ein Urteil gefällt: dem Verstoßenen den Sieg, der Versteinerten die Halbierung. Wer dieses Urteil ändern will, muss ihr etwas zeigen können. Das Halsband liegt noch immer bereit.
28.08.2026
Das Messer im Baum
Was das Grimmsche Märchen von den zwei Brüdern und Wilhelm Salbers psychologische Morphologie über das deutsch-russische Verhältnis erzählen — bis in die Gegenwart
von Marc Conrad
Ein Märchen ist kein Kommentar zur Weltlage. Und doch: Wer die Grimmsche Erzählung von den zwei Brüdern neben Wilhelm Salbers morphologische Analyse legt und beides gegen zweihundertfünfzig Jahre deutsch-russischer Geschichte hält, dem entsteht ein Bild von beunruhigender Passgenauigkeit — bis hin zu einem Satz, der fast wörtlich die russische Selbsterzählung seit 1990 vorwegnimmt.
Die Gestalt: Zwei-Einheit und unheimliche Doppelgänger
Salber liest das Märchen von den zwei Brüdern — den Zwillingen des armen Besenbinders, die unwissend Herz und Leber des Goldvogels essen, verstoßen werden, sich trennen, einander retten und beinahe töten — als Verwandlungsgeschichte einer Zwei-Einheit. Sein Befund ist unbequem: Zum Ganzen der Brüder gehört auch ihre Feindschaft. Die Brüder sind, so Salber, unheimliche Doppelgänger; in ihrer Gegensatzeinheit wirkt das Verdrängte mit, das »Unheil« der anderen, fremden, ungeheuren Seite der Wirklichkeit. Ganzheit ist hier nicht Harmonie, sondern ein Spannungsverhältnis, das aus Brechungen, Gegenwirkungen und fremden Wendungen hervorgeht — auch das, schreibt Salber, ist Er-Gänzung.

Diese Zwillingschaft ist keine Erfindung des Märchens, sie hat zweihundertfünfzig Jahre Substanz. Von Katharina II. an war fast jede Zarengemahlin eine deutsche Prinzessin — Katharina selbst die größte von ihnen; deutsche Gelehrte prägten die Petersburger Akademie, deutsche Bauern die Wolgadörfer, deutsche Offiziere das russische Heer, und Preußen verdankte Russland 1812/13 seine Befreiung. Der deutsche Idealismus formte die russische Intelligenzija wie kein zweiter Einfluss; Turgenjew lebte in Baden-Baden, Dostojewski verspielte dort sein Geld; Tschaikowsky baute seine Kunst auf Mozart und Schumann, und die Deutschen spielen ihn bis heute, als wäre er einer der Ihren. Beide Reiche kamen spät zur Nation, beide maßen sich am älteren Westen — und beide machten aus dem Rückstand einen Vorzug: Deutschland erklärte seine Kultur für tiefer als die westliche Zivilisation, Russland seine Seele für wahrer als den westlichen Verstand. Der deutsche Sonderweg und der russische osobyj put (besonderer Weg) sind dieselbe Denkfigur in zwei Sprachen: Wir sind anders, weil wir mehr sind. Und die Zwillingschaft gilt auch im Ungeheuren: Es waren diese beiden, deren Regime im zwanzigsten Jahrhundert mit das größte Leid über die Erde brachten — Hitlers Deutschland mit dem Menschheitsverbrechen des Holocaust und dem Vernichtungskrieg im Osten, Stalins Sowjetunion mit Terror, Hunger und Lager. Wer heute Russland als das Ganz-Andere empfindet, das Fremde, Nie-Verwandte, verwechselt die Entfremdung mit der Verwandtschaft, aus der sie kommt: Fremd werden kann nur, was verwandt war.
Die Politik hat diese Verwandtschaft immer schon beschworen — als Harmonie. Wilhelm und Nikolaus telegrafierten sich als »Willy« und »Nicky« in den Weltkrieg; die SED verordnete »Brudervölker« samt Freundschaftspflicht; und Putin nennt die Ukrainer ein brüderliches Volk, seit er den Überfall vorbereitet hat. Das ist der Unterschied ums Ganze: Die Brudervölker-Rhetorik kennt nur die Umarmung — Salbers Zwei-Einheit enthält den Totschlag. Das Bruderwort gehört heute dem, der zuschlägt. Die Bruderromantik ist nicht die Vorgeschichte dieser Deutung; sie ist ihr Fall.
Sebastian Haffner hat diese Geschichte 1967 im »Teufelspakt« erzählt, wie zwischen zwei Menschen, die einander verfallen sind und in Hass und Liebe nicht voneinander loskommen — das Buch ist in diesem Frühjahr neu aufgelegt worden, als hätte der Verlag gespürt, dass die Frage zurück ist. Haffner erzählt das Drama der Akteure, ihre Absichten und Rechnungen; das Märchen und Salbers Morphologie legen frei, warum das Drama diese Form annimmt: weil hier nicht Fremde verhandeln, sondern Doppelgänger.
Die zweite Säule seiner Lektüre ist das Material. Märchen, und dieses besonders, handeln von Material, das wirkt und sich bewegt: Fische, die zerteilt werden, Herz und Leber eines Goldvogels, Tiere als Diener und Helfer — und totes, unwirksames Material wie abgeschlagene Drachenköpfe ohne Zungen. Das Material ruft: Sieh mich, packe mich, wandle mich — und es ruft zugleich: Grenze es ein, wehre ab. In diesem Wechsel von Materialbewegung und gestalthafter Ordnung liegt für Salber das Entwicklungsmotiv der unheimlichen Verwandlungsgeschichte.
Wer mit diesem Instrumentarium auf die Geschichte zwischen Deutschland und Russland blickt, erkennt die Figuren wieder. Nicht als Allegorie — Morphologie behauptet keine Eins-zu-eins-Übersetzung —, sondern als Wirkungsgestalt, die sich in Wiederholungen, Umkehrungen und verpassten oder beim Schopf gefassten Situationen durchhält.
Die Doppelgänger am Rand Europas
Deutschland und Russland sind einander seit dem 18. Jahrhundert das, was Salber unheimliche Doppelgänger nennt: zwei kontinentale Spätkommer am Rand des westlichen Europa, dynastisch verflochten, wirtschaftlich aufeinander verwiesen, kulturell voneinander fasziniert — und einander zugleich das Angstbild. Die Zwei-Einheit steckt schon im Gründungsakt des russischen Großmachtanspruchs am Schwarzen Meer: Eine deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, geboren in Stettin, erobert als Katharina II. die Krim für Russland. Der Weg führt über den Frieden von Küçük Kaynarca 1774, der das tatarische Krimkhanat aus osmanischer Oberhoheit löst, zur Annexion von 1783; Potemkin organisiert die Übernahme, wird Fürst von Taurien, und deutsche Kolonisten bauen »Neurussland« mit auf, die ersten auf Katharinas Einladung, die große Welle unter Alexander I. — Noworossija, jener Begriff, den Wladimir Putin 2014 wieder ausgegraben hat. Der eine Bruder wirkt im anderen, bevor einer davon weiß.
Was folgt, ist Salbers Formel von den Wiederholungen von Ähnlichem, in denen es aber auch einmal ganz anders kommen kann: Tauroggen 1812, Bismarcks Rückversicherungsvertrag, dann der Bruch; 1914; Rapallo 1922; der Hitler-Stalin-Pakt 1939 — und 1941 der Überfall. Gerade der Pakt von 1939 ist im Märchenmaterial vorgezeichnet, allerdings im Schwestermärchen der »Goldkinder«, das Salber mitverhandelt: Dort lässt sich der wunderbare Fisch in Teile teilen, die den Söhnen zukommen, weil das gemeinsame Geheimnis nicht gewahrt werden kann. Die geteilte Beute von 1939 hieß Polen. Wo die Brüder das Land eines Dritten als Material unter sich aufteilen, beginnt die Katastrophe — im Märchen wie in der Geschichte.
Versteinerung und Erlösung: das Messer im Baum
Das stärkste Bild des Märchens ist das Abschiedsgeschenk des Jägervaters: ein blankes Messer, in einen Baum am Scheideweg gestoßen. Die Seite, in deren Richtung der abwesende Bruder gezogen ist, rostet, wenn er stirbt; solange er lebt, bleibt sie blank. Es ist ein Instrument nüchterner Fernanzeige — man erfährt vom Zustand des anderen nicht durch Einfühlung, sondern durch Ablesen.

Vierzig Jahre lang war Deutschland selbst der geteilte Bruder, und das Messer verlief durch die eigene Mitte. Der eine Teil nach Westen gewandt, der andere dem östlichen Bruder zugeordnet — als Besatzungsmacht, Lehrmeister und Alltag zugleich. Die Versteinerung, im Märchen das Schicksal des ersten Bruders im Hexenwald, hat ihre historische Entsprechung im eingefrorenen Zustand des Kalten Krieges: Leben, das angehalten ist, ohne tot zu sein — Salbers Kategorie des Toten oder Un-Toten im gestaltähnlichen Bild.
1989/90 kommt die Erlösungsszene. Gorbatschow rührt, um im Bild zu bleiben, die Steine an: Die Versteinerten stehen auf, die Mauer fällt, Deutschland wird vereint. Und hier steht in Salbers Zusammenfassung des Märchenschlusses jener Satz, der die Gegenwart aufschließt: Der eine Bruder erlöst den versteinerten — der ihn jedoch tötet, »weil er sich betrogen und verraten glaubt«.
»Betrogen und verraten«: eine Kränkungserzählung und ihre Prüfung
Die russische Selbsterzählung seit den neunziger Jahren lautet fast wortgleich: Man habe die deutsche Einheit ermöglicht und sei dafür betrogen worden — durch die NATO-Osterweiterung, durch gebrochene Zusagen, durch die Demütigungen des Jahrzehnts danach. Morphologisch ist diese Kränkung eine Tatsache: Das Verdrängte wirkt mit, gleichgültig, ob der Verrat juristisch stattgefunden hat. Dass diese Kränkung nicht bloß Staatsrhetorik ist, sondern Gorbatschows eigene Überzeugung, bezeugt ein Ohrenzeuge: Helmut Thoma, dem Verfasser freundschaftlich verbunden, nahm an privaten Abendessen beim damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement teil und berichtete mehrfach, Gorbatschow habe dort unmissverständlich erklärt, die Sowjetunion hätte der Wiedervereinigung nie zugestimmt, hätte sie geahnt, dass die NATO in Richtung der russischen Grenze rücken würde. Die Erwartung war echt — und ebendarum die Enttäuschung. Historisch aber verlangt die Erzählung Prüfung, und die Faktenlage ist genauer als der Mythos.
Es gab Anfang 1990 mündliche Zusicherungen — Bakers »not one inch eastward« gegenüber Gorbatschow im Februar, ähnlich Genscher Ende Januar in Tutzing; die Dokumente hat das National Security Archive 2017 gesammelt veröffentlicht. Doch sie fielen im Kontext der deutschen Einheit, als der Warschauer Pakt noch existierte; ein künftiger NATO-Beitritt Polens oder gar der Ukraine stand 1990 nicht zur Debatte. Vertraglich fixiert wurde im Zwei-plus-Vier-Vertrag allein der Sonderstatus des früheren DDR-Gebiets. Gorbatschow selbst hat 2014 erklärt, die Osterweiterung sei 1990 nicht verhandelt worden; er nannte sie eine Verletzung des Geistes, nicht des Buchstabens — nachdem er 2009 in einem Interview mit der Bild-Zeitung noch das Gegenteil behauptet hatte. Als Kronzeuge ist er in beide Richtungen zitierbar; die deklassifizierten Dokumente stützen die spätere Lesart. 1997 nahm Russland die Erweiterung in der NATO-Russland-Grundakte faktisch hin.
Und in der Bilanz fehlt regelmäßig das Gegenversprechen: das Budapester Memorandum von 1994, in dem Russland der Ukraine Grenzen und Souveränität zusicherte — im Tausch gegen deren Atomwaffen. Ein unterschriebenes Dokument, kein Gesprächsprotokoll. Es wurde 2014 gebrochen. Wer Verrat bilanziert und nach Unterschriften fragt, wird auf der russischen Seite fündig: Neben Budapest brach Moskau 2014 auch den russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag von 1997 samt Grenzgarantie. Die Kränkungserzählung und das gebrochene Versprechen sind zwei verschiedene Dinge; die Deutungskraft des Märchens hängt daran, sie auseinanderzuhalten. Der Bruder im Märchen tötet ja nicht, weil er betrogen wurde — sondern weil er es glaubt. Die Doppeldeutigkeit dieses Glaubens ist der Kern der Szene: Die Erlösung selbst wird zum Beweis des Betrugs umgedeutet, weil der Erlöste die Zwischenzeit — den Bruder im eigenen Bett, das zweischneidige Schwert dazwischen — nicht lesen kann. Die Treue wird erst rückwirkend erkennbar, wenn die Frau nach dem Schwert fragt. Bis dahin regiert die Eifersucht.
Die Verhexung durch Vorgeschichten: Deutschlands Anteil
Salber notiert einen Satz, der wie eine Diagnose der deutschen Russlandpolitik gelesen werden kann: Das Material lässt sich verhexen durch Vorbilder, wunderbare Vorbestimmungen, durch die Dramatik von Vorgeschichten. Genau das ist geschehen — auf beiden Seiten.
Die russische Verhexung: Die Krim als »urrussisches Land« ist gefälschte Vorgeschichte. Vor Katharinas Zugriff war die Halbinsel nie Teil eines Moskauer Staates — sie war tatarisch-osmanisch, davor genuesisch, byzantinisch, griechisch. Der russische Anspruch beginnt mit einem Eroberungsakt, dem die Verdrängung und 1944 die vollständige Deportation der Krimtataren folgte. 1783 wie 2014 wird die Krim genommen, indem man ihren Bewohnern die eigene Gestalt abspricht und sie zum Material der großen Erzählung macht. Katharina ließ Taurien und griechische Antike ausrufen, Putin heilige russische Erde: dasselbe Verfahren, Vorbestimmung schlägt Wirklichkeit.
Die deutsche Verhexung: die Rapallo-Romantik, die Vorstellung einer schicksalhaften Zwei-Einheit mit Russland. Sie hat dazu geführt, dass man den anderen als Doppelgänger las, wo er längst eine eigene, andere Gestalt gebildet hatte. »Wandel durch Handel« war dabei die Jäger-Lehre des Märchens in Reinform — das tierische Material nicht vernichten, sondern am Leben lassen und dienstbar machen —, angewandt auf ein Gegenüber, das sich nicht dienstbar machen ließ. Im Märchen gibt es dafür ein präzises Bild: Die Hexe bietet dem ersten Jäger an, seine Tiere mit einer Rute zu schlagen, dann täten sie ihr nichts. Er tut es, entwaffnet sich selbst und wird versteinert. Der zweite Bruder verweigert die Rute — und lädt Silberknöpfe statt Bleikugeln, weil die gewohnten Mittel gegen diese Gegnerin nichts ausrichten. Die Pipelines waren Bleikugeln. Die Hexe lachte, dass es gellte.
Und die Ukraine? Wer sie nur als Teil des Bruderverhältnisses liest — als Preis, Pfand oder Beweisstück des Verrats —, wiederholt die Verhexung von 1939: Er macht das Land eines Dritten wieder zum geteilten Fisch. Die Staaten Ostmitteleuropas sind nach 1990 nicht in die NATO »gerückt worden«; sie haben gedrängt, aus vierzigjähriger Erfahrung mit dem einen Bruder. Ihnen die eigene Gestaltbildung abzusprechen heißt, in der Logik zu denken, die den Überfall vorbereitet hat.
Die Teilung wandert nach innen
Die jüngste Wendung der Gestalt: Die Zwei-Brüder-Struktur ist ins Innere Deutschlands gewandert. Der Streit um die Unterstützung der Ukraine — hier die Regierungslinie mit Abschreckung und Bündnistreue, dort AfD und BSW mit Verhandlungsforderung und »nicht unser Krieg«, mit deutlich stärkerem Rückhalt im Osten, quer dazu Skepsis bis in SPD und Union hinein — setzt exakt an der alten Naht an. Es sind zwei Lesarten derselben Vorgeschichte: Die eine sagt, wir haben den Frieden mit Russland verspielt; die andere, wir haben uns von Russland verhexen lassen. Beide berufen sich auf 1990.
Salber würde dazu zweierlei sagen. Erstens: Kein einheitliches Deutschland ist kein Befund, sondern der Normalfall. Die Gegensatzeinheit ist die Gestalt, nicht ihre Störung; die Bundesrepublik war auch vor 2022 nie einheitlich, sie trug ihre Spaltungen an anderen Themen aus. Gefährlich wird es an der Stelle, wo das Märchen kippt: wenn ein Bruder den anderen erschlägt, weil er sich betrogen und verraten glaubt. Diese Betrugs-Erzählung läuft innerdeutsch bereits in beide Richtungen — der Osten fühlt sich seit 1990 übernommen statt vereint, der Westen liest die östliche Russland-Nähe als Illoyalität. Es ist die Eifersuchtsszene am Märchenschluss: Der Bruder schlägt zu, bevor er die Treue des anderen erkennen kann.
Zweitens die Erkennungsszene als Ausweg: Am Ende stehen zwei Ununterscheidbare im Schlosshof, und die Königin erkennt den rechten Gemahl erst am Halsband, das sie einem der Löwen gegeben hatte. Einheit entsteht im Märchen nicht durch Verschmelzung, sondern durch Unterscheidung. Übertragen: Die Aufgabe ist nicht, die östliche Erfahrung ins westliche Bild einzuschmelzen oder umgekehrt, sondern beide Prägungen als verschiedene Gestalten desselben Landes lesbar zu machen.
Was die Gestalt über ihre Weiterentwicklung sagt
Nimmt man Salber ernst, gibt das Märchen selbst die Bedingungen an, unter denen die Wendung möglich wird — und die Reihenfolge ist nicht beliebig. Die Versteinerung muss von außen nüchtern abgelesen werden, am rostenden Messer, nicht am Wunschbild: Der Zustand Russlands ist zu nehmen, wie er ist, nicht wie die Bruderromantik ihn erinnert. Die Rute ist zu verweigern: keine Selbstentwaffnung auf Zuspruch dessen, der einen versteinern will. Es braucht Silberknöpfe: andere Mittel als die gewohnten. Die Erlösung wird erzwungen, nicht erbeten — erst als die Hexe unter Druck die Steine berührt und schließlich verbrennt, öffnet sich der Wald von selbst, und man sieht das Schloss auf drei Stunden Wegs.
Die entscheidende Grenze westlichen Handelns markiert das Märchen ebenfalls: Die Reue kommt vom Täter. Der Bruder, der erschlagen hat, jammert selbst — niemand redet sie ihm ein. Erst dann läuft der Hase nach der Lebenswurzel. Die Wendung im russischen Selbstbild kann nur von innen kommen. Was von außen möglich bleibt, ist die Jäger-Lehre in ihrer richtigen Anwendung: das tierische Material am Leben lassen — die Kanäle, die Kultur, das Exil, die Gesellschaft hinter dem Regime. Der Hase muss existieren, wenn der Moment kommt.
So verteilt das Bild die Lasten ohne falsche Symmetrie. Die Reue liegt bei Russland — beim Bruder, der erschlagen hat — und sie ist die Voraussetzung von allem Weiteren. Deutschlands Part ist nicht Reue, sondern die Erkennungsszene: Der Bruder im Ehebett lag dort mit dem Schwert, im Buchstaben korrekt, im Anschein aber genau das Bild des Verrats. Wer so liegt, hat keinen Totschlag zu bereuen — aber zu erkennen, was sein Liegen ausgelöst hat, und die Unterscheidung von Tat und Anschein selbst zu leisten, wie die Königin sie am Halsband leistet. Die Wiederherstellung schließlich können nur beide: Sind die Brüder Hälften eines Ganzen, war der Totschlag Selbstverstümmelung, und das Märchen endet nicht mit der Bestrafung des Täters, sondern mit dem gemeinsamen Einzug ins Schloss — die unbequemste Pointe der Vorlage.
Einen Trost der Vollendung verweigert Salber. Menschliche Produktionen, schreibt er am Ende seiner Analyse, sind immer ein Halb und Halb; mit dieser unfertigen Fehl-Konstruktion müssen — und können — wir den ungeheuren Reichtum unserer Lebensbilder zustande bringen. Die Geschichte kennt keine Lebenswurzel, die der Hase rechtzeitig bringt. Das Märchen endet mit dem zweischneidigen Schwert im Ehebett, das erst rückwirkend als Treue lesbar wird. Manches am heutigen Verhalten der Brüder — und der Dritten zwischen ihnen — wird erst die nächste Generation richtig lesen können. Die Versteinerung ist wieder da. Ob jemand das Messer im Baum noch anschaut, ist offen.
