Von Marc Conrad haben wir einen Text erhalten, der das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland mit dem Märchen der Brüder Grimm "Die zwei Brüder" analysiert. Wir nehmen dies zum Anlass, auch andere Kollegen zur Einsendung von Gedanken und Analysen zur Zeitgeschichte einzuladen. Zu Beginn des Ukraine-Krieges hatten wir einen Blog angelegt, in dem es für einige Monate zu einem regen Austausch kam. An diesen Blog wollen wir hiermit ausdrücklich anknüpfen.
Das Messer im Baum
Was das Grimmsche Märchen von den zwei Brüdern und Wilhelm Salbers psychologische Morphologie über das deutsch-russische Verhältnis erzählen — bis in die Gegenwart
von Marc Conrad
Ein Märchen ist kein Kommentar zur Weltlage. Und doch: Wer die Grimmsche Erzählung von den zwei Brüdern neben Wilhelm Salbers morphologische Analyse legt und beides gegen zweihundertfünfzig Jahre deutsch-russischer Geschichte hält, dem entsteht ein Bild von beunruhigender Passgenauigkeit — bis hin zu einem Satz, der fast wörtlich die russische Selbsterzählung seit 1990 vorwegnimmt.
Die Gestalt: Zwei-Einheit und unheimliche Doppelgänger
Salber liest das Märchen von den zwei Brüdern — den Zwillingen des armen Besenbinders, die unwissend Herz und Leber des Goldvogels essen, verstoßen werden, sich trennen, einander retten und beinahe töten — als Verwandlungsgeschichte einer Zwei-Einheit. Sein Befund ist unbequem: Zum Ganzen der Brüder gehört auch ihre Feindschaft. Die Brüder sind, so Salber, unheimliche Doppelgänger; in ihrer Gegensatzeinheit wirkt das Verdrängte mit, das »Unheil« der anderen, fremden, ungeheuren Seite der Wirklichkeit. Ganzheit ist hier nicht Harmonie, sondern ein Spannungsverhältnis, das aus Brechungen, Gegenwirkungen und fremden Wendungen hervorgeht — auch das, schreibt Salber, ist Er-Gänzung.

Diese Zwillingschaft ist keine Erfindung des Märchens, sie hat zweihundertfünfzig Jahre Substanz. Von Katharina II. an war fast jede Zarengemahlin eine deutsche Prinzessin — Katharina selbst die größte von ihnen; deutsche Gelehrte prägten die Petersburger Akademie, deutsche Bauern die Wolgadörfer, deutsche Offiziere das russische Heer, und Preußen verdankte Russland 1812/13 seine Befreiung. Der deutsche Idealismus formte die russische Intelligenzija wie kein zweiter Einfluss; Turgenjew lebte in Baden-Baden, Dostojewski verspielte dort sein Geld; Tschaikowsky baute seine Kunst auf Mozart und Schumann, und die Deutschen spielen ihn bis heute, als wäre er einer der Ihren. Beide Reiche kamen spät zur Nation, beide maßen sich am älteren Westen — und beide machten aus dem Rückstand einen Vorzug: Deutschland erklärte seine Kultur für tiefer als die westliche Zivilisation, Russland seine Seele für wahrer als den westlichen Verstand. Der deutsche Sonderweg und der russische osobyj put (besonderer Weg) sind dieselbe Denkfigur in zwei Sprachen: Wir sind anders, weil wir mehr sind. Und die Zwillingschaft gilt auch im Ungeheuren: Es waren diese beiden, deren Regime im zwanzigsten Jahrhundert mit das größte Leid über die Erde brachten — Hitlers Deutschland mit dem Menschheitsverbrechen des Holocaust und dem Vernichtungskrieg im Osten, Stalins Sowjetunion mit Terror, Hunger und Lager. Wer heute Russland als das Ganz-Andere empfindet, das Fremde, Nie-Verwandte, verwechselt die Entfremdung mit der Verwandtschaft, aus der sie kommt: Fremd werden kann nur, was verwandt war.
Die Politik hat diese Verwandtschaft immer schon beschworen — als Harmonie. Wilhelm und Nikolaus telegrafierten sich als »Willy« und »Nicky« in den Weltkrieg; die SED verordnete »Brudervölker« samt Freundschaftspflicht; und Putin nennt die Ukrainer ein brüderliches Volk, seit er den Überfall vorbereitet hat. Das ist der Unterschied ums Ganze: Die Brudervölker-Rhetorik kennt nur die Umarmung — Salbers Zwei-Einheit enthält den Totschlag. Das Bruderwort gehört heute dem, der zuschlägt. Die Bruderromantik ist nicht die Vorgeschichte dieser Deutung; sie ist ihr Fall.
Sebastian Haffner hat diese Geschichte 1967 im »Teufelspakt« erzählt, wie zwischen zwei Menschen, die einander verfallen sind und in Hass und Liebe nicht voneinander loskommen — das Buch ist in diesem Frühjahr neu aufgelegt worden, als hätte der Verlag gespürt, dass die Frage zurück ist. Haffner erzählt das Drama der Akteure, ihre Absichten und Rechnungen; das Märchen und Salbers Morphologie legen frei, warum das Drama diese Form annimmt: weil hier nicht Fremde verhandeln, sondern Doppelgänger.
Die zweite Säule seiner Lektüre ist das Material. Märchen, und dieses besonders, handeln von Material, das wirkt und sich bewegt: Fische, die zerteilt werden, Herz und Leber eines Goldvogels, Tiere als Diener und Helfer — und totes, unwirksames Material wie abgeschlagene Drachenköpfe ohne Zungen. Das Material ruft: Sieh mich, packe mich, wandle mich — und es ruft zugleich: Grenze es ein, wehre ab. In diesem Wechsel von Materialbewegung und gestalthafter Ordnung liegt für Salber das Entwicklungsmotiv der unheimlichen Verwandlungsgeschichte.
Wer mit diesem Instrumentarium auf die Geschichte zwischen Deutschland und Russland blickt, erkennt die Figuren wieder. Nicht als Allegorie — Morphologie behauptet keine Eins-zu-eins-Übersetzung —, sondern als Wirkungsgestalt, die sich in Wiederholungen, Umkehrungen und verpassten oder beim Schopf gefassten Situationen durchhält.
Die Doppelgänger am Rand Europas
Deutschland und Russland sind einander seit dem 18. Jahrhundert das, was Salber unheimliche Doppelgänger nennt: zwei kontinentale Spätkommer am Rand des westlichen Europa, dynastisch verflochten, wirtschaftlich aufeinander verwiesen, kulturell voneinander fasziniert — und einander zugleich das Angstbild. Die Zwei-Einheit steckt schon im Gründungsakt des russischen Großmachtanspruchs am Schwarzen Meer: Eine deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, geboren in Stettin, erobert als Katharina II. die Krim für Russland. Der Weg führt über den Frieden von Küçük Kaynarca 1774, der das tatarische Krimkhanat aus osmanischer Oberhoheit löst, zur Annexion von 1783; Potemkin organisiert die Übernahme, wird Fürst von Taurien, und deutsche Kolonisten bauen »Neurussland« mit auf, die ersten auf Katharinas Einladung, die große Welle unter Alexander I. — Noworossija, jener Begriff, den Wladimir Putin 2014 wieder ausgegraben hat. Der eine Bruder wirkt im anderen, bevor einer davon weiß.
Was folgt, ist Salbers Formel von den Wiederholungen von Ähnlichem, in denen es aber auch einmal ganz anders kommen kann: Tauroggen 1812, Bismarcks Rückversicherungsvertrag, dann der Bruch; 1914; Rapallo 1922; der Hitler-Stalin-Pakt 1939 — und 1941 der Überfall. Gerade der Pakt von 1939 ist im Märchenmaterial vorgezeichnet, allerdings im Schwestermärchen der »Goldkinder«, das Salber mitverhandelt: Dort lässt sich der wunderbare Fisch in Teile teilen, die den Söhnen zukommen, weil das gemeinsame Geheimnis nicht gewahrt werden kann. Die geteilte Beute von 1939 hieß Polen. Wo die Brüder das Land eines Dritten als Material unter sich aufteilen, beginnt die Katastrophe — im Märchen wie in der Geschichte.
Versteinerung und Erlösung: das Messer im Baum
Das stärkste Bild des Märchens ist das Abschiedsgeschenk des Jägervaters: ein blankes Messer, in einen Baum am Scheideweg gestoßen. Die Seite, in deren Richtung der abwesende Bruder gezogen ist, rostet, wenn er stirbt; solange er lebt, bleibt sie blank. Es ist ein Instrument nüchterner Fernanzeige — man erfährt vom Zustand des anderen nicht durch Einfühlung, sondern durch Ablesen.

Vierzig Jahre lang war Deutschland selbst der geteilte Bruder, und das Messer verlief durch die eigene Mitte. Der eine Teil nach Westen gewandt, der andere dem östlichen Bruder zugeordnet — als Besatzungsmacht, Lehrmeister und Alltag zugleich. Die Versteinerung, im Märchen das Schicksal des ersten Bruders im Hexenwald, hat ihre historische Entsprechung im eingefrorenen Zustand des Kalten Krieges: Leben, das angehalten ist, ohne tot zu sein — Salbers Kategorie des Toten oder Un-Toten im gestaltähnlichen Bild.
1989/90 kommt die Erlösungsszene. Gorbatschow rührt, um im Bild zu bleiben, die Steine an: Die Versteinerten stehen auf, die Mauer fällt, Deutschland wird vereint. Und hier steht in Salbers Zusammenfassung des Märchenschlusses jener Satz, der die Gegenwart aufschließt: Der eine Bruder erlöst den versteinerten — der ihn jedoch tötet, »weil er sich betrogen und verraten glaubt«.
»Betrogen und verraten«: eine Kränkungserzählung und ihre Prüfung
Die russische Selbsterzählung seit den neunziger Jahren lautet fast wortgleich: Man habe die deutsche Einheit ermöglicht und sei dafür betrogen worden — durch die NATO-Osterweiterung, durch gebrochene Zusagen, durch die Demütigungen des Jahrzehnts danach. Morphologisch ist diese Kränkung eine Tatsache: Das Verdrängte wirkt mit, gleichgültig, ob der Verrat juristisch stattgefunden hat. Dass diese Kränkung nicht bloß Staatsrhetorik ist, sondern Gorbatschows eigene Überzeugung, bezeugt ein Ohrenzeuge: Helmut Thoma, dem Verfasser freundschaftlich verbunden, nahm an privaten Abendessen beim damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement teil und berichtete mehrfach, Gorbatschow habe dort unmissverständlich erklärt, die Sowjetunion hätte der Wiedervereinigung nie zugestimmt, hätte sie geahnt, dass die NATO in Richtung der russischen Grenze rücken würde. Die Erwartung war echt — und ebendarum die Enttäuschung. Historisch aber verlangt die Erzählung Prüfung, und die Faktenlage ist genauer als der Mythos.
Es gab Anfang 1990 mündliche Zusicherungen — Bakers »not one inch eastward« gegenüber Gorbatschow im Februar, ähnlich Genscher Ende Januar in Tutzing; die Dokumente hat das National Security Archive 2017 gesammelt veröffentlicht. Doch sie fielen im Kontext der deutschen Einheit, als der Warschauer Pakt noch existierte; ein künftiger NATO-Beitritt Polens oder gar der Ukraine stand 1990 nicht zur Debatte. Vertraglich fixiert wurde im Zwei-plus-Vier-Vertrag allein der Sonderstatus des früheren DDR-Gebiets. Gorbatschow selbst hat 2014 erklärt, die Osterweiterung sei 1990 nicht verhandelt worden; er nannte sie eine Verletzung des Geistes, nicht des Buchstabens — nachdem er 2009 in einem Interview mit der Bild-Zeitung noch das Gegenteil behauptet hatte. Als Kronzeuge ist er in beide Richtungen zitierbar; die deklassifizierten Dokumente stützen die spätere Lesart. 1997 nahm Russland die Erweiterung in der NATO-Russland-Grundakte faktisch hin.
Und in der Bilanz fehlt regelmäßig das Gegenversprechen: das Budapester Memorandum von 1994, in dem Russland der Ukraine Grenzen und Souveränität zusicherte — im Tausch gegen deren Atomwaffen. Ein unterschriebenes Dokument, kein Gesprächsprotokoll. Es wurde 2014 gebrochen. Wer Verrat bilanziert und nach Unterschriften fragt, wird auf der russischen Seite fündig: Neben Budapest brach Moskau 2014 auch den russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag von 1997 samt Grenzgarantie. Die Kränkungserzählung und das gebrochene Versprechen sind zwei verschiedene Dinge; die Deutungskraft des Märchens hängt daran, sie auseinanderzuhalten. Der Bruder im Märchen tötet ja nicht, weil er betrogen wurde — sondern weil er es glaubt. Die Doppeldeutigkeit dieses Glaubens ist der Kern der Szene: Die Erlösung selbst wird zum Beweis des Betrugs umgedeutet, weil der Erlöste die Zwischenzeit — den Bruder im eigenen Bett, das zweischneidige Schwert dazwischen — nicht lesen kann. Die Treue wird erst rückwirkend erkennbar, wenn die Frau nach dem Schwert fragt. Bis dahin regiert die Eifersucht.
Die Verhexung durch Vorgeschichten: Deutschlands Anteil
Salber notiert einen Satz, der wie eine Diagnose der deutschen Russlandpolitik gelesen werden kann: Das Material lässt sich verhexen durch Vorbilder, wunderbare Vorbestimmungen, durch die Dramatik von Vorgeschichten. Genau das ist geschehen — auf beiden Seiten.
Die russische Verhexung: Die Krim als »urrussisches Land« ist gefälschte Vorgeschichte. Vor Katharinas Zugriff war die Halbinsel nie Teil eines Moskauer Staates — sie war tatarisch-osmanisch, davor genuesisch, byzantinisch, griechisch. Der russische Anspruch beginnt mit einem Eroberungsakt, dem die Verdrängung und 1944 die vollständige Deportation der Krimtataren folgte. 1783 wie 2014 wird die Krim genommen, indem man ihren Bewohnern die eigene Gestalt abspricht und sie zum Material der großen Erzählung macht. Katharina ließ Taurien und griechische Antike ausrufen, Putin heilige russische Erde: dasselbe Verfahren, Vorbestimmung schlägt Wirklichkeit.
Die deutsche Verhexung: die Rapallo-Romantik, die Vorstellung einer schicksalhaften Zwei-Einheit mit Russland. Sie hat dazu geführt, dass man den anderen als Doppelgänger las, wo er längst eine eigene, andere Gestalt gebildet hatte. »Wandel durch Handel« war dabei die Jäger-Lehre des Märchens in Reinform — das tierische Material nicht vernichten, sondern am Leben lassen und dienstbar machen —, angewandt auf ein Gegenüber, das sich nicht dienstbar machen ließ. Im Märchen gibt es dafür ein präzises Bild: Die Hexe bietet dem ersten Jäger an, seine Tiere mit einer Rute zu schlagen, dann täten sie ihr nichts. Er tut es, entwaffnet sich selbst und wird versteinert. Der zweite Bruder verweigert die Rute — und lädt Silberknöpfe statt Bleikugeln, weil die gewohnten Mittel gegen diese Gegnerin nichts ausrichten. Die Pipelines waren Bleikugeln. Die Hexe lachte, dass es gellte.
Und die Ukraine? Wer sie nur als Teil des Bruderverhältnisses liest — als Preis, Pfand oder Beweisstück des Verrats —, wiederholt die Verhexung von 1939: Er macht das Land eines Dritten wieder zum geteilten Fisch. Die Staaten Ostmitteleuropas sind nach 1990 nicht in die NATO »gerückt worden«; sie haben gedrängt, aus vierzigjähriger Erfahrung mit dem einen Bruder. Ihnen die eigene Gestaltbildung abzusprechen heißt, in der Logik zu denken, die den Überfall vorbereitet hat.
Die Teilung wandert nach innen
Die jüngste Wendung der Gestalt: Die Zwei-Brüder-Struktur ist ins Innere Deutschlands gewandert. Der Streit um die Unterstützung der Ukraine — hier die Regierungslinie mit Abschreckung und Bündnistreue, dort AfD und BSW mit Verhandlungsforderung und »nicht unser Krieg«, mit deutlich stärkerem Rückhalt im Osten, quer dazu Skepsis bis in SPD und Union hinein — setzt exakt an der alten Naht an. Es sind zwei Lesarten derselben Vorgeschichte: Die eine sagt, wir haben den Frieden mit Russland verspielt; die andere, wir haben uns von Russland verhexen lassen. Beide berufen sich auf 1990.
Salber würde dazu zweierlei sagen. Erstens: Kein einheitliches Deutschland ist kein Befund, sondern der Normalfall. Die Gegensatzeinheit ist die Gestalt, nicht ihre Störung; die Bundesrepublik war auch vor 2022 nie einheitlich, sie trug ihre Spaltungen an anderen Themen aus. Gefährlich wird es an der Stelle, wo das Märchen kippt: wenn ein Bruder den anderen erschlägt, weil er sich betrogen und verraten glaubt. Diese Betrugs-Erzählung läuft innerdeutsch bereits in beide Richtungen — der Osten fühlt sich seit 1990 übernommen statt vereint, der Westen liest die östliche Russland-Nähe als Illoyalität. Es ist die Eifersuchtsszene am Märchenschluss: Der Bruder schlägt zu, bevor er die Treue des anderen erkennen kann.
Zweitens die Erkennungsszene als Ausweg: Am Ende stehen zwei Ununterscheidbare im Schlosshof, und die Königin erkennt den rechten Gemahl erst am Halsband, das sie einem der Löwen gegeben hatte. Einheit entsteht im Märchen nicht durch Verschmelzung, sondern durch Unterscheidung. Übertragen: Die Aufgabe ist nicht, die östliche Erfahrung ins westliche Bild einzuschmelzen oder umgekehrt, sondern beide Prägungen als verschiedene Gestalten desselben Landes lesbar zu machen.
Was die Gestalt über ihre Weiterentwicklung sagt
Nimmt man Salber ernst, gibt das Märchen selbst die Bedingungen an, unter denen die Wendung möglich wird — und die Reihenfolge ist nicht beliebig. Die Versteinerung muss von außen nüchtern abgelesen werden, am rostenden Messer, nicht am Wunschbild: Der Zustand Russlands ist zu nehmen, wie er ist, nicht wie die Bruderromantik ihn erinnert. Die Rute ist zu verweigern: keine Selbstentwaffnung auf Zuspruch dessen, der einen versteinern will. Es braucht Silberknöpfe: andere Mittel als die gewohnten. Die Erlösung wird erzwungen, nicht erbeten — erst als die Hexe unter Druck die Steine berührt und schließlich verbrennt, öffnet sich der Wald von selbst, und man sieht das Schloss auf drei Stunden Wegs.
Die entscheidende Grenze westlichen Handelns markiert das Märchen ebenfalls: Die Reue kommt vom Täter. Der Bruder, der erschlagen hat, jammert selbst — niemand redet sie ihm ein. Erst dann läuft der Hase nach der Lebenswurzel. Die Wendung im russischen Selbstbild kann nur von innen kommen. Was von außen möglich bleibt, ist die Jäger-Lehre in ihrer richtigen Anwendung: das tierische Material am Leben lassen — die Kanäle, die Kultur, das Exil, die Gesellschaft hinter dem Regime. Der Hase muss existieren, wenn der Moment kommt.
So verteilt das Bild die Lasten ohne falsche Symmetrie. Die Reue liegt bei Russland — beim Bruder, der erschlagen hat — und sie ist die Voraussetzung von allem Weiteren. Deutschlands Part ist nicht Reue, sondern die Erkennungsszene: Der Bruder im Ehebett lag dort mit dem Schwert, im Buchstaben korrekt, im Anschein aber genau das Bild des Verrats. Wer so liegt, hat keinen Totschlag zu bereuen — aber zu erkennen, was sein Liegen ausgelöst hat, und die Unterscheidung von Tat und Anschein selbst zu leisten, wie die Königin sie am Halsband leistet. Die Wiederherstellung schließlich können nur beide: Sind die Brüder Hälften eines Ganzen, war der Totschlag Selbstverstümmelung, und das Märchen endet nicht mit der Bestrafung des Täters, sondern mit dem gemeinsamen Einzug ins Schloss — die unbequemste Pointe der Vorlage.
Einen Trost der Vollendung verweigert Salber. Menschliche Produktionen, schreibt er am Ende seiner Analyse, sind immer ein Halb und Halb; mit dieser unfertigen Fehl-Konstruktion müssen — und können — wir den ungeheuren Reichtum unserer Lebensbilder zustande bringen. Die Geschichte kennt keine Lebenswurzel, die der Hase rechtzeitig bringt. Das Märchen endet mit dem zweischneidigen Schwert im Ehebett, das erst rückwirkend als Treue lesbar wird. Manches am heutigen Verhalten der Brüder — und der Dritten zwischen ihnen — wird erst die nächste Generation richtig lesen können. Die Versteinerung ist wieder da. Ob jemand das Messer im Baum noch anschaut, ist offen.
