Die Wilhelm Salber Bibliothek hat schließlich einen dauerhaften Platz gefunden.In diesem Frühjahr werden die 5616 Bücher Wilhelm Salbers von der Zülpicher Straße in einen großen Raum in der Kölner Innenstadt umziehen. Er wird von Stephan Grünewald, einem verlässlichen Unterstützer der WSG, bereitgestellt. Die Bibliothek bekommt damit nicht nur einen würdigen, sondern auch einen dauerhaften Platz.

Wir nehmen den anstehenden Umzug als Anlass für einen weiteren Beitrag in unserer Reihe „Berichte aus der Privatbibliothek Wilhelm Salbers“. Heute soll es um Statistik gehen.

Abteilungen
Salber war mit Leidenschaft Psychologe. Er hat hunderte von psychologischen Abhandlungen hinterlassen. Da mag es verwundern, dass von allen erfassten Abteilungen seiner eigenen Bibliothek, die psychologische an dritter Stelle steht. Die größte Abteilung macht mit 1460 Bänden die Literatur aus. Zählt man die 490 Werke der Literaturwissenschaft hinzu, kommt man auf fast 2000 Bücher. Das sind mehr als ein Drittel der gesamten Bibliothek. Für Kenner Salbers ist das allerdings kein erstaunliches Ergebnis. Denn ihnen ist bekannt, dass er in Dichtern und Romanautoren Kollegen sah, die bereits vor jeder Psychologie und heute unabhängig von ihr, beschreibende Alltags-Psychologie betreiben.

Wer glaubt, dass die Abteilung „Psychologische Bücher“ dann wenigstens an zweiter Stelle steht, wird auch in dieser Hinsicht enttäuscht. An zweiter Stelle füllen nämlich Bände, die sich mit Kunst beschäftigen, die Regale aus. Das geht von den großen Bildbänden über einzelne Künstler, über die Dokumentation ganzer Epochen und Stilrichtungen bis zu den Werken, die sich kunstgeschichtlich mit der Kunst und ihren Schöpfern befassen. Auch dieses Ergebnis der Zählung kann Freunde der Psychologischen Morphologie nicht wirklich überraschen. Sie wissen, dass Salber in der Kunst einen anschaulichen „Königsweg“ zu den unbewussten Gestaltungsform des Seelischen sah. Wie die Dichter zählte er auch die Künstler zu den Vorgängern der Psychologie und sah sie als Kollegen an.

Die Bibliothekarin Katharina Tilemann

An dritter Stelle kommen in der statistischen Übersicht also erst die Bücher, die von der Bibliothekarin Katharina Tilemann, die den Katalog der Sammlung erstellte, dem Fach Psychologie zugeordnet wurden. Auffällig ist hier, dass nur sehr wenige Werke der zeitgenössischen Psychologie aufzufinden sind. In diesem Verhältnis spiegelt sich die Alleinstellung Salbers unter seinen Kollegen. Man mag dies als traurig und ungerechtfertigt erleben, man muss es aber vor allem der entschiedenen Haltung des Schöpfers der Psychologischen Morphologie zuschreiben. Ganz in Unterschied zu der zeitgenössischen Wissenschaftslandschaft war Salber davon überzeugt, dass sich die Psychologie vor allem über originelle und pointiert formulierte Konzepte weiterentwickelt und nicht über das Zusammentragen von vielen Einzeluntersuchungen, die sich an das Vorgehen der Naturwissenschaften anlehnen.

Freunde und Gefährten
Von der Beobachtung ausgehend, dass Bücher oft als wahre Freunde, als Mitglieder der Familie erlebt werden, kommen wir nun zu den Namen, die in Salbers Bibliothek vertreten sind. Die Leser könnten hier eine kurze Pause machen und überlegen, welcher Autor in der Bibliothek am häufigsten vertreten sein mag…

Richtig! Mit 126 Bänden steht Sigmund Freud unangefochten an erster Stelle. Das wird die Kenner der Psychologischen Psychologie nicht überraschen. Denn bei ihr handelt es sich, so wie auch bei dem Werk von Sigmund Freud, um eine der ganz wenigen, großen und systematischen Psychologien des unbewussten Seelenlebens. Dass Salber auch gerne bei anderen Ansätzen nachschaute, zeigt die Präsenz von 36 Büchern C.G. Jungs. Werke von Freuds direkten Schülern und Kollegen wie Anna Freud (18), Wilhelm Stekel (15), Otto Rank (14) und Theodor Reik (10) machen einen weiteren Schwerpunkt der explizit psychoanalytischen Arbeiten aus.

Bücher in der Wilhelm Salber Bibliothek

Von den Künstlern haben es Salber offenbar besonders William Turner (26) und Pablo Picasso (12) angetan. In ihren Werken fand er hervorragende Bebilderungen des Übergangscharakter und der Drehfiguren des Seelischen. Zu den Philosophen, die im Laufe der Jahre einen festen Platz in Salbers Bibliothek erhalten haben, sind vor allem Friedrich Nietzsche (30), Erich Rothacker (16) und Sören Kierkegaard (11) zu nennen. Intime Kenner der Salber’schen Psychologie und Auffassung von Wirklichkeit werden diese Auswahl nicht erstaunlich finden.

Überraschung?

Zum Abschluss dann vielleicht doch noch ein paar kleine Überraschungen. Obwohl Rainer Maria Rilke (9 ) in seinen oft philosophischen Gedichten eine ihm verwandte Sicht auf die Welt zum Ausdruck brachte, schien Salber in punkto Lyrik doch einen anderen Favoriten gehabt zu haben. Einen, der die morphologische Sicht nicht theoretisch benannte, sondern in seinen rhythmisch voranschreitenden, lyrischen Bildern unmittelbar veranschaulichte: Gottfried Benn mit 22 Bänden.

Eher wenig in seinen Schriften dokumentiert, scheint auch Salbers Vorliebe für George Bernhard Shaw (21), Jean Paul (19), Honoré Balzac (18) und Ernest Hemingway (13) zu sein. Aber es kann sein, dass wir mit diesen Hinweisen bereits den Schutz des Privaten belasten. Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren: es handelt sich um die Privatbibliothek Wilhelm Salbers.