Nachruf auf Petra Maria Runge (1957–2026)
von Ralf Debus
Am 29. August ist die Kölner Künstlerin, Designerin und Psychologin Petra Maria Runge nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Mit ihr verliert der Kreis der Morphologen eine Schülerin Wilhelm Salbers, die das „Denken in Bildern“ nicht nur studiert, sondern ein Leben lang praktiziert hat.
Petra Maria Runge wurde 1957 in Hannover geboren. In Köln studierte sie Psychologie bei Wilhelm Salber und zugleich Freie Kunst bei Pravoslav Sovak und bei Franz Eggenschwiler in Düsseldorf; Studienaufenthalte führten sie nach Frankreich und in die Schweiz. Kunst und Seelenwissenschaft waren bei ihr von Anfang an verschwistert. Ihre Wirkungsstudie zu Zeichnungen von George Grosz („Das Monströse am Machbaren“, 1994) gehört zu den kunstpsychologischen Arbeiten, an denen sich zeigen lässt, was die Morphologie für das Verständnis von Bildern leisten kann.
Als junge Psychologin hat sie nach Konzepten von Gunter Wollschläger interdiziplinäre Projekte künstlerischer Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Es ging ihr damals nicht darum, aus den Kindern tolle Künstlerinnen und Künstler zu machen, sondern mit ihnen gemeinsam einen Prozeß zu durchleben; den Kindern zu ermöglichen, eine Erfahrung zu machen, etwas zu entwickeln, durch Widerstände hindurchzugehen, Umwege zu beschreiten, auch mal zu scheitern, um dann doch am Ende etwas in der Hand zu haben. Etwas, das man gemeinsam in der Gruppe sich mit Lust und Aufwand erarbeitet hatte. Wer Salbers Beschreibungen von Entwicklung und Behandlung kennt, erkennt darin eine morphologische Pädagogik. Aus derselben Haltung entstanden die Kurse mit geistig behinderten Menschen an der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, dokumentiert im Band Fremder Frühling (1991).
Entwerfen, probieren, variieren, durcharbeiten: Das Prozesshafte stand im Zentrum ihrer Kunst. Seit 1987 entstanden Körperabdrücke aus Asche, Kohle, Erde und Ei auf bis zu drei Meter langen Batisttüchern, daneben ungeschminkte gezeichnete Selbstporträts. Sie zeigten Seelenlandschaften mit einer Schutzlosigkeit, die manche Ausstellungsbesucher verstörte und andere sofort für sie einnahm. Der frühere WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell, der eines ihrer Selbstporträts erwarb, sprach von einem „ungeheuer sicheren, handwerklich meisterhaften Strich“, der zugleich die Fragilität des Menschlichen sichtbar mache. Einen Überblick gibt der Katalog Zeichen – Körper – Objekt (2003). Es folgten die Grafikmappen „Selbstporträts“, „Innenraum“ und „Blau-Braun“ sowie die „Fernsehbilder“: Tusche- und Aquarellzeichnungen, in denen sie das technische Medium in die flüchtige Materialität wasserlöslicher Pigmente übersetzte – ironisch, riskant, entlarvend.
Ihr Blick für Form reichte bis ins Design. Ihr Objekt SPIEGELBUCH wurde von De Padova in Mailand produziert und 2001 für den Compasso d’Oro nominiert, den renommiertesten italienischen Designpreis. Sie arbeitete als Illustratorin und Buchgestalterin und bildete sich eigens im Buchdesign weiter. Mit morphologischen Kolleginnen und Kollegen betrieb sie Wirkungsforschung zu Alltagsphänomenen wie dem Radiohören. Spät entschied sie sich für die Psychotherapie und durchlief die Ausbildung in Analytischer Intensivberatung; lange Jahre verfasste sie außerdem psychologische Gutachten.
Kunst, Design, Psychologie, Therapie, Wirkungsforschung: Petra Runge hat stets mehrere Felder zugleich bestellt. Das gab ihrem Leben eine große Grundspannung, aber sie konnte und wollte nicht anders. Dem Kunstmarkt hat sie sich nie angedient. „Bevor ich mich zwischen allen Stühlen zerreibe, bleib ich bei meinem Ding“, hat sie einmal gesagt. Manches blieb unvollendet, etwa die weitere Herausgabe der Mappen und ihrer vielen Porträts von Menschen aus ihrem Umfeld. Es wäre zu wünschen, dass diese Arbeiten von der Kunstwissenschaft einmal gesichtet und gewürdigt werden.
Petra Runge hat ein Leben lang Spuren gesucht – im Gesicht, im Strich, im Abdruck des Körpers auf dem Tuch. Wir werden diese begabte, den Menschen zugewandte Querdenkerin und Schöpferin sehr vermissen. Ihre Spuren bleiben.
