Porträt des WSG-Mitglieds Sven Giebel
Herr Dr. Giebel, was wünschen Sie sich für die Zukunft der WSG?

Ich wünsche mir eine WSG, in der die Freude am psychologischen Entdecken spürbar bleibt. Einen Ort, an dem wir gemeinsam beschreiben, uns über Deutungen auseinandersetzen und auch die eigenen Gewissheiten zur Diskussion stellen. Gerade eine Psychologie, die Verwandlung ins Zentrum rückt, kann daraus viel gewinnen.
Besonders am Herzen liegt mir die Verbindung von Forschung, Lehre und Anwendung. In meiner Arbeit bewegen mich die Übergänge zwischen Alltags- und Kulturpsychologie, Markt- und Medienforschung sowie der Ausbildung qualitativer Forscherinnen und Forscher. Hier sehe ich für die WSG Möglichkeiten, Menschen unterschiedlicher Generationen und Arbeitsfelder zusammenzubringen – etwa durch gemeinsame Forschungswerkstätten und die intensive Arbeit an konkreten Fällen.
Ich wünsche mir, dass junge Menschen erfahren können, wie überraschend und erkenntnisreich morphologisches Arbeiten ist. Dazu gehört, dass wir ihnen Raum für eigene Fragen und Entwicklungen geben.
Welches Gebiet oder Phänomen des menschlichen Lebens sollte morphologisch untersucht werden?
Mich beschäftigt, wie Menschen in gesellschaftlichen Umbrüchen Halt finden – und wie ihre Versuche, etwas festzuhalten, selbst neue Verwandlungen hervorbringen.
Ein besonders aufschlussreiches Feld ist gegenwärtig der Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Wir lassen uns Texte schreiben, Bilder entwerfen und Entscheidungen vorbereiten. Damit verändern sich auch unsere Vorstellungen von eigener Leistung, Wissen und Urheberschaft. Was geschieht psychologisch, wenn wir etwas als unser Werk erleben, an dessen Entstehung eine KI wesentlich beteiligt war? Welche Wünsche nach Entlastung verbinden sich dabei mit Befürchtungen, die eigene Handlungsfähigkeit einzubüßen? Und welche Funktion können Verweigerung und Widerstand in diesem Zusammenhang haben? Mich interessiert daran auch unsere eigene Forschungspraxis: Wie verändert KI das Beschreiben und Verstehen – und wie bemerken wir, dass sich dabei unser Blick verschiebt?
Eine verwandte Frage beschäftigt mich in meinen Arbeiten zum deutschen Selbstbild: Wie wird Zusammengehörigkeit hergestellt, während Trennungen wirken weiter? Die in meiner Dissertation rekonstruierte „gespaltene Einheit“ bietet dafür einen Ausgangspunkt. Beide Themen führen zu der Frage, wie Menschen Veränderung ermöglichen und zugleich ihre vertrauten Lebensbilder zu erhalten versuchen.
Über welche Berührungspunkte haben Sie die psychologische Morphologie kennengelernt?
Mein erster Kontakt entstand während eines Praktikums in der medienpsychologischen Forschung bei RTL. Als junger Student stieß ich dort auf morphologische Gutachten von Prof. Dr. Blothner, die mich faszinierten. Die Art, wie darin dem Erleben nachgegangen wurde und sich psychologische Zusammenhänge erschlossen, weckte in mir den Wunsch, diese Forschungsweise selbst zu erlernen.
Inspiriert durch diese Gutachten begann ich neben meinem Psychologie-Studium an der Universität zu Köln 1998 an der Kölner Akademie für Markt- und Medienpsychologie (KAMM) eine viersemestrige Ausbildung zum morphologischen Markt- und Medienforscher. Seitdem hat mich die Morphologische Psychologie in ihren Bann gezogen.
Heute verbindet sie die unterschiedlichen Felder meiner Arbeit: die qualitative Markt- und Medienforschung, die kulturpsychologische Beschäftigung mit Selbstbildern und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie die Lehre. Die anfängliche Faszination begleitet mich dabei bis heute: Im scheinbar Nebensächlichen kann sich ein ganzer Wirkungszusammenhang eröffnen – in einer beiläufigen Formulierung, einer alltäglichen Gewohnheit oder einer Irritation im Interview. Diesen Wendungen nachzugehen und dabei auch die eigene erste Erklärung wieder aufs Spiel zu setzen, macht für mich den besonderen Reiz morphologischen Forschens aus.
Welches psychologische Buch nehmen Sie immer mal wieder zur Hand?
Wilhelm Salbers „Wirkungseinheiten“. Das Buch passt zu einer Frage, die sich durch meine Arbeit zieht: Was müssen wir zusammen betrachten, damit eine psychische Bewegung verständlich wird?
Gerade in der angewandten, klassisch qualitativen Forschung besteht die Versuchung, sich zu früh mit einer griffigen Erklärung zufriedenzugeben. Die Beschäftigung mit Wirkungseinheiten hält für mich die Frage offen, wie Menschen, Dinge, Bilder und Tätigkeiten ein Verhältnis bilden, in dem das Einzelne erst seine Bedeutung erhält. Mit einem konkreten Forschungsfall im Kopf ergeben sich daraus immer wieder andere Fragen.
Welches Land würden Sie einmal gerne bereisen?
Japan würde mich reizen. Ich würde mir dort gern Zeit für den Alltag nehmen: durch Wohnviertel gehen, auf Märkten verweilen, Bahn fahren und beobachten, wie Menschen ihre gemeinsamen Räume gestalten.
Mich interessiert an einer solchen Reise auch, was mit meinen eigenen Selbstverständlichkeiten geschieht. Wann glaube ich vorschnell, etwas verstanden zu haben? Und wann wird aus dem zunächst Fremden etwas, das mir einen neuen Blick auf meinen eigenen Alltag eröffnet?
Gestalt und Verwandlung ist das zentrale Urphänomen der psychologischen Morphologie: In wen oder was würden Sie sich gerne für einen Tag verwandeln?
Ich würde mich gern für einen Tag in eine Nachtzugreise verwandeln. Mich fasziniert diese Zeit, in der man schon aufgebrochen und noch nicht angekommen ist: Der vertraute Alltag bleibt zurück, während das Neue erst in Vorstellungen existiert.
Ich wäre neugierig darauf, was die Reisenden aus diesem Zwischenraum machen. Manche würden sofort ihr Abteil einrichten, andere lange aus dem Fenster schauen. Fremde kämen ins Gespräch und erzählten einander vielleicht Dinge, für die zu Hause selten Gelegenheit ist. Irgendwann würden die Gespräche verstummen, während die Reise weiterginge.
Als morphologischer Psychologe könnte ich miterleben, wie Menschen im Unterwegssein vorübergehend heimisch werden – und wie viel Vertrautes sie brauchen, um sich auf Fremdes einzulassen. Am liebsten wäre mir, wenn am Morgen jemand ausstiege und bemerkte, dass sich unterwegs auch sein Blick auf das eigene Leben ein wenig verändert hat.
Herr Dr. Giebel, wir bedanken uns für Ihre Antworten.
